Tim Steidten krempelt mit Thomas Kessler das Scouting um – mit neuen Strukturen, neuen Gesichtern und zwei Freistellungen.
Neue Struktur fürs ScoutingWie der 1. FC Köln seine Transfererlöse steigern will

Thomas Kessler (l.) und Tim Steidten bilden die sportliche Führung des 1. FC Köln.
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Vor einem Monat hat Tim Steidten seine Arbeit am Geißbockheim aufgenommen. Der 46-Jährige bekleidet die neu geschaffene Position des „Direktors Kaderplanung und Recruiting“, mit der sich der 1. FC Köln in der sportlichen Führung breiter aufstellen will. Steidten arbeitet Thomas Kessler zu, der als Geschäftsführer die Hauptverantwortung für den sportlichen Bereich trägt. Zuletzt war Steidten Technischer Direktor bei West Ham United, davor war er für Bayer 04 Leverkusen und Werder Bremen tätig. Kessler bescheinigt dem neuen Mann „große Erfahrung und ein starkes internationales Netzwerk“. Steidtens Verpflichtung zieht nach Informationen unserer Redaktion tiefgreifende strukturelle und personelle Veränderungen in der Kölner Scouting-Abteilung nach sich. Talente zu sichten und zu verpflichten soll künftig eine noch höhere Bedeutung haben. Der Aufsteiger verfolgt das Ziel, über eine geschickte Einkaufspolitik regelmäßig Transfererlöse zu erzielen. Das ist Steidten vor allem in Leverkusen gelungen, wo er maßgeblich daran beteiligt war, den Kölnern Florian Wirtz abzuwerben.
Eine Disziplin, in der die Kölner im ligaweiten Vergleich bislang hinterherhinken. Als Vorbild dient allen voran der FSV Mainz 05, der sich zu einem festen Bestandteil der Bundesliga entwickelt hat. Während der FC allein zwischen 2018 und 2024 zwei Abstiege zu verzeichnen hatte, gehören die Rheinhessen seit 2009 ununterbrochen dem deutschen Oberhaus an. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der Klub unter der Führung von Christian Heidel eine funktionierende Transferstrategie entwickelt hat. Der FSV erzielt regelmäßig Überschüsse, die einerseits für finanzielle Stabilität sorgen, andererseits aber auch zur Verstärkung des Kaders verwendet werden. Nach Berechnungen des Branchenportals „transfermarkt.de“ erwirtschafteten die 05er in den vergangenen fünf Jahren einen Transferüberschuss von fast 60 Millionen Euro. Der FC kam im gleichen Zeitraum demnach auf gerade einmal 20 Millionen Euro.

Ex-FC-Profi Marco Höger, bislang für die Kaderplanung der Kölner U21 zuständig, rückt ins Lizenzspieler-Scouting auf.
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Nicht zuletzt, weil sich unter dem ehemaligen Kölner Sportchef Christian Keller nur wenige Verpflichtungen als Verstärkung erwiesen haben. Umgekehrt gingen Talente wie Tim Lemperle (TSG Hoffenheim) oder Justin Diehl (VfB Stuttgart) ablösefrei. Kellers Nachfolger Kessler hat den Auftrag, es besser zu machen. Die Transfers von Rav van den Berg und Jahmai Simpson-Pusey sollen nur der Anfang sein. Zwei junge Innenverteidiger, die vom Sprung in die Premier League träumen – und über den Zwischenschritt Bundesliga eines Tages für eine beträchtliche Ablöse weiterverkauft werden sollen. Ebenjenen Talenten, die beim FC als „Fokusspieler“ geführt werden, soll künftig eine besonders hohe Aufmerksamkeit gelten. Sie sollen noch früher nach Köln gelotst werden. Kein leichtes Unterfangen in einer Zeit, in der die finanziell übermächtige Premier League den Ton auf dem Transfermarkt angibt und auch die deutschen Topklubs über hohe Investitionsmöglichkeiten verfügen.
Um dennoch konkurrenzfähig zu sein, bauen die Kölner ihre Scouting-Abteilung um, die Thomas Kessler neben der Kaderplanung als „zentralen Baustein unserer sportlichen Ausrichtung beim FC“ bezeichnet. Dabei kommt es auch zu Trennungen. Cornelius Jäschke (ehemals Döll/37) und Lennart Strufe (36) wurden nach Informationen unserer Redaktion freigestellt. Jäschke war 2023 von Hannover 96 zum FC gewechselt. Sein Vertrag wäre Ende April ausgelaufen. Das Arbeitspapier von Strufe, der ebenfalls seit drei Jahren für Köln tätig ist, läuft noch länger. Strufe ist einer von drei Scouts, die Christian Keller einst aus Regensburg mitbrachte. Beim FC spricht man von strategiebezogenen Trennungen.
Die strukturelle Neuordnung ist ein wichtiger Schritt, um unsere Kaderplanung künftig noch klarer, vorausschauender und nachhaltig erfolgreich aufzustellen.
Als „Direktor Kaderplanung und Recruiting“ hat Tim Steidten die Leitung des Scoutings übernommen. Neu ist auch die Struktur der Abteilung, die künftig auf den drei Säulen „Live-Scouting“, „Daten- und Video-Scouting“ und „Fokusspieler“ basiert. Der bisherige Chefscout Gabor Ruhr (37) ist nunmehr dem Daten- und Video-Scouting übergeordnet. Der frühere Chefscout Martin Schulz (39) kümmert sich schwerpunktweise um das Live-Scouting, also den Besuch von Spielen. Tobias Vierkötter (29), im Frühjahr von Fortuna Düsseldorf ans Geißbockheim zurückgekehrt, betreut den Bereich Fokusspieler. Schon zu seiner ersten Amtszeit beim FC hat er mit der Anwerbung von Spielern wie Damion Downs, Jaka Cuber Potocnik oder Etienne Borie reichlich Erfahrung gesammelt.
Neben Vierkötter gibt es auch einen internen Zugang: Marco Höger (36) wechselt sofort ins Lizenzspieler-Scouting. Der frühere Bundesliga-Profi war bislang für die Kaderplanung der U21-Mannschaft zuständig. Damit ist Höger nach Konstantin Rausch (36) der zweite Ex-FC-Profi im Kölner Scoutingteam. Weitere Zugänge sollen folgen – im ligaweiten Vergleich sehen sich die Talentspäher des FC noch nicht breit genug aufgestellt. Högers bisherige Aufgabe übernimmt Ex-U21-Spieler Leon Neldner (30), der zuvor in der Akademie für die Anwerbung der nationalen Talente mitverantwortlich war.
Auch das Akademie-Scouting wollen die Kölner weiter ausbauen. Sebastian Kleemann (41) erhält wieder eine leitende Funktion im Nachwuchs, wo er schon vor seiner Zeit bei den Profis gearbeitet hatte. Der langjährige Chefscout des Nachwuchsbereichs, Martin Bülles (44), fokussiert sich von nun an auf die Kaderplanung der U15 bis U19 und rückt somit noch näher an die Begleitung der Leistungsteams heran. Sportchef Kessler sieht in der Neuausrichtung „einen wichtigen Schritt, um unsere Kaderplanung künftig noch klarer, vorausschauender und nachhaltig erfolgreich aufzustellen“. Ein Auftrag, an dem sich Tim Steidten messen lassen muss.
