Die neuen Besen sind nicht nur ein Klischee in Much. Bürgermeister Karsten Schäfer räumt das Rathaus um. Sein Ziel: mehr Bürgerservice.
100 Tage Bürgermeister in MuchKarsten Schäfer: „Ich bitte darum, mich zu kritisieren“

Altes Büro, neue Rolle: Der neue Bürgermeister Karsten Schäfer hat im Rathaus schon einiges in Bewegung gebracht.
Copyright: Cordula Orphal
Er sitzt wieder dort, wo er schon zehn Jahre verbracht hat: in seinem alten Büro als Beigeordneter. Nach dem kurzen Zwischenspiel in dem modernen, attraktiven Neubau im Gewerbegebiet, wohin die Abteilungen Bau und Technik wegen Platzmangels ausgelagert worden waren, kehrte Karsten Schäfer als Bürgermeister ins Rathaus zurück. Was hat er in den ersten 100 Tagen im Amt bewegt, wo soll es hingehen in Much?
Ihre neue Rolle ist gar nicht weit weg von Ihrer alten als stellvertretender Verwaltungschef, gibt es etwas, das Sie überrascht hat?
Ja. Im altehrwürdigen Rathaus mit seiner Patina herrschen doch mehr gewachsene Strukturen, als ich annahm. Und die passen nicht unbedingt zu den heutigen Bedürfnissen der Bürger. Außerdem ist die Technik teils veraltet. Ein Beispiel: Wer bei uns anruft, hört ein Freizeichen, auch wenn eigentlich besetzt ist. Da kann sich viel Ärger anstauen. Das abzustellen, ist bei zwei Telefonanlagen, die alte ist noch analog, nicht mit einem Klick erledigt. Wir sind dran. Zweites Beispiel: Unsere Bürozeiten sind zu starr. Bürgerfreundlich wäre eine Erreichbarkeit von 8 bis 18 Uhr.
Auch am Freitag?
Warum nicht? Aber all das muss mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besprochen werden, mit der Personalvertretung, mit der Gleichstellungsbeauftragten. Das betrifft hauptsächlich die publikumsintensiven Bereiche, Bauamt, Bürgeramt. Die Digitalisierung ermöglicht viel Flexibilität, man kann auch Dinge wie Terminabsprachen mobil erledigen. Von zu Hause aus.
Haben Sie Begeisterung geerntet oder Abwehr?
Das Verständnis ist durchaus da, aber nicht jeder findet das auf Anhieb gut. Es sind Abstimmungen nötig, wenn sich Aufgaben ändern, Stellen neu zugeschnitten werden - was auch in anderen Ämtern geschieht. Auch Bürowechsel sind nicht unkompliziert; eine gute Gelegenheit übrigens für einen neuen Anstrich. Nach mir sind 30 Beschäftigte im Rathaus umgezogen. Wir müssen den Weg im Sinne des Teams und der Bürger Schritt für Schritt gehen, haben jetzt vielleicht 50 Prozent geschafft. Unsere zwei Leute in der IT sind extrem gefordert.
Schlägt das nicht auf die Stimmung?
Die ist besser als erwartet, es ist ein Aufbruch. Karneval war ein guter Seismograf: Am Mittwoch vor Weiberfastnacht, während ich den ganzen Tag mit dem Mucher Dreigestirn vom Eichhof und anderen Karnevalisten unterwegs war, hat das Team den Rathaussturm bestens vorbereitet. Die Verwaltung arbeitet und feiert gern zusammen. Wichtig ist, dass bei allen Veränderungen Kritik nicht persönlich genommen wird. Das kann schnell passieren, auch weil wir uns überwiegend duzen.

Rathaussturm in Much: Sheriff Schäfer verlor das jecke Gesangsduell.
Copyright: Jonathan Schmitt
Gilt das ebenso für Sie? Darf man den Rathauschef kritisieren?
Aber sicher. Ich bitte sogar darum. Das hat auch etwas mit Vertrauen zu tun. Wenn jeder auf seiner Perspektive beharrt, kommen wir nicht weiter.
Viel Spielraum haben Sie außerhalb des Rathauses nicht. Was kann man im finanzschwachen Much erreichen? Noch dazu, wo Ihre eigene Partei, die CDU, im Gegensatz zu den Grünen, den Haushalt abgelehnt hat.
Die Politik hat eine andere Position, jedes Ratsmitglied wird am Gartenzaun angesprochen. Ich sehe meine Verantwortung für die ganze Gemeinde, die von der Verwaltung vorgeschlagene Grundsteuererhöhung auf 990 Prozent hält auch die Kommunalaufsicht für sinnvoll. Much läge damit an der Spitze im Kreis, zugegeben. Wir haben aber immer noch keinen bewilligten Haushalt, können daher wenig tun, nur einige Dinge in die Wege leiten. Stillstand ist Rückschritt.
Ihre wichtigsten Projekte?
In zwei neuen Wohngebieten, Krahm und Stockensiefen, kann mit dem Bau begonnen werden. Der aufwendige Kanalbau im Zentrum, in der Zanderstraße und Auf dem Beiemich, soll Ende des Jahres fertig sein, die Grundschule Marienfeld im Sommer. Für die Grundschule Klosterstraße steht eine sinnvolle, schnelle und finanzierbare Lösung noch aus. Es gibt Ideen, aber noch nichts Spruchreifes. Das Thema wird den Schulausschuss im März beschäftigen. Schon jetzt kümmern wir uns um den Weihnachtsmarkt, die Aufgaben müssen definitiv und rechtzeitig neu verteilt werden, ich bin in Gesprächen mit den Einzelhändlern und den Vereinen. Die Gemeinde kann den zweitägigen Markt finanziell und personell nicht mehr stemmen, aber gern bei der Organisation helfen. Das funktioniert doch schon seit Jahren in unserer Nachbarschaft, in vergleichbaren Kommunen wie Ruppichteroth und Neunkirchen-Seelscheid.
Im Moment tragen Sie mehr Last, da der Beigeordnetenposten noch unbesetzt ist. Gibt es Bewerbungen, oder findet sich niemand, wie die CDU befürchtete?
Es gibt erfreulicherweise sechs Interessenten, Männer und Frauen, einige aus der näheren Umgebung. Es sind interessante Bewerbungen darunter, die Entscheidung über die Besetzung dieser Wahlbeamtenstelle trifft aber die Politik.

