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Wege in die neue EnergieweltEs muss sich in Zukunft einiges ändern

5 min

Das hochkarätig besetzte Podium im angeregten Meinungsaustausch.

Eine Podiumsdiskussion im Neven DuMont Haus lieferte spannende Erkenntnisse.

Ob Benzinpreisschock oder die Warnung vor Kerosin-Knappheit: Die Energieversorgung dominiert in diesen Tagen die Schlagzeilen. Nach der Blockade der Straße von Hormus in Folge des Irankriegs hat sich einmal mehr gezeigt, wie abhängig Deutschland von Importen fossiler Brennstoffe ist. Es muss sich also viel ändern, sowohl beim Endverbraucher, als auch in der gesamten Energiewirtschaft. Energie entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Standort- und Wettbewerbsfaktor. Wichtige Impulse gaben die Experten eines gut besuchten Informationsabends im Verlagshaus der DuMont Mediengruppe, veranstaltet vom Versorgungsunternehmen RheinEnergie. Die Moderation übernahm Thorsten Breitkopf, Chefreporter Wirtschaft des „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Die Frage ist: Haben wir genug Kraftwerke, die immer zur Verfügung stehen?
Andreas Feicht

Mehr Freiraum ermöglichen

Zum Auftakt der Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wege in die neue Energiewelt“ ging es um eine bevorstehende Neuerung für Hauseigentümer. Das geplante, aber noch nicht in Kraft getretene Gebäude-Modernisierungsgesetz will die umstrittene Vorgabe kippen, wonach neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien laufen müssen. „Das Gesetz wird mehr Freiraum ermöglichen“, so Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der RheinEnergie. Wer allerdings seine alte Gasheizung gegen eine neue Gasheizung austauschen möchte, müsse mit höheren Kosten rechnen. Grund ist die so genannte Biogastreppe, die Eigentümer neuer Öl- oder Gasheizungen ab 2029 verpflichten soll, den Anteil an klimaneutralen Brennstoffen wie Wasserstoff zu erhöhen. Dieser Anteil soll, so die Planung der Politik, zunächst bei zehn Prozent liegen und dann gesteigert werden. Christian Handwerk, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, rät Hauseigentümern, sich genau zu überlegen, welche Heiztechnik die passende für das jeweilige Haus ist. Hierbei spiele das Alter des Gebäudes und der Verbrauch eine Rolle, aber auch die Möglichkeit, Solarenergie auf dem Dach zu produzieren: „Sie können zwar eine neue Gasheizung einbauen, nur ob das eine gute Idee ist, ist eine andere Frage.“ Laut Marc Schmitz, Obermeister der Kölner Innung Sanitär, Heizung, Klima, sind derzeit jedoch viele Eigentümer verunsichert, welche Technik sie nutzen sollen: „Was kommt, was kann ich einbauen, was ist die Zukunft? Das ist das Thema im Moment.“

Wir brauchen bessere Mechanismen, um Krisen effektiver abzufedern.
Sylwia Bialek-Gregory

Raus aus den Fossilen

Andreas Kuhlmann, ab dem 1. Mai 2026 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff-Verbands, sieht Deutschland in einem Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit. „Ich bin ein bisschen bedrückt darüber, dass wir alles, was rund um Energiewende und Klimaschutz so wichtig ist, jetzt so schäbig machen.“ Für ihn steht fest: „Wir müssen raus aus den Fossilen.“ Die Europäische Union habe nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 rund 700 Milliarden Euro für den Import fossiler Energieträger ausgegeben und damit 300 Milliarden Euro mehr als zuvor: „Das war eine schwierige Aufgabe, die die Regierung auch ganz gut gemeistert hat, aber eben sehr, sehr teuer.“ Anstatt alle paar Jahre in Krisensituationen hunderte Milliarden auszugeben, müsse das Geld in eine verlässlichere Energiestruktur investiert werden. „Das Problem von Deutschland ist, dass es energiearm ist“, gab Sylwia Bialek-Gregory, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), zu bedenken. Deutschland werde auch zukünftig Strom und andere Energieträger importieren müssen: „Dennoch kann man bessere Mechanismen haben, Krisen abzufedern.“

Es entwickelte sich eine lebhafte Debatte.

Engpässe befürchtet

Doch wie sieht es aus mit der Versorgungssicherheit? Durch den Krieg in Iran fehlten aktuell 20 Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion, so Andreas Feicht. Auch wenn Deutschland kaum fossile Brennstoffe aus dem Mittleren Osten beziehe, könne es im Laufe des Jahres noch zu Versorgungsengpässen kommen. „Das Hauptproblem ist nicht so sehr, dass wir kein Benzin an der Tankstelle haben, sondern das Hauptproblem sind zum Beispiel Kunststoffe.“ Medizinprodukte, aber auch jede Form von Verpackungen basierten auf Erdöl. Kunstdünger wiederum werde mit Erdgas hergestellt. Hier seien Engpässe für die Lebensmittelindustrie zu befürchten. Langfristig solle der Stromanteil am gesamten Energiebedarf ausgebaut werden, auch der Anteil der Wind- und Solarenergie solle wachsen, um den CO2-Ausstoß zu verringern und Deutschland auf dem Energiesektor widerstandsfähiger zu machen. „Die Frage ist: Haben wir genug Kraftwerke, die immer zur Verfügung stehen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht?“, so Andreas Feicht. International werde mit diesem Problem unterschiedlich umgegangen. Die meisten Staaten stellten den „Erneuerbaren“ eine weitere Technologie wie Kohlekraftwerke oder Atomkraftwerke zur Seite, um den stark wachsenden Energiebedarf zu decken. Da in Deutschland bis 2038 Kohlekraftwerke abgeschaltet werden und Atomkraft nicht mehr zur Verfügung steht, setzt die Bundesregierung unter anderem auf Gaskraftwerke.

Nicht alle Vermieter sind offen für die Solarpaneelen für Balkon oder Terrasse.
Christian Handwerk

Klimaschonende Fernwärme

Eine solche Kombination aus grüner und konventioneller Erzeugung will die RheinEnergie in Niehl realisieren. Hier soll Europas größte Flusswasser-Wärmepumpe entstehen. Die geplante Anlage soll Wärme für 50.000 Haushalte erzeugen und wird mit einem Gaskraftwerk gekoppelt, das bei Bedarf schnell einspringen kann. „Wir flexibilisieren die Produktion“, so Andreas Feicht. Dem Mix verschiedener Technologien gehöre die Zukunft, „optimal aufeinander abgestimmt, abhängig von Verfügbarkeit und Preisen“. Das Gasnetz, so seine Prognose, wird in Köln schrumpfen.

Viele Eigentümer sind verunsichert, welche Technik sie nutzen sollen.
Marc Schmitz

Wasserstoff mit Potenzial

Bialek-Gregory plädiert auch für größere Speicherkapazitäten: „Die Batterien werden uns helfen, die fluktuierende erneuerbare Einspeisung auszugleichen“, so die Expertin. Auch Wasserstoff könne Teil der Strategie sein. Laut Studien vor allem in Bereichen, die nur schwer mit Strom betrieben werden können: „Wenn wir davon ausgehen, dass wir CO2-neutral sein müssen, dann wird Wasserstoff eine große Rolle spielen.“ Das Problem sei nur, dass die Kosten dafür sehr hoch seien. Andreas Kuhlmann berichtet aus langjähriger Erfahrung, dass der Fortschritt immer wieder neue Lösungsansätze hervorbringe, die schwer vorhersehbar seien. Daher plädiert er für Offenheit für neue Technologien: „Vor acht Jahren hat auch noch niemand damit gerechnet, dass wir so viele günstige, große Batteriespeicher haben.“

Im Anschluss an das Gespräch standen die Teilnehmenden für Fragen zur Verfügung.

Positive Erfahrungen

Die Fragen aus dem Publikum bezogen sich unter anderem auf Balkonkraftwerke. Die Solargeräte werden einfach per Stecker mit dem Stromkreis des Haushalts verbunden und erzeugen unkompliziert Sonnenstrom für den privaten Verbrauch. Die Erfahrungen seien positiv, so Christian Handwerk von der Verbraucherzentrale. Nutzer könnten damit Geld sparen, wenngleich die produzierte Strommenge relativ gering sei. Nicht alle Vermieter seien zudem offen für die Solarpaneelen, die am Balkon oder auf der Terrasse aufgestellt werden können: „Aber das ist eher die Minderheit.“

Für mich steht fest: Wir müssen raus aus den Fossilen
Andreas Kuhlmann