Das Leon in Pulheim bietet „gehobene Wohlfühlküche“. Was sich dahinter verbirgt, hat unser Kritiker Carsten Henn herausgefunden.
Henns GeschmackssacheDas „Leon“ in Pulheim überzeugt mit modern interpretierten Klassikern

Stilvolle Atmosphäre in Pulheim: das Restaurant Leon
Copyright: Arton Krasniqi
Kennen Sie Yasin Yesilmen? Gute Köche sind rar, gute Restaurantleiter fast noch mehr. Deshalb versuche ich auch bei ihnen im Blick zu behalten, wohin sie wechseln. Yasin Yesilmen übte die Funktion in Julia Komps Restaurants Lokschuppen und Sahila aus. Nun ist er in Pulheim angekommen, wo im letzten Mai das Leon eröffnete. Untergebracht ist es im ehrwürdigen Canishof, einem prachtvollen Herrenhaus aus dem Jahr 1850, das zuvor fast fünf Jahre leerstand.
Noch eine weitere kulinarisch-vielversprechende Spur führt ins Leon – und die hat mit Namensgeber Leon Edery zu tun. Der lernte sein Handwerk auf Schloss Loersfeld (Kerpen), im MaiBeck (Köln) und arbeitete dann im Familienbetrieb, dem Weinhaus Bosen (Erftstadt).

Restaurantleiter Yasin Yesilmen (links) und Inhaber Leon Edery
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„Gehobene Wohlfühlküche“ hat man sich auf die Fahne geschrieben. Klingt erstmal gut, nur was steckt dahinter? Die Speisekarte macht einen sehr italienischen Eindruck: viel Pasta und Risotto, dazu ein paar Klassiker der deutschen oder österreichischen Küche wie Tafelspitz, Sauerbraten, Kalbsbäckchen, oder Feldsalat mit Speck. Selbst Asien findet sich mit einer Erdnuss-Kokos-Chili-Suppe samt Zitronengras und Limettenblatt. So ein Kessel Buntes ist mir immer ein wenig suspekt.
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Fair kalkulierte Weinkarte
Der Feldsalat mit hausgemachtem Kartoffel-Dressing, Speck, Croutons und Himbeeren ist in der Säure prima ausbalanciert, die Parmesansuppe mit viel gehobeltem Trüffel obenauf wunderbar schaumig, und das Rote-Bete-Carpaccio schön dünn geschnitten. Dazu gibt es Mayonnaise von roter Bete sowie intensiven, obenauf karamellisierten Ziegenkäse. „Vitello Tonnato à la Leon“ klingt wie eine Spezialität des Hauses, das Gericht stellt sich als leichte Variation des Klassikers heraus.
Frischer Thunfisch auf sous-vide gegarten Scheiben vom Kalb mit Tupfern von Thunfisch-Limetten-Creme, Parmesanspänen, Kapern, Senfkörnern, Kresse und einem beherzten Dreh der Pfeffermühle. Die Proportionen stimmen nicht ganz und das Anrichten könnte formschöner sein, aber wenn man die richtige Mischung findet, funktioniert dieses Gericht geschmacklich sehr gut.
Bis zu den Hauptgängen dauert es sehr lang – da hilft es, dass die Größe der Weinkarte für ein so junges Restaurant ordentlich und zudem von Yasin Yesilmen kundig zusammengestellt ist. Viel aus Deutschland findet sich darauf, aus Frankreich ist vor allem das Burgund vertreten, dazu Italien und ein wenig Neue Welt, all das fair kalkuliert. Genossen wird hier aus angemessenen Riedel-Gläsern.

Das Rote-Bete-Carpaccio ist schön dünn geschnitten. Dazu gibt es Mayonnaise von roter Bete sowie intensiven, obenauf karamellisierten Ziegenkäse.
Copyright: Carsten Henn
Bei den Hauptspeisen hat das Risotto mit gebratenem Fenchel dann zwar angenehmen Biss, aber mit Salz und Safran meinte es Edery zu gut. Die „Lasagne à la Leon“ klingt nach einer weiteren Hausspezialität mit kreativem Dreh. Das auf der Karte genannte Finish mit Basilikum-Pesto stellt sich aber nur als kleiner, aromatisch wenig wirksamer Klecks heraus. Das Gericht an sich ist aber handwerklich souverän, mit gut abgeschmeckter Bolognese, (etwas zu wenig) Béchamel und geschmolzenem Käse on top.
Ebenfalls gelungen: die ansatzweise al dente gegarten Tagliolini mit frischem Trüffel, die in einem knusprigen Parmesannest serviert werden – was ich kulinarisch ja immer fraglich finde. Wer isst mit Genuss so viel Parmesan? Man kann den Gang zusätzlich mit Rinder-Carpaccio bestellen, das unter dem Nest angerichtet wird. Auch hier stimmt die Produktqualität, aber es ist eine herausfordernde Aufgabe, perfekte Gabeln aus den Komponenten zusammenzustellen.
Dessert in einer frisch ausgehöhlten Ananas
Das Highlight der Hauptgänge ist ein ebenso knusprig wie saftig auf der Haut angebratenes Zanderfilet, mit herrlichem Rahmsauerkraut, Kartoffelpüree, karamellisierten Walnüssen und Trauben. Tolle Kombi, herzhaft abgeschmeckt. Treffer!
Und auch bei den Desserts wird nicht geschwächelt. Geradezu spektakulär: das angenehm sämige Piña-Colada-Dessert in einer frisch ausgehöhlten Ananas – die Idee hat Edery aus Madeira mitgebracht. Klassisch-gut die Crème brûlée, zwar mit etwas zu dicker Karamellschicht, aber einem angenehm säurebetonten Himbeersorbet. Die Schoko-Haselnuss-Schnitte stammt von der großartigen Kölner Patisserie Lumière und wird von frischen Beeren sowie etwas Schokoladenmousse flankiert.

Das Highlight der Hauptgänge ist ein ebenso knusprig wie saftig: auf der Haut angebratenes Zanderfilet, mit herrlichem Rahmsauerkraut, Kartoffelpüree, karamellisierten Walnüssen und Trauben.
Copyright: Carsten Henn
Und Yasin Yesilmen? Der ist so kompetent, aufmerksam und warmherzig wie eh und je. Im Sommer sitzt man übrigens nicht nur drinnen schön, sondern auch im Biergarten hinter dem Haus. Nur einen kleinen Haken gibt es: ausschließlich Kartenzahlung.
Fazit: Tolle Neueröffnung in Pulheim, mit richtig gut gekochten Klassikern in schönem Ambiente.
Bewertung: 5 von 6
Restaurant Leon, Alte Kölner Str. 26, 50259 Pulheim, Mi-Mo 18–22 Uhr, Fr-So und an Feiertagen auch 12-15 Uhr, Tel. 02238/4784399, www.leon-pulheim.de
Henns Auswahl:
Parmesan-Trüffel-Suppe // 12,50 €Vitello Tonnato à la Leon // 17,50 €Rote-Bete-Carpaccio // 16,50 €
Lasagne à la Leon // 21,50 €Zanderfilet // 28,50 €Safran-Fenchel-Risotto // 21,50 €Tagliolini Trüffel // 26,50 € (plus 7 € mit Rinder-Carpaccio)
Piña-Colada-Dessert // 14,50 €Schoko-Schnitte // 13,50 €Crème brûlée // 11,50 €
4-Gang-Menü 69 €


