Wenn langjährige Mitarbeiter die Firma verlassen, nehmen sie ihr Wissen häufig mit. Das will ein Kölner Start-up mithilfe von KI ändern.
Octonomy AIKölner Gründer bekommen 20 Millionen Euro von Investoren – das kann ihre KI

Die Gründer von Octonomy AI: Sushel Bijhanath (links) und Oliver Trabert.
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Beim Kölner Start-up Octonomy geht es rasend schnell. Kein Jahr ist die KI-Plattform am Start, mittlerweile sind schon 100 Mitarbeiter bei dem Jungunternehmen beschäftigt. Gerade hat Octonomy 20 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt, und den Markteintritt in die USA gewagt – „weil das Geschäft so gut funktioniert“, sagt Gründer Sushel Bijhanath.
„Wir haben eine KI-Lösung gebaut, die es weder in Europa noch in den USA in dieser Form gibt“, sagt Bijhanath. Die Kölner Technologiefirma bietet eine Plattform an, die es Unternehmen ermöglichen soll, eigene virtuelle Mitarbeitende – sogenannte KI-Agenten – zu konfigurieren und für individuell definierte Aufgaben einzusetzen. Das kann im Kundenservice sein, im technischen Support oder bei der Wartung von Anlagen – eben überall dort, wo Fachkräfte heute stark ausgelastet sind.
Das Besondere daran, laut den Gründern: Die KI-Software versteht, verarbeitet und beantwortet nicht nur einfache Anfragen, sondern kann auch mit komplexen Daten wie Warenwirtschaftssystemen, technischen Zeichnungen, Handbüchern oder rechtlichen Dokumenten umgehen. Bijhanath verspricht, dass seine Software nicht halluziniert, so wie es andere KI-Anwendungen tun. So soll kritisches Know-how im Unternehmen nutzbar und verfügbar bleiben, auch wenn Fachkräfte fehlen oder in Rente gehen.
Kölner KI-Unternehmen im Rennen gegen Big Tech
Der Wettbewerb im Rennen um Künstliche Intelligenz ist immens. Allen voran die großen Tech-Konzerne wie OpenAI, Nvidia, Apple, Alphabet und Microsoft. Sie haben teils schon in der vergangenen Dekade begonnen, Automatisierungssysteme im KI-Bereich aufzusetzen. Wie soll eine vergleichsweise kleine Kölner Firma da ein Stück vom Kuchen abbekommen? Für Bijhanath liegt der Schlüssel in der Spezialisierung: „In den Marketingvideos großer Tech-Konzerne sieht man, dass sich deren KI-Agenten mit dem ganzen Unternehmenswissen verbinden. Wenn man das mal ausprobiert, funktioniert das dann nicht so reibungslos, da kommen teilweise schwachsinnige Antworten raus.“
Es gebe zig Systeme, die bei einfachen Anwendungsfällen gut funktionieren, etwa im Kundenservice, wo die Technologie mit einem textbasierten Dokument mit Fragen und Antworten gefüttert wird. „Wenn man sich in einem mittelständischen Unternehmen oder im Großkonzern umgeschaut, dann gibt es nur sehr selten einfache Fälle. Die Daten stammen oft aus Schaltdiagrammen oder hydraulischen Plänen, das kann ein KI-System nicht so gut interpretieren.“
Mit den meisten KI-Systemen schafft man sich aber mehr Arbeit, weil man die Hälfte der Antworten hinterfragen muss
Und dann gibt es im Mittelstand häufig noch eine weitere Besonderheit: Das Wissen liegt bei einzelnen Mitarbeitern, und wenn die ausfallen, den Job wechseln oder in Rente gehen, nehmen sie ihre Expertise mit. „Wir bauen ein System, das von dem Kollegen lernt und sein Wissen in die nächste Generation befördert“, sagt Bijhanath. „Es klingt häufig so, als ob man nur noch zwei, drei Knöpfe betätigen müsse und dann ist das gesamte Unternehmen automatisiert. Mit den meisten KI-Systemen schafft man sich aber mehr Arbeit, weil man die Hälfte der Antworten hinterfragen muss.“
Bijhanath weiß, wovon er spricht, denn er hat schon diverse Firmen gegründet. Gestartet ist er als Berater bei der Boston Consulting Group, wechselte dann um die Jahrtausendwende nach Köln zur RTL-Gruppe. 2007 gründete er Learnship, eine Online-Fremdsprachschule für Unternehmen. Mit dem dortigen Technologiechef Oliver Trabert baute er 2022 Talentship.io auf, eine Plattform, die beispielsweise den Kundenservice mit KI automatisiert.
Spezialisierung als Wettbewerbsvorteil
Mit Octonomy drängt nun also ein weiteres Kölner KI-Start-up auf den Markt. Auch hier ist er hart umkämpft. Der Übersetzungsdienst DeepL, der sich auf präzise Übersetzungen spezialisiert und im Herbst erstmals einen KI-Agenten für Unternehmen vorgestellt hat, sucht seinen Vorteil in der Spezialisierung. Ebenso die Software-Plattform Neuland.ai, die Firmen helfen will, nie mehr nach Wissen zu suchen. Ein KI-Assistent kennt alle Informationen, legt Wissenskataloge an, schreibt Angebote, macht Zusammenfassungen und das, so bewirbt es das Unternehmen, sicher, zuverlässig, vertrauenswürdig und rechtskonform.
Auch Octonomy will mit Künstlicher Intelligenz und Wissensautomatisierung Geld verdienen. Ein Schulterschluss mit der Kölner Konkurrenz macht laut Bijhanath aber keinen Sinn. Im Moment versuche jeder für sich zu wachsen, Kapital zu mobilisieren, das eigene Produkt so weiterzuentwickeln, dass es eine relevante Größe im Markt erreicht.
Wer Octonomy nutzen will, muss eine Lizenzgebühr zahlen, 50 Kunden gibt es schon, darunter laut Gründer-Angaben beispielsweise der Mode-Filialist Tom Tailor, die Großbank HSBC und die Energiegenossenschaft Prokon. Auch in den USA sind schon erste Kunden dabei, das Geschäft läuft hier gerade erst an. „Der beste Kunde für uns ist jemand, der gerade mit KI auf die Nase gefallen ist. Der hat nämlich verstanden, wo das Problem mit KI liegt, und wir können zeigen, dass es unsere Plattform besser macht“, sagt Bijhanath. Wie viel Umsatz zu Buche steht, will der Unternehmer nicht sagen. Auch profitabel sei die Firma nicht, was in den ersten Jahren eines Start-ups allerdings auch nicht weiter verwundert.
Mit den frischen Millionen, die unter anderem von der landeseigenen NRW-Bank stammen, wollen die Gründer im ersten Quartal 2026 weitere Mitarbeiter in Vertrieb und Marketing sowie KI-Ingenieure einstellen. Dann sollen rund 50 Leute in Köln arbeiten, der Rest verteilt sich auf den Programmierer-Standort Indien und standortunabhängige Arbeitsplätze. Im neuen Jahr hat Bijhanath viel vor: „Wir wollen 2026 das schaffen, wofür Unternehmen typischerweise vier, fünf Jahre brauchen. Wir wollen ein substanzielles Geschäft in Deutschland aufbauen und mit unserer Marke Octonomy dafür bekannt sein, dass wir wirklich beim Fachkräftemangel helfen.“

