Vergleichsdruck schadet der kindlichen Entwicklung, mahnt die Psychologin Anke Ballmann.
Psychologin Anke Ballmann„Muss mein Kind mit drei auch schon Chinesisch lernen?“

Kinder brauchen Vertrauen und die Freiheit, sich ausprobieren zu können.
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Frau Ballmann, seit mehr als 25 Jahren begleiten Sie Kinder, Eltern und Fachkräfte und haben in dieser Zeit mehr als 15.000 Stunden mit Familien gearbeitet. Welche Frage stellen Eltern am häufigsten?
Anke Ballmann: Die häufigste Frage beginnt tatsächlich mit Ab wann muss ein Kind…? – allein einschlafen, laufen oder still sitzen. Die Fragen wirken harmlos, aber dahinter steckt oft die Sorge, das eigene Kind könnte aus der Norm fallen und mit Gleichaltrigen nicht mithalten. Viele Eltern vergleichen permanent – mit anderen Kindern, Tabellen, Erwartungen aus dem Umfeld. Dieser Stress erzeugt Druck. Und Kinder spüren diesen Druck sehr genau.
Was bewirkt dieser Leistungsdruck langfristig bei Kindern?
Wenn sie dauerhaft das Gefühl haben, nicht zu genügen oder funktionieren zu müssen, entsteht Stress. Chronischer Stress in der frühen Kindheit kann sich später in Aufmerksamkeitsproblemen, Erschöpfung oder depressiven Symptomen zeigen. Kinder, die ständig optimiert werden, entwickeln oft Selbstzweifel. Sie lernen: Ich bin nicht gut genug, so wie ich bin – ich muss mehr leisten. Das kann sich wie ein roter Faden durch das weitere Leben ziehen.
Was sind die größten Fehler, die Eltern in der frühkindlichen Phase machen können?
Ein großer Fehler ist, wissenschaftliche Entwicklungstabellen wie einen Fahrplan zu behandeln. Sie zeigen Durchschnittswerte – keine Pflichttermine. Diese Werte beschreiben Bandbreiten, keine Deadlines. Entwicklung ist aber kein Stundenplan, sondern ein individueller Prozess. Ebenso problematisch ist der ständige Vergleich mit Gleichaltrigen – denn jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Problematisch ist auch der Mythos „Je früher, desto besser“. Zu frühe oder dauerhafte Förderung kann überfordern. Kinder brauchen vor allem Bindung, Spiel und Vertrauen – dann entwickelt sich vieles ganz von selbst.
Was sagen Sie Eltern, die auf Instagram 3-Jährige sehen, die lesen oder Geige spielen während und ihr eigenes Kind noch im Sand buddelt?
Auf Plattformen wie Instagram sehen wir meist nur die vermeintlichen Wunderkinder, nicht den normalen Alltag. Das verzehrt die Wahrnehmung, davon sollte man sich nicht verunsichern lassen. Natürlich gibt es Dreijährige, die schon Geige spielen. Und gleichzeitig gibt es Dreijährige, die mit großer Hingabe im Sand fantastische Burgen bauen. Beides ist wertvoll. Beides zeigt Entwicklung. Jedes Kind hat seine eigenen Interessen. Kinder brauchen Zeit und Raum. Wenn wir ihnen diesen Raum geben, können ihre Anlagen, wie eine Blume, wachsen und erblühen.

Anke Ballmann ist Expertin in Sachen Entwicklungspsychologie.
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Ebenso problematisch ist der ständige Vergleich mit Gleichaltrigen – denn jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Kinder brauchen vor allem Bindung, Spiel und Vertrauen – dann entwickelt sich vieles ganz von selbst.
Sind die Sozialen Medien also Schuld daran, dass der Leistungsdruck in der frühkindlichen Erziehung steigt?
So einfach ist es nicht. Plattformen wie Instagram verstärken sicher den Vergleichsdruck, weil dort vor allem außergewöhnliche Leistungen gezeigt werden. Aber Leistungsdruck entsteht auch in Kitas oder durch unnötige Vorschulprogramme. Kleine Kinder müssen auch nicht mit drei Jahren eine Fremdsprache lernen oder ein Instrument spielen. Sie brauchen eine anregende Umgebung, in der sie selbst ausprobieren, entdecken und handeln können. Lernen geschieht vor allem durch eigenes Tun – nicht durch Programme.
Brauchen die pädagogischen Konzepte in Kindergärten also eine Neuausrichtung?
Nach 30 Jahren Praxisarbeit mit Eltern, Kindern und der Erfahrung mit über 15.000 Pädagoginnen und Pädagogen sehe ich vor allem eines: Wir sollten Kinder mehr beobachten und ihnen Impulse geben. Sie brauchen Vertrauen in ihre natürlichen Anlagen – nicht ständig neue Förderprogramme. Statt künstlicher Angebote brauchen Kinder echte, ganzheitliche Lerngelegenheiten. Wenn ein Kind zum Beispiel ein kleines Holzhäuschen baut, plant es, misst, konstruiert und löst Probleme. Dabei trainiert es selbstverständlich mathematische, motorische und kreative Fähigkeiten.
Welche zentrale Botschaft möchten sie Eltern, Fachkräften und anderen Menschen, die sich für eine gute Entwicklung von Kindern interessieren, auf den Weg geben?
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – dieses afrikanische Sprichwort bringt es auf den Punkt. Natürlich sollen Kinder gefördert werden, aber in ihrem eigenen Tempo und mit passender Dosierung. Wenn sich ein Kind noch nicht für Buchstaben interessiert, aber gerne baut, sollten wir genau dort ansetzen und es planen, zeichnen und messen lassen – irgendwann tauchen Buchstaben und Zahlen von selbst auf. Lernen entsteht so aus echtem Interesse, nicht aus Druck. Kinder brauchen Begleitung und Vertrauen, keine Beschleunigung. Eltern und Fachkräfte sollten deshalb genau hinschauen: Was kann das Kind gerade? Wo liegen seine Stärken? Wofür begeistert es sich? Darauf aufbauend lässt sich echte Entwicklung unterstützen.
Ab wann sollten bei den Eltern in puncto Entwicklungsverzögerung dennoch die Alarmglocken schlagen?
Aufmerksam sollten sie dann werden, wenn die Entwicklung ihres Kindes nicht nur etwas langsamer verläuft, sondern über längere Zeit stagniert oder bereits erworbene Fähigkeiten wieder verloren gehen. Auch fehlender Blickkontakt, wenig Reaktion auf Ansprache oder kaum Interesse an Interaktion sind Signale, genauer hinzuschauen. Entscheidend ist die Frage: Entwickelt sich mein Kind in seinem eigenen Tempo weiter? Auch das elterliche Bauchgefühl ist oft ein guter Kompass. Wenn sich eine anhaltende Sorge einstellt, sollten sich Väter und Mütter fachlichen Rat einholen. Ich bin mir sehr sicher, dass viel weniger Kinder Diagnosen brauchen und viel mehr junge Menschen auf Erwachsene angewiesen sind, die hinschauen, ohne zu bewerten.
Zur Person und Lesetipp

Das Buch gibt Eltern und Fachkräften Antworten auf 100 Fragen rund um die Entwicklung eines Kindes
Copyright: Goldegg
Dr. Anke Ballmann engagiert sich seit 30 Jahren für das Wohl von Kindern, für kindgerechtes Lernen und gewaltfreie Pädagogik. Die Entwicklungspsychologin, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin leitet das von ihr im Jahr 2007 gegründete Fortbildungsinstitut „Lernmeer“.
Am 2. März 2026 ist ihr Buch mit dem Titel „Ab wann kann ein Kind…? 100 sichere Antworten auf 100 Fragen zur Entwicklungspsychologie“ im Goldegg-Verlag erschienen (ISBN: 978-3-99060-549-3) Darin erklärt die Autorin psychologisch fundiert, verständlich, alltagsnah und entlastend, warum kindliche Entwicklung kein Wettbewerb sein darf. Das Buch hilft Eltern, Fachkräften und anderen an kindlicher Entwickung Interessierten, Kinder besser zu verstehen.
So können Sie helfen

Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026
- Mit unserer Jahresaktion „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“ bitten wir um Spenden für präventive Projekte in Köln und der Region, die gefährdete Kinder und Jugendliche schützen , fördern und ihnen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen.
- Die Spendenkonten lauten: wir helfen e.V.
- Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
- Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
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