Die Zahl der Verstöße und die der Einnahmen ist in den vergangenen Jahren konstant. Dabei sollen Tempokontrollen doch abschrecken.
Wird Verkehr sicherer?Rhein-Erft nimmt 5,3 Millionen Euro durch Blitzer ein

Der Blitzer an der Ortsumgehung Hürth-Hermülheim an der B265n.
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Martin Gawrisch muss auf so manche Unwägbarkeiten gefasst sein, wenn er als Kämmerer die potenziellen jährlichen Ausgaben und Einnahmen auflistet und das Ergebnis als den Haushaltsplan für den Rhein-Erft-Kreis zusammenträgt. Auf eines kann sich der Kämmerer aber dann doch verlassen: darauf, dass Verkehrsteilnehmer häufig schneller unterwegs sind als sie eigentlich dürften.
Bei den einen sind es nur ein paar wenige Stundenkilometer auf dem Tacho, bei anderen klingelt Gawrischs Kasse vernehmbar lauter, weil sie das Maß für die Geschwindigkeit komplett aus den Augen verloren haben – oder es ihnen rundweg egal war, welche Zahl auf dem Verkehrsschild stand.
Die Geschwindigkeitsüberwachung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmenden
5,3 Millionen Euro an Buß- und Verwarngeld kamen 2025 zusammen. Damit bewegten sich die Einnahmen auf dem Niveau der beiden vorherigen Jahre, 2023 waren es gerade einmal 300.000 Euro mehr. Gleichwohl darf Gawrisch nicht den gesamten Betrag für seine Kasse verbuchen, schließlich müssen die mobilen und stationären Anlagen zur Geschwindigkeitsüberwachung gewartet und mitunter repariert werden.
So wurden beispielsweise 2024 neu in Betrieb genommene Geräte mehrfach beschädigt; zudem fallen nicht zu vernachlässigende Personalkosten in der Bußgeldstelle der Kreisverwaltung an. Nach Recherchen dieser Redaktion beliefen sie sich im vorigen Jahr auf knapp zwei Millionen Euro. 2023 waren es noch rund 240.000 Euro weniger.

Martin Gawrisch ist Kämmerer im Rhein-Erft-Kreis.
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Auch die Sachkosten sind gestiegen, allerdings zwischen 2023 und 2024. Sie verdoppelten sich nahezu auf knapp 170.000 Euro. Nach Angaben eines Sprechers der Kreisverwaltung in Bergheim sei dies darin begründet, dass die neuen in der Wartung, Pflege und Instandsetzung höhere Kosten verursachen.
Er legt Wert auf die Feststellung, dass die Entwicklung der Einnahmen und Ausgaben im Zuge der Geschwindigkeitsüberwachung für den Kreis nebensächlich sei. Die „stetige mobile und stationäre Geschwindigkeitsüberwachung“ leiste einen „wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmenden“.
Die Zahl der Verstöße ist seit 2023 relativ konstant geblieben
2023 haben 84.052 Verkehrsteilnehmer auf den Straßen der zehn Städte des Kreises gegen Tempolimits verstoßen – vermutlich waren es deutlich mehr, aber dies ist die Zahl derer, die dabei erwischt worden sind. Wobei deutlich mehr von der Polizei geblitzt worden sind, nämlich 45.699. An den stationären und mobilen Anlagen des Kreises blitzte es nur 38.353. In den beiden Folgejahren verharrte die Zahl auf vergleichbarem Niveau: 2024 wurden 86.853 Verstöße gezählt, 2025 waren es 81.558.
Das könnte dafür sprechen, dass die Rechnung des Kreises im Hinblick auf die Steigerung der Verkehrssicherheit so nicht aufgeht. Der ADAC hält sich mit einer Einschätzung jedoch bedeckt: Aus der Gesamtzahl der gemessenen Verstöße oder der Summe der Bußgeldeinnahmen lasse sich kein direkter Rückschluss ziehen, ob die Verkehrssicherheit erhöht wurde oder nicht.
ADAC favorisiert direkte Ansprache der Temposünder
Der Kreis bearbeitet in seiner Bußgeldstelle sowohl die Überwachungsergebnisse der eigenen Radarwagen und stationären Anlagen sowie die von der Polizei durchgeführten Messungen, soweit die Verkehrsteilnehmer nicht unmittelbar angehalten werden und direkt ein Verwarngeld zahlen mussten.
Aus Sicht des ADAC sind Geschwindigkeitsüberwachungen ein unverzichtbarer Bestandteil der Verkehrssicherheitsarbeit. Der ADAC hält gezielte Kontrollen – idealerweise als Anhaltekontrollen durch die Polizei – für deutlich sinnvoller als schriftliche Anhörungsbögen zur Tat, die erst Wochen nach dem Verstoß beim Autofahrer eintreffen, sagt ein Sprecher auf Anfrage dieser Redaktion. Die direkte Ansprache an Temposünder durch Polizeibeamte habe einen größeren pädagogischen Effekt, als das Bußgeldschreiben per Post.
Bergheim: Kreis schließt weitere stationäre Blitzer nicht aus
An welchen Stellen die Verkehrslage besonders unsicher ist und daher der Einsatz vor allem der mobilen Anlagen erforderlich oder gerechtfertigt ist, sagt der Behördensprecher indes nicht. Da nicht alle Messtellen gleichzeitig und dauerhaft vom Kreis überwacht würden, könne seine Behörde keine Angaben machen, wo die meisten Tempoverstöße gemessen worden sind.
Bedeutet im Umkehrschluss offenkundig: Im Kreishaus in Bergheim gibt es keine verlässlichen Grundlagen dafür, wann und wo geblitzt wird – und vor allem auf welcher Grundlage. Auf Anfrage heißt es lediglich, die Häufigkeit von Geschwindigkeitsüberschreitungen werde durch verschiedene Faktoren wie Wetter und Urlaubszeit beeinflusst.

Lange war die Messanlage auf der B 59 bei Pulheim-Stommeln in Richtung Neuss sorgfältig verpackt.
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Der ADAC plädiert dafür, das Tempo vor allem an Unfallschwerpunkten zu kontrollieren und überall dort, wo es um die Verkehrssicherheit geht. Wenn im Bereich von Schulen oder Kindergärten geblitzt werde, sei es für die Bürgerinnen und Bürger eher nachvollziehbar als Messungen nachts auf kaum befahrenen Autobahnen.
Der Kreis schließt die Errichtung weiterer stationärer Blitzer nicht aus. Er stimme sich darüber regelmäßig mit den Kommunen, der Polizei und den Straßenbaulastträgern ab. Dabei komme es nicht allein darauf an, dass es sich um einen Unfallhäufungsschwerpunkt handelt, sondern ob an der Stelle eine Anlage überhaupt technisch möglich ist – bei Blitzern außerhalb von Ortschaften könne es an fehlender Stromversorgung mangeln.
Die Technik hat beispielsweise 2024 einen Streich gespielt: Mehrere neue Messanlagen konnten nur mit Verspätung in Betrieb genommen werden, weil die im Boden liegende Technik nicht mit den neuen Anschlüssen kompatibel war. In Pulheim konnte die Anlage auf der B59 erst nach Monaten scharf geschaltet werden, weil es nach Angaben der Kreisverwaltung Probleme mit dem Netzbetreiber gegeben habe.

