Bundesweit gibt es hunderttausende Menschen, die wegen einer Behinderung oder psychischen Erkrankung nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Das Budget für Arbeit könnte das ändern.
Arbeiten mit BehinderungWie eine Kölnerin den Wechsel schaffte und warum so wenige folgen

Sarah Tao arbeitet heute regulär an der Uniklinik Köln. Sie gehört zu den wenigen Werkstattbeschäftigten, die in ein reguläres Arbeitsverhältnis wechseln konnten.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Sarah Tao rückt ihre schwarze Lederjacke zurecht, schlägt die Beine über. „Ein Wässerchen?“, fragt sie zu Beginn des Gesprächs. Auf ihrem Handy: Notizen, ihr Lebenslauf in Stichpunkten, Stationen der vergangenen zehn Jahre. Es sind viele. Ihr Weg zur Verwaltungsangestellten in der Digitalisierungsstelle der Uniklinik Köln war nicht gradlinig. Sie lebte im betreuten Wohnen, begann eine unterstützte Beschäftigung und brach sie ab, war zwischendurch an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) angegliedert. Heute gehört sie zu dem kleinen Teil im Rheinland, unter einem Prozent, der von dort aus eine reguläre Stelle gefunden hat.
Dass es so wenige schaffen, findet sie schade. „Aus meiner ehemaligen Wohngruppe, aus meinem inklusiven Fußballverein kenne ich die Leute, die in einer Werkstatt arbeiten, und ich sehe keinen Unterschied zu mir.“ Tao spricht normalerweise ruhig, jedes Wort wählt sie mit Bedacht. Beim Thema Werkstätten wird sie schneller. Wie das System funktioniert, findet sie frustrierend. Der Unterschied zu vielen dort Beschäftigten ist für sie klar: Sie sind arm. Sie selbst ist es nicht mehr.
Ein Zuschuss, der den Unterschied macht
Das Budget für Arbeit unterstützt Menschen mit Behinderung beim Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Anspruch haben Personen, die in einer Werkstatt arbeiten oder arbeiten könnten. Weil Werkstätten nur Menschen aufnehmen, die als voll erwerbsgemindert gelten, richtet sich das Budget genau an diese Gruppe.
Finanziert wird ein Lohnkostenzuschuss für Arbeitgeber von bis zu 75 Prozent in NRW. Die restlichen 25 Prozent trägt das Unternehmen selbst. Voraussetzung ist eine sozialversicherungspflichtige Stelle mit einem Einkommen über 603 Euro. Falls der Übergang scheitert, können Beschäftigte jederzeit in die Werkstatt zurückkehren.
Menschen mit Behinderungen haben das gleiche Recht auf Arbeit wie andere Menschen auch. Laut UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Behinderung das Recht, ihren Lebensunterhalt durch frei gewählte Arbeit zu verdienen. Die Realität sieht anders aus: Werkstattbeschäftigte bekommen im Schnitt 224 Euro im Monat. Kritiker sehen darin einen Verstoß gegen die Menschenrechte.
In Köln arbeiteten zum 31. Dezember 2024 insgesamt 3.217 Menschen in einer WfbM. Im Gebiet des Landschaftsverbands (LVR) Rheinland waren es 34.500. Nur 122 wechselten in dem Jahr in ein reguläres Arbeitsverhältnis, also 0,35 Prozent. 2023 nutzten 312 Personen das Budget für Arbeit, 35 mehr als im Vorjahr. Seit 2019 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht, bleibt aber im Verhältnis niedrig – rund ein Prozent gemessen an den Werkstattbeschäftigten im Gebiet. Dabei gibt es keine Obergrenze, wie viele Menschen die Maßnahme in Anspruch nehmen dürfen.
2024 waren es in Köln 33 Menschen. Eine von ihnen ist Sarah Tao. Im Team digitalisieren sie die Akten des Krankenhauses. Tao nimmt die Akten auseinander, scannt, indiziert, lagert oder vernichtet sie. Drei weitere Mitarbeitende mit Behinderung arbeiten dort über betriebsintegrierte Werkstatt-Arbeitsplätze. So hat auch Tao begonnen.
Sarahs Weg: Erst abtauchen, dann ankommen
Ihre Schwierigkeiten im sozialen Umgang machen ihr den Einstieg ins Arbeitsleben schwer. Sie ist introvertiert, hat eine soziale Phobie. Eine Zeit lang kommt sie zu spät auf die Arbeit, weil sie die überfüllten Bahnen in den Stoßzeiten vermeiden will. Nach ihrem Hauptschulabschluss will sie sofort arbeiten. Über das Institut für schulische berufliche Bildung absolviert sie eine dreijährige Ausbildung, macht Praktika. Danach beginnt für sie eine schwere Zeit: Depressionen und eine soziale Phobie. „Schon das Schreiben von Bewerbungen war für mich eine Hürde.“
Ein Minijob scheitert, dann habe sie sich zurückgezogen, sei praktisch einfach untergetaucht, erzählt Sarah Tao. Die Maßnahmen der Arbeitsagentur helfen ihr nicht, allein der Weg dorthin überfordert sie. Dort bekommt sie aber trotzdem irgendwie den Flyer der Projekt Router gGmbH in die Hand. Ein Wendepunkt, wie sie jetzt sagt.
Projekt Router unterstützt Menschen und Unternehmen beim Aufbau inklusiver Beschäftigung. Rund 100 Firmen in Köln arbeiten inzwischen mit der Initiative zusammen. Sie berät zu Fördergeldern, begleitet mit Inklusionscoaches, und versteht sich als Dienstleister für beide Seiten.
Nach kurzen Stationen in einem Schreibwarengeschäft und am Empfang eines Seniorenzentrums wechselt die 28-Jährige Ende 2019 auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz an der Uniklinik, angegliedert an eine Werkstatt. „Ich brauchte den langsameren Weg“, sagt sie. Dort lernt sie die Inklusionscoach Heike Behrendt vom Projekt Router kennen.
Einmal pro Woche treffen sie sich. „Sozialer Umgang war für mich schwierig, und im Arbeitskontext noch mehr.“ Tao setzt sich selbst stark unter Druck. „Wenn etwas nicht passte, war es für mich ein Weltuntergang.“ Behrendt bleibt erreichbar – auch zwischen den Terminen. Sie sprachen über Konflikte, Kritik und über Taos Selbstbild.
Behrendt arbeitet seit 2018 für Projekt Router. „Ich habe schon in der Bodenreinigung mitgearbeitet, um Menschen richtig anleiten zu können“, sagt sie. In der Digitalisierung ließ sie sich Ausschnitte von SAP erklären. Um den Arbeitsprozess der Menschen zu verstehen, die sie begleitet.
Ich wollte zeigen, dass ich mir die Stelle verdient habe.
Zwei Jahre lang durchläuft Tao den Berufsbildungsbereich, wieder eine Art Ausbildung. Sie bekommt Werkstattlohn und Sozialleistungen, die für sie eher wie Taschengeld wirken. Sie bekommt am Anfang knapp 425 Euro. Davon allein könne man keinen Alltag bezahlen. Sie sei vom Amt abhängig gewesen.
Tao ist stark, sticht mit ihrer Arbeit heraus. Dann bietet sich ihr eine unbefristete Stelle. Mit einem Vertrag mit Tarifgehalt. Eine Kollegin mit Beeinträchtigung könnte ebenfalls wechseln, traut sich die Verantwortung aber nicht zu. Für sie sei der geschützte Rahmen besser, sagt Inklusionscoach Heike Behrendt.
Für die junge Frau bedeutet der Wechsel Freude – und neuen Druck. „Ich wollte zeigen, dass ich mir die Stelle verdient habe.“ Auch für ihr Team sei es eine Veränderung gewesen. Das habe auch in ihren Gesprächen eine Rolle gespielt, sagt Behrendt: „Auch vom Team ging dann eine andere Erwartung aus.“ Tao ist nun eine gleichgestellte Kollegin.
Der Wechsel hängt oft an der Werkstatt
Beim LVR arbeiten Eingliederungshilfe und Inklusionsamt zusammen. Sie finanzieren Lohnkostenzuschüsse und Unterstützung am Arbeitsplatz. Anspruch haben Menschen, die Leistungen einer Werkstatt erhalten können. Zusätzlich gibt es ein freiwilliges Budget für Schulabgänger mit Schwerbehinderung.
Ulrich Lüking, Abteilungsleitung im Fachbereich Eingliederungshilfe II, wünscht sich mehr Wechsel. Meist melden Werkstätten die Personen, die wechseln möchten. Der Integrationsfachdienst sucht passende Arbeitgeber. „Wir erfahren nur von wechselwilligen Menschen, wenn die Werkstatt es auch will.“ Damit liege das faktische Wahlrecht oft nicht bei den Betroffenen. Und welche Werkstatt gebe schon ihre stärksten Mitarbeiter gerne ab?

Sandra Taubert (Mitte) und Ulrich Lüking (r.) arbeiten beim LVR im Bereich Teilhabe am Arbeitsleben. Christoph Beyer (l.) leitet das LVR‑Inklusionsamt und verwaltet die Ausgleichsabgabe für Arbeitgeber, die die Pflichtquote schwerbehinderter Beschäftigter nicht erfüllen.
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Sechs bis zwölf Monate dauert ein Wechsel. Praktika gehen meist voraus. Viele kannten ihre späteren Aufgaben schon von Außenarbeitsplätzen – in 90 Prozent der Fälle. Die meisten arbeiten zum Mindestlohn oder etwas darüber, etwa in Lager, Service, Pflege, Einzelhandel oder Gartenbau.
Arbeitgeber wünschten sich klare Ansprechpartner, sagt Christoph Beyer, der das LVR-Inklusionsamt leitet. Sein Rat: Mut haben. „Scheitern gehört dazu.“ Viele Beschäftigte mit Behinderung seien sehr motiviert, und Arbeitgeber berichteten von positiven Effekten im Team. Auf einmal geben alle im Team ein wenig mehr aufeinander acht.
Lust auf Inklusion – aber kein inklusiver Markt
Unternehmen sollten Rückmeldungen geben können und auf den ersten Blick ungewöhnliche Reaktionen einschätzen lernen, sagt Heike Behrendt. Zugleich sollten Beschäftigte mit Behinderung keine Sonderrolle erhalten. Sie gehören ins Team – auch bei Ausflügen und beim Mittagessen.
Projekt-Router-Geschäftsführer Alex Labruier beobachtet, dass viele Unternehmen offen für Inklusion sind. Rund 350 Menschen begleitet die Organisation. Trotzdem sei Deutschland weit vom inklusiven Arbeitsmarkt entfernt. „Wir haben ein Gesetz zur Stärkung eines inklusiven Arbeitsmarktes. Haben wir einen? Nein.“ Warum es einen inklusiven Arbeitsmarkt brauche? „Das ist das Banalste der Welt: Artikel eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und zur Würde gehört auch das Anrecht auf Teilhabe am Arbeitsleben, sagt Labruier.

Die Geschäftsführung von Projekt Router: Alex Labruier und Tanja Apholte. Sie beraten zu Förderungen und begleiten Übergänge aus der Werkstatt.
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Dazu kommt ungenutztes Potenzial: Viele Menschen mit Behinderung stehen dem Arbeitsmarkt gar nicht erst zur Verfügung. „Wir reden immer vom Fachkräftemangel. Das ist richtig, aber zu kurz gedacht. Wir haben einen Kräftemangel“, sagt Labruier. Wer bedarfsorientiert unterstützt werde, könne Stellen besetzen, die heute leer stehen. Inklusion bedeute: die Umstände anpassen, nicht die Menschen.
Für viele Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist der Weg vorgezeichnet: Behinderung, Förderschule, Werkstatt. Mehr als 300.000 Menschen arbeiten in Werkstätten, die Zahl ist seit den 1990er Jahren gestiegen. Dabei ist Deutschland verpflichtet, Sonderstrukturen abzubauen. Die Vermittlungsquote auf den ersten Arbeitsmarkt bleibt niedrig, meist unter vier Prozent.
Viele fühlen sich in Werkstätten wohl. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten betont das regelmäßig. Und die Motivation sinkt: In der Eingangsphase wollen über die Hälfte noch auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln, später sind es nur noch ein Drittel. Werkstätten haben einen Reha-, aber keinen Vermittlungsauftrag. Angehörige und Betroffene müssen sich häufig selbst um Arbeitsplätze kümmern. Viele bleiben daher in Werkstätten, weil der allgemeine Arbeitsmarkt sie nicht aufnimmt.
Geld von einem regulären Arbeitgeber zu bekommen, kein Werkstattlohn – das macht aber doch einen Unterschied. Sarah Tao ist stolz auf den Wechsel, manchmal auch ein bisschen beschämt, dass sie es herausgeschafft hat aus der Werkstatt. Sie weiß natürlich, dass es Menschen gibt, die in der Werkstatt besser zurechtkommen. Sie kennt sie. Doch über die niedrigen Zahlen ist sie trotzdem enttäuscht. Seit letztem Jahr ist sie Bezirksvertreterin für Volt. Als sie in die Partei eintrat, sah sie zum ersten Mal schwarz auf weiß, wie wenige Menschen in Köln diesen Schritt schaffen. Das hat seitdem ihre politische Arbeit geprägt. Wütend macht sie, dass Menschen beim Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt zu wenig unterstützt werden und Politik sowie Werkstätten wegsehen.
Für die Zukunft wünscht sie sich Stabilität. „Ruhiges Fahrwasser“, nennt sie es. Viel Veränderung hat sie hinter sich. „Im Vergleich zu vor zehn Jahren ist so viel passiert. Ich habe mich so viel weiterentwickelt.“ Jetzt soll es beständig sein.

