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Mehrheit will Zuschüsse deckelnFreie Träger der Jugendhilfe in Troisdorf reagieren auf drohende Kürzungen

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Fünf Männer und zwei Frauen stehen vor einem Zaun und lächeln in die Kamera.

Die Vertreter und Vertreterinnen der AWO Sieglar, KJA Bonn und von Hotti positionieren sich gegen festgeschriebene städtische Zuschüsse für ihre Einrichtungen in Troisdorf.

Aus Sicht der freien Träger ist ein kommunaler Sparansatz bei Angeboten für Kinder und Jugendliche eine zu kurz gedachte Maßnahme.

„Unverzichtbar“ ist das Wort, das im Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Freien Jugendhilfe in Troisdorf am häufigsten fällt. Unverzichtbar sei die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen wie dem Troisdorfer Abenteuerspielplatz. Unverzichtbar seien Angebote für junge Menschen auch und gerade außerhalb der Offenen Ganztagsschule (OGS). Und unverzichtbar sei ein angemessenes Stundendeputat für Fachkräfte, die in sozialen Berufen dringend gebraucht würden.

So positionieren sich die Katholische Jugendagentur Bonn (KJA), der Verein Hotti aus Sankt Augustin, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Troisdorf-Sieglar und die Check it – Beratungsstelle Sexualität und Gesundheit gegen einen Antrag der FDP/UWG-Fraktion im Troisdorfer Stadtrat: Der sieht vor, die städtische Förderung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) in Troisdorf im Doppelhaushalt 2026/27 nicht wie geplant zu erhöhen, sondern auf dem Niveau von 2025 festzuschreiben. CDU, AfD und FDP stimmten im Hauptausschuss, wo der Antrag vorgebracht wurde, dafür. SPD und Grüne votierten dagegen. Der Stadtrat entscheidet abschließend am 5. Mai.

Für die betroffenen Träger kommen gedeckelte Zuschüsse einer Kürzung gleich. Wie diese Zeitung berichtete, soll das Café Bauhaus laut Antrag der FDP/UWG-Fraktion jährlich 32.000 Euro weniger als ursprünglich vorgesehen erhalten. Die Jugendbegegnungstätte Brunnenstraße bekäme rund 42.000 Euro weniger als geplant. Für den Abenteuerspielplatz in Sieglar läge das Minus bei 12.800 Euro. Die Verträge mit den freien Trägern müssten für die Festschreibung gekündigt werden, was frühestens im Sommer mit einer Frist von zwölf Monaten möglich wäre. Nach der Ratssitzung Anfang Mai wäre demnach ab Mitte des Jahres 2027 damit zu rechnen.

OKJA-Einrichtungen sind Anlaufstellen für junge Menschen

„Der Antrag sendet ein falsches Signal“, sagt Anna-Lena Berger, Regionalleiterin der KJA für Sankt Augustin, Troisdorf und Meckenheim. „Das Einfrieren der Förderung würde faktisch eine Reduzierung unserer Angebote bedeuten: kürzere Öffnungszeiten, weniger Fachpersonal, sinkende Qualität für die Kinder und Jugendlichen.“

Dabei stellten die Einrichtungen für die jungen Besucher und Besucherinnen, die nicht selten aus belastenden Lebenslagen kämen, alternativlose Anlaufstellen dar. „Dort findet eine Wertevermittlung durch Beziehungsarbeit statt“, fasst es Julius Bemben, Einrichtungsleiter des Spielhauses Sieglar, zusammen. Und auch aus Elternsicht sei man auf die Angebote angewiesen: Einige Menschen könnten sich die OGS oder Vereine finanziell nicht leisten, sagen die Freien Träger.

Anna-Lena Berger: „Aus unserer Sicht gibt es einen hohen Bedarf an entsprechenden Angeboten. Im Café Bauhaus hatten wir im vergangenen Dezember 200 Besuchende pro Woche.“ Der Vorsitzende der Awo Sieglar, Michael Piekatz, spricht von durchschnittlich 55 Kindern, die Einrichtungen wie das Spielhaus Sieglar täglich nutzen – das Abendprogramm nicht mitgezählt.

Abstimmung mit OGS führt aus Trägersicht ins Leere

Die Forderung, die Tobias Kollmorgen (FDP) im Hauptausschuss, in dem der Antrag besprochen wurde, einbrachte, wehren die Träger ab. Laut Kollmorgen müsste das städtische Angebot mit den freien Trägern „besser verzahnt“ werden, etwa bei der Abstimmung der Öffnungszeiten. Berger entgegnet: „Der Nachmittag ist unsere Schlüsselzeit. Unsere Zielgruppe ist oft älter als die Kinder, die in die OGS gehen.“

Seitens der freien Träger heißt es zudem: „OKJA ist ein wichtiges Angebot, um Kinder und Jugendliche zu erreichen, die von anderen Systemen wie der OGS nicht aufgefangen werden.“ Man stelle „Räume für selbstbestimmte Freizeit, informelles Lernen, Partizipation und Demokratiebildung“ bereit, die es in der Form beim Offenen Ganztag nicht gebe.

Die Vertreter der Träger warnen davor, die Bedeutung der  offenen Arbeit im Vergleich zur OGS zu schmälern. „Unsere Einrichtungen sind Schutzräume für Kinder und Jugendliche“, betont Dominik Quigg, Vorstand bei Hotti: „Wir haben andere Möglichkeiten als Einrichtungen mit starren Strukturen.“ Kinder, die sich in der Schule etwa als Verliererinnen oder Verlierer fühlten, könnten bei der OKJA eigene Stärken entdecken und ihre Interessen ausbauen. 

Kurfristig oder langfristig sparen?

Friedhelm Hermann (CDU) unterstützte den Antrag der FDP/UWG-Fraktion im Hauptausschuss und berief sich auf die Notwendigkeit zu sparen. Laut Michael Piekatz stehen die fünfstelligen Summen, die bei den Einrichtungen eingespart werden sollen, in keinem Verhältnis zu den Gesamtschulden der Kommune in „Millionenhöhe“. Die Träger seien zudem bereits darauf bedacht, Förderaufträge extern zu vergeben, um die Kasse der Kommune zu entlasten.

„Falls die Öffnungszeiten sich verringern, verlagern sich die Probleme in den öffentlichen oder digitalen Bereich“, gibt Anna-Lena Berger zu bedenken. Derart alleingelassen, drohten Kinder und Jugendliche eher in Konflikt mit Gesellschaft und Gesetz zu geraten. „Am Ende des Tages machen wir Präventionsarbeit. Das ist für die Kommune günstiger, als etwa Inobhutnahmen.“

Die Sozialbranche sucht nach Fachkräften

Und dann wäre da noch das Problem mit den Fachkräften: Die Arbeitszeiten ab dem Nachmittag seien für einige Qualifizierte nicht attraktiv, wie Berger erläutert. „Die Sozialbranche ist vom Fachkräftemangel betroffen.“ Julius Bemben knüpft an die Problematik an: „Gerade in der Kinder- und Jugendarbeit gibt es viele Krankheitsfälle.“ Mit weniger Personal könne man solche Ausfälle nicht mehr auffangen. Das Ergebnis: Weitere Angebote fielen weg. Insbesondere geschlechtsspezifische Angebote wie Mädchenabende müssten gestrichen werden, wenn Fachkräfte fehlten, fügt Piekatz an. 

Joana Bohl, stellvertretende Geschäfsführerin von Hotti, merkt an: „Die Menschen bei uns arbeiten in der Regel in Teilzeit.“ Von 20 Stunden in der Woche drei weitere abzuziehen, würde einige Mitarbeitende zu einem Wechsel verleiten. Aus Sicht der freien Träger ist es in der Arbeit als Bezugsperson für Kinder und Jugendliche essenziell, genügend Zeit zu haben. Das Thema eingefrorene Förderung sei bei den Mitarbeitenden präsent und mache ihnen Sorge. „Wir tun alles dafür, um die Kürzungen zu verhindern“, versichert Dominik Quigg vom Hotti-Vorstand.

Fehlende Förderung betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche

Anna-Lena Berger sagt: „Von der Politik hätten wir uns eine klare Kommunikation gewünscht.“ Christian Jäger, einer der beiden Geschäftsführer der KJA Bonn, ergänzt: „Ein Austausch wäre wichtig.“ Und Berger fügt an: „Wir beteiligen uns auch gerne bei der Suche von Lösungen.“