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Gas-Notfallplan AfrikaWie der Kontinent Europas Energie-Engpässe lösen soll

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LNG-Tanker im Senegal

Gas-Frachter vor Dakar an der Küste von Senegal: LNG aus Afrika spielt eine wachsende Rolle. (Archivbild)

Europas Suche nach Gasalternativen rückt Afrika in den Fokus. Angesichts neuer Krisen wird der Kontinent als Lieferant immer wichtiger.

Erneut steht die Energieversorgung in Europa vor Herausforderungen. In der jüngeren Vergangenheit haben die Mitgliedsstaaten der EU ihre Anstrengungen verstärkt, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Dabei setzten zahlreiche Nationen auf Importe aus den Vereinigten Staaten und Katar. Aktuelle geopolitische Verwerfungen verdeutlichen jedoch die fortbestehende Anfälligkeit des Kontinents für Versorgungsunterbrechungen.

Die Auseinandersetzung mit dem Iran führte zu einer erheblichen Einschränkung der Produktion in Katar sowie des Handelskorridors durch die Straße von Hormus. Infolgedessen sind die Gaspreise auf dem Großhandelsmarkt stark angestiegen. Dies wirft die Frage auf, ob die umfangreichen Flüssigerdgas-Vorkommen Afrikas nun eine größere strategische Relevanz erlangen.

Afrikas wachsende Bedeutung für Europa

Flüssigerdgas (LNG) vom afrikanischen Kontinent nimmt eine zunehmend wichtigere Funktion ein. „Der Kontinent deckte 2025 über 17 Prozent des europäischen LNG-Bedarfs“, erläutert der Analyst Sean Harrison vom britischen Energie-Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. Die Importe kamen vorwiegend aus Algerien, Nigeria und Angola. Weitere Mengen wurden jedoch auch aus Äquatorialguinea, Mauretanien/Senegal, Kamerun sowie der Republik Kongo bezogen.

Das vorhandene Potenzial ist jedoch deutlich umfangreicher. Gemäß einer statistischen Erhebung des Ölkonzerns BP belaufen sich Afrikas Erdgasreserven auf 12,9 Billionen Kubikmeter und übertreffen damit geringfügig die der USA mit 12,6 Billionen Kubikmetern. Wie die Internationale Energieagentur (IEA) mitteilt, werden laufende Großvorhaben, etwa in Mosambik und Tansania, in naher Zukunft wichtige neue Lieferwege erschließen. Dhesigen Naidoo, Energieanalyst am Institut für Sicherheitsstudien Afrika (ISS), erklärt, der Kontinent sei nicht nur als kurzfristiger Lieferant in Notfällen gut aufgestellt, sondern könne auch zur langfristigen Lösung von Versorgungsschwierigkeiten beitragen.

Die Lage der Gasversorgung in Deutschland

Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur ist die Gasversorgung momentan stabil. Gas aus der Region am Persischen Golf habe für die Versorgung Deutschlands keine entscheidende Bedeutung. Flüssigerdgas-Importe stammen derzeit hauptsächlich aus den USA, wie die dpa meldet. Die Behörde weist jedoch darauf hin, dass die Auswirkungen auf die Preise an den globalen Märkten abhängig von der Konfliktdauer auch hierzulande zu spüren sein könnten.

Im Vorjahr wurde der größte Teil des Erdgases über Pipelines aus Norwegen bezogen. Bedeutende Mengen gelangten zudem über die Niederlande und Belgien nach Deutschland. Etwa zehn Prozent der Gasimporte kamen über die neu errichteten LNG-Terminals an den Küsten von Nord- und Ostsee ins Land. Dieses Gas stammte primär aus den Vereinigten Staaten. Geringere Lieferungen kamen zusätzlich aus Äquatorialguinea. Zu Beginn des Jahres 2026 erhielt Deutschland außerdem LNG aus Kamerun sowie von Gasfeldern, die vor Westafrika liegen.

Strategisch wichtige LNG-Projekte in Afrika

Mosambik entwickelt sich laut IEA zu einem zentralen Standort für den weltweiten LNG-Markt. Vorhaben von TotalEnergies und ExxonMobil stellen dort eine jährliche Produktion von über 30 Millionen Tonnen Flüssiggas in Aussicht. Eine instabile Sicherheitslage durch islamistische Terrorangriffe hat den Start der Produktion zwar wiederholt verzögert, ab 2030 wird jedoch mit ersten Lieferungen gerechnet. Analysten zufolge erfahren risikobehaftete Projekte wie jenes in Mosambik trotz unklarer Zeitpläne eine Neubewertung in einem angespannten Weltmarkt, solange auf lange Sicht größere Liefervolumina zu erwarten sind.

An der Seegrenze zwischen Mauretanien und Senegal im Nordwesten des Kontinents startet das Offshore-Flüssigerdgasprojekt Greater Tortue Ahmeyim (GTA), betrieben von BP und Kosmos Energy, seine Produktionsphase. Geplant ist eine Förderung von bis zu 10 Millionen Tonnen LNG jährlich. Der Einsatz schwimmender LNG-Anlagen erlaubt eine rasche Inbetriebnahme und flexible Lieferungen. Darüber hinaus ermöglicht die geografische Lage in Westafrika im Gegensatz zu den USA kürzere Transportwege nach Europa.

Pranav Joshi, Analyst beim Dienstleister Rystad Energy, stellt fest, dass auch LNG-Vorhaben in Angola, der Republik Kongo, Kamerun, Gabun und Äquatorialguinea für Europa immer wichtiger werden.

Das Wachstumspotenzial des afrikanischen LNG-Marktes

Derzeit besitzt Afrika zwischen 8 und 10 Prozent der global nachgewiesenen Gasreserven. „Da Erdgas auf dem Kontinent bislang nur unzureichend erkundet wurde, könnte dieser Anteil deutlich höher liegen. Es besteht eine realistische Chance, dass er doppelt so hoch ist“, äußert Naidoo. „Afrika verfügt über mehr Potenzial als fast jeder andere Ort auf der Welt.“

Das Forum Gas exportierender Länder (GECF) prognostiziert, dass Afrika bis zum Jahr 2050 beinahe ein Viertel der globalen Investitionen für die Errichtung von LNG-Verflüssigungsanlagen anziehen könnte.

Vorteile von afrikanischem Flüssigerdgas

Nach Meinung von Experten bietet afrikanisches LNG für Europa mehrere entscheidende Vorzüge. Harrison erklärt, dass die geografische Nähe und die damit verbundenen kürzeren Transportrouten eine zügigere Lieferung im Gegensatz zu Anbietern aus den USA oder dem Nahen Osten ermöglichen. Anlagen für schwimmendes LNG, wie sie etwa in Senegal/Mauretanien oder im Kongo zum Einsatz kommen, erlauben eine rasche Inbetriebnahme und flexible Lieferoptionen.

Harrison führt weiter aus, dass diese Anlagen trotz relativ kleiner Produktionsmengen einen stabilen und raschen Zugriff auf zusätzliche Kapazitäten bieten. Damit könnten saisonale Schwankungen in der Nachfrage kompensiert oder Lieferengpässe gemildert werden.

Risiken und Herausforderungen für den LNG-Markt

Ungeachtet des immensen Potenzials sieht sich Afrika mit beträchtlichen Hürden konfrontiert. Laut Naidoo hat der Kontinent mit einer mangelhaft ausgebauten Infrastruktur zu kämpfen. Fehlende Pipelines, Verflüssigungsanlagen und Exportterminals erschweren den Ausbau der LNG-Exporte gegenwärtig erheblich. In Mosambik und Tansania kommt es wegen Sicherheits- und Logistikschwierigkeiten wiederholt zu Verzögerungen bei Großvorhaben. Im nigerianischen Nigerdelta sorgen zudem Unruhen und Sabotageakte für regelmäßige Produktionsausfälle.

Darüber hinaus sind zahlreiche mögliche Lieferländer durch politische Instabilität, unsichere rechtliche Rahmenbedingungen und Korruption gekennzeichnet. Naidoo fügt hinzu, dass afrikanische LNG-Projekte eine besondere Anfälligkeit für konjunkturelle Schwankungen und Schwierigkeiten bei der Finanzierung aufweisen. (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.