Florian Wirtz ist der beste Fußballer seiner Generation – wenn man ihn lässt. Ein Kommentar.
DFB nach Sieg gegen SchweizNutzt dieses Ausnahmetalent – Wirtz an den Ball!


Florian Wirtz jubelt im DFB-Dress beim 4:3-Sieg im Testspiel in der Schweiz.
Copyright: IMAGO/Steffie Wunderl
Edin Terzic sagte am späten Freitagabend auf dem Rasen des Baseler St. Jakob-Parks einen bemerkenswerten Satz. Florian Wirtz wisse spätestens nach dieser famosen Leistung beim 4:3 gegen die Schweiz, was man von ihm erwarte – seine Mitspieler in der deutschen Nationalmannschaft müssten nun aber auch vermehrt mit ihm spielen.
Der erste Teil der Analyse des ehemaligen Dortmunder Cheftrainers ist nicht sonderlich inhaltsvoll, da es beim Leverkusener Meisterspieler seit jeher einen gibt, der das Höchste von Florian Wirtz erwartet: Florian Wirtz selbst. Die intrinsische Motivation ist vermutlich das wertvollste seiner zahlreichen Güter. Der zweite Teil der Analyse ist hingegen sehr stichhaltig.
Wirtz ist ein Ausnahmespieler, einer der Größten seiner Generation weltweit – immer noch mit reichlich zu schöpfendem Potential. Wirtz glänzt gern selbst, keine Frage. Sein Verständnis von Fußball geht aber – im Gegensatz zu dem anderer Megatalente – über die eigene Brillanz hinaus. Der 22-Jährige ist Mannschaftsspieler, will vor allem seinem jeweiligen Team zum Erfolg verhelfen – und das nicht nur in der Offensive, sondern auch mit Hingabe in der defensiven Arbeit.
Experten leisten Abbitte
Hat seine Mannschaft den Ball, will ihn Wirtz natürlich stets berühren, allerdings nur, um ihn anschließend möglichst schnell und gewinnbringend an einen Mitspieler loszuwerden, um sich dann erneut freizulaufen und ihn noch schneller wiederzubekommen. Kombinationsfußball, so vorausschauend, dass der Gegner nicht mitkommt, ist die Essenz im Spiel von Florian Wirtz. In Leverkusen war das allen klar. Ex-Mitspieler Patrik Schick sagte im vergangenen Sommer nach dem Weggang von Wirtz: „Es wäre ein Fehler, zu versuchen, Florian zu ersetzen, denn das ist unmöglich. Natürlich haben wir ihm manchmal einfach den Ball gegeben und er hat den Unterschied gemacht. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass er nicht mehr da ist.“ In Liverpool haben sie hingegen ein wenig gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass er da ist.
Für Anhänger der Magie von Wirtz war es im vergangenen Herbst nahezu unerträglich, zu beobachten, wie ihn seine Mitspieler in besten Positionen stehend ignorierten. Mittlerweile haben aber auch Teamkollegen und Experten auf der Insel erkannt, dass die Rekordsumme von rund 130 Millionen Euro womöglich doch nicht so schlecht angelegt ist. Im Achtelfinalrückspiel der Champions League gegen Galatasaray Istanbul halfen zahlreiche Wirtz-Momente, um die Runde der letzten Acht zu erreichen.
Bei der Nationalelf setzte er beim 4:3 gegen die Schweiz mit zwei Assists und zwei Toren noch einen drauf. Wirtz bot seine Klasse so offenkundig dar, dass es selbst für notorische „Der ist doch überbewertet“-Nörgler unmöglich war, ihre Thesen zum Besten zu geben. Auch beim DFB lief Wirtz lange Zeit unterm Radar – wie in Liverpool auch zu einigen Teilen selbstverschuldet. Doch die Terzic-Aussage trifft den Kern. Das Motto muss lauten: Wenn ihr solch einen Ausnahmekünstler habt, nutzt ihn auch. Und zwar indem ihr ihn zum Dreh- und Angelpunkt eures Offensivspiels macht, der möglichst oft den Ball am Fuß hat, um damit etwas Außergewöhnliches anzustellen.

