220 Jahre lang war die Kölner Privatbank in Familienhand. Als sie in Schieflage geriet, zeigten Epstein und ein enger Vertrauter Interesse. Das belegen die „Epstein Files“
„Epstein Files“Jeffrey Epstein wollte Kölner Privatbank Sal. Oppenheim kaufen

Jeffrey Epstein zeigte laut Akten, die das US-Justizministerium veröffentlicht hat, Interesse an Sal. Oppenheim.
Copyright: picture alliance / dpa
Jeffrey Epstein wollte 2009 die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim kaufen. Das geht aus den „Epstein Files“ hervor, die das US-Justizministerium veröffentlicht hat. Mehrere Millionen Akten aus dem digitalen Nachlass von Jeffrey Epstein geben Einblick in die persönlichen Beziehungen des 2019 verstorbenen Sexualstraftäters zu prominenten Figuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und sie offenbaren Epsteins Interesse an dem Kölner Traditionshaus Sal. Oppenheim, das 2009 in Schieflage geraten war. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete nach gemeinsamer Recherche mit WDR und NDR zuerst über den Vorgang.
Nach der Gründung im Jahr 1789 bliebt Sal. Oppenheim 220 Jahre lang in den Händen der adligen Oppenheim-Familie aus Köln. Riskante Geschäfte brachten das Geldhaus 2009 jedoch in arge Schwierigkeiten. Die Bank hatte Aktienpakete des später insolventen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor übernommen, um Kredite an ihre Großkundin, die Quelle-Erbin und Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz, zu retten. Als der Kurs des Papiers immer weiter verfiel, kauften die Gesellschafter der Bank ihrem eigenen Geldhaus einen Großteil der Papiere ab und versuchten damit, das Risiko in die eigene Privatkasse zu übernehmen. Doch als die Bank dann dringend frisches Kapital brauchte, waren umfassende Mittel ihrer Eigentümer gebunden oder verloren. Sal. Oppenheim sollte also aus Not verkauft und die Insolvenz so abgewendet werden.
Epstein sah seine Chance gekommen
Und hier sah Jeffrey Epstein seine Chance gekommen – obwohl sich die Kölner Bankiers bereits in fortgeschrittenen Gesprächen mit der Deutschen Bank befanden. Epsteins Kalkül bei der Offerte: Sal. Oppenheim sollte ihn und seine Geschäftskontakte gegenüber dem Zugriff durch die US-Regierung schützen. Ein Jahr zuvor war Epstein erstmals wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden, es ging um die Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen. Erst Jahre später wurde das gesamte Ausmaß sichtbar: Epstein hatte ein System aus sexueller Ausbeutung und Menschenhandel aufgebaut, über das er zahlreiche Frauen, aber auch Minderjährige in Prostitution und Missbrauch getrieben hatte. Sein Ansehen in den USA hatte schon 2009 Schaden erlitten, und Epstein suchte neue Wege, außerhalb der US-Jurisdiktion Geschäfte zu machen.
Aus zahlreichen E-Mails zwischen Jeffrey Epstein, seinem Vertrauten und Geschäftspartner David Stern sowie Jes Staley, Chef der US-Investmentbank J.P. Morgan, die der „Kölner Stadt-Anzeiger“ eingesehen hat, geht Epsteins Plan hervor. Mit seinem Unternehmen Financial Trust wollte er in Luxemburg eine neue Gesellschaft gründen. Über diese wollte er sich mit finanzieller Unterstützung durch J.P. Morgan zunächst mit 25 Prozent an Sal. Oppenheim beteiligen. 500 Millionen Euro wollte er sich zu diesem Zweck leihen.
Die grundlegende Idee bestand darin, Geschäfte über die Kölner Bank so zu strukturieren, dass sie nicht der US-Aufsicht unterliegen. Epstein schrieb am 7. August 2009 in einer E-Mail an David Stern: „Wir könnten mit US‑Banken Joint Ventures eingehen, ohne dass sie direkt involviert sind, wodurch die Kunden privat bleiben würden – wir würden faktisch als deren chinesische Mauer fungieren.“ Und an einer anderen Stelle: „Niemand, der bei klarem Verstand ist, will eine US‑Bank in seinen innersten Abläufen haben – das würde der US‑Regierung erlauben, dir in die Unterwäsche zu schauen. … Sie würden ihre Privatsphäre behalten und eine nicht US‑regulierte Bank haben, die all den Unsinn nicht mitmachen muss.“

Christopher Freiherr von Oppenheim, damals persönlich haftender Gesellschafter von Sal. Oppenheim, auf einem Foto von 2007.
Copyright: Sal. Oppenheim
Ob es in dieser Zeit tatsächlich einen Kontakt der Sal.-Oppenheim-Eigentümer mit Jeffrey Epstein oder zumindest seinen Leuten gab, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. David Stern behauptete das zumindest in einer E-Mail an Epstein: „Habe mit Baron von Oppenheim gesprochen. Ruf mich zurück.“ Gemeint ist Christopher von Oppenheim, Bankenerbe in siebter Generation, der damals als einer von vier persönlich haftenden Gesellschaftern an der Spitze des Geldhauses stand. Auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ teilte am Freitag ein Sprecher mit, Christopher von Oppenheim wisse nichts von den einstigen Absichten Jeffrey Epsteins, Sal. Oppenheim zu übernehmen.
„Die Idioten“
Dass die Kölner den Schilderungen zufolge zurückhaltend reagierten, auch weil sie nicht genau wussten, wer hinter den von David Stern übermittelten Avancen steckte, ärgerte Epsteins Geschäftspartner offensichtlich sehr. Am 10. August 2009 schrieb Stern an Epstein: „Die Idioten haben eine strikte Exklusivvereinbarung für Verhandlungen mit der Deutschen Bank unterschrieben.“ Es dauerte nicht mehr lange, dann versiegte das dokumentierte Interesse Epsteins an der Privatbank.
Am 28. Oktober unterzeichneten die Deutsche Bank und Sal. Oppenheim einen Rahmenvertrag, wonach die Frankfurter die Kölner Bank zu 100 Prozent übernahmen. 1,3 Milliarden Euro war das Traditionshaus der Deutschen Bank da noch wert.

