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Teilzeit-Debatte„Politik soll den Menschen nicht vorschreiben, wie lange sie arbeiten“

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IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber im Porträt

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erklärt, dass Teilzeit zusätzliche Arbeitskräfte mobilisiert hat, statt Arbeitszeit zu verringen.

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist die CDU-Vorschläge für eine Begrenzung von Teilzeit zurück. Er sieht ganz andere Baustellen für die Politik.

Herr Weber, der CDU-Wirtschaftsflügel will das Recht auf Teilzeit beschränken. Lässt sich so der Fachkräftemangel in Deutschland bekämpfen?

Enzo Weber: Deutschland verliert in den kommenden 15 Jahren aus Alterungsgründen 7 Mio. Arbeitskräfte. Wir brauchen also die Arbeitsstunden! Aber Aufgabe von Politik ist es nicht, den Menschen Ansagen zu machen, wie lange sie arbeiten sollen. Sondern Politik muss Rahmenbedingungen gestalten, Anreize verbessern und Unterstützung bereitstellen. Auf dieser Basis entscheiden die Menschen dann selbst.

Muss die Teilzeitquote denn sinken, damit es der Wirtschaft besser geht?

Die Teilzeitquote ist seit Jahrzehnten gestiegen, zuletzt auf über 40 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Frauen, Ältere und auch Studierende im Arbeitsmarkt aktiv sind – oft in Teilzeit. Das sind also nicht weniger, sondern zusätzliche Erwerbsstunden.


Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen (MAKRO) am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sowie Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg. Weber ist Arbeitsmarktforscher, Makroökonom, Prognostiker und Ökonometriker und berät in dieser Funktion nationale und internationale Regierungen, Parlamente, Institutionen, Parteien und Verbände.


Es liegen also keine Potenziale für den Arbeitsmarkt brach?

Doch, da ist noch viel drin – besonders wenn wir dafür sorgen, dass die berufliche Entwicklung von Frauen in der Kinderphase nicht mehr abknickt.

Die Wirtschaft stagniert, zuletzt hat die Arbeitslosigkeit zugenommen. Hat sich der Fachkräftemangel in Deutschland damit schon erledigt?

Nein, die Arbeitslosigkeit steigt, aber die Fachkräfte bleiben trotzdem knapp, auch in den Industrieberufen.

Wie das? Lassen sich die freigesetzten Fachkräfte nicht auf neue Tätigkeiten umschulen?

Eine Umschulung, also etwa einen Industriearbeiter zur Pflegekraft zu machen, ist großflächig gar nicht nötig. Die Industriekräfte müssen aber in neue Anwendungen hinein entwickelt werden. Es gibt genügend Felder, auf denen technische Kompetenzen gefragt sind, in der Wasserstoffwirtschaft etwa, bei Speichertechnologien, in der Rüstung.

Und das geschieht nicht?

Der Fehler liegt darin, dass häufig versucht wird, die Transformationskrise aufzuhalten. Die lässt sich aber nicht aufhalten. Statt den Bestand im Blick zu haben, müssen wir auf der Erneuerungsseite aufs Gas treten. Dazu gehört auch Bewegung im Arbeitsmarkt.

Die Menschen müssen sich also auf berufliche Umbrüche einstellen?

Ihre Grundqualifikationen werden weiter gebraucht. Aber der Umbau der Industrie muss schnell gehen. Sonst hängen die Betroffenen in der Langzeitarbeitslosigkeit fest oder gehen in Frührente.

In der letzten Zeit häufen sich die Meldungen auch über Stellenabbau auf Verwaltungs- und Managementebene. So war bei der Deutschen Bahn von 1000 Managementposten die Rede, die wegfallen könnten. Aldi Süd streicht laut Berichten jede vierte Stelle in der Mülheimer Zentrale. Wie kann es sein, dass all diese Mitarbeiter plötzlich nicht mehr gebraucht werden?

Durch die schlechte wirtschaftliche Lage werden derzeit quer durch die Bank Stellen in Deutschland abgebaut. Das trifft auch, aber nicht vor allem die Verwaltungseinheiten. Man muss sich klar machen: In der Industrie verlieren wir derzeit jeden Monat 10.000 Jobs.

„Wir erleben eine Nicht-Einstellungskrise“

Warum ist der Stellenabbau jetzt so abrupt? Die wirtschaftliche Flaute dauert ja schon eine Weile an.

Riesige Entlassungswellen sehen wir derzeit gar nicht. Auch wenn einzelne Meldungen einen anderen Eindruck erwecken. Verglichen mit der Vor-Corona-Zeit liegt das Niveau der Entlassungen sogar niedriger. In großen Organisationen bilden sich über die Zeit ganz automatisch Strukturen, die hin und wieder angepasst werden müssen. Ein ökonomisch schwieriges Umfeld ist dann oft der Anlass, um dieses Problem anzugehen. Viel wesentlicher ist aber: Wir erleben eine Nicht-Einstellungskrise.

Spielt dabei auch der Einsatz von KI eine Rolle?

Wenn man künstliche Intelligenz richtig anwendet und die Technologie nicht nur für irgendwelche Flausen einsetzt, dann schafft das neue Wertschöpfung – und das geht auch mit einer Reorganisation von Arbeit und Führung einher.

Hat man – auch mit Blick auf den demographischen Wandel – zu lange versucht, Fachkräfte im Unternehmen zu halten, die gar nicht unbedingt gebraucht wurden?

Es war kein Fehler, Fachkräfte zu halten. Die deutschen Unternehmen haben auch in Konjunkturabschwüngen, etwa während der Corona-Zeit, ihre Beschäftigten gehalten, weil ihnen klar war: Wen wir jetzt gehen lassen, den bekommen wir später nicht mehr wieder. Diese Einstellung trägt aber nur, so lange es eine Perspektive gibt, dass die Krise auch einmal wieder endet. Wenn man sich derzeit in der Industrie umhört, wird man feststellen, dass die Perspektive oft fehlt.

Steckt hinter den Entlassungen in Großunternehmen auch ein Trend, Tätigkeiten auszulagern?

Zunächst: Verlagerungen ins Ausland sieht man derzeit nicht in einem Umfang, den man angesichts öffentlicher Debatten erwarten würde. Die Auslandsdirektinvestitionen deutscher Unternehmen liegen so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Und im Inland?

Im Inland sind die Unternehmensdienstleister tatsächlich schon länger gewachsen. Bei der Diskussion schwingt oft der Verdacht mit, dass teure Stellen in den Betrieben wegfallen und die ehemaligen Beschäftigten durch günstigere Dienstleister ersetzt werden. Das kann schon einmal der Fall sein. Es ist umgekehrt aber auch nicht gesagt, dass es immer sinnvoll ist, sämtliche Funktionen unter einem Dach anzusiedeln.