Das Café Wahlen zählt zu den ältesten und renommiertesten Cafés in Köln. Ein Besuch zwischen Nostalgie und Sahnesteif.
Lieblingsort Café WahlenMarmorkuchen mit und ohne Eierlikör – muss man noch mehr sagen?

Das Café Wahlen bezaubert mit nostalgischem Flair jenseits von Biederkeit. Es gibt viele kulinarische Gründe, es zu besuchen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Der ikonische Schriftzug, die Markisen, die Pralinen und Torten im Schaufenster - das Café Wahlen ist schon von außen eine Augenweide. Drinnen verschlägt es Erst-Besuchern regelmäßig die Sprache. Zugegeben, man muss eine Schwäche für die 50er/60er Jahre haben. Alte BRD trifft Tortenguss. Wenn man das Café Wahlen betritt, betritt man eine Zeitkapsel: Dicker Teppichboden, gestärkte Tischdecken, Samt und Wiener Geflecht, mehrarmige Kronleuchter, Stofftapete und bunte Bleiglasfenster.
Das Servicepersonal trägt Weste und Spitzenschürze. Am Tisch stehen bereits die frisch polierten Silbermenagen. Man fühlt sich fast ein bisschen underdressed. Und dennoch ist das Café Wahlen kein Ort, wo nur die vermeintliche Schickeria sitzt und Schnapspralinen frühstückt.

Ein Ambiente, das besteht und Trends ignorieren kann.
Copyright: Alexander Schwaiger
Das Café Wahlen ist erstaunlich bürgerlich und serviert zum Beispiel grundsolide Mittagsgerichte, wie Rahmspinat mit Salzkartoffeln und Spiegelei. Aber fangen wir von vorne an. Die belebte Geschichte des Cafés beginnt 1911 am Heumarkt. Seit jeher versorgt die Familie Wahlen die Kölnerinnen und Kölner mit prächtigen Torten, handverziertem Feingebäck, hausgemachten Baumkuchen und Pralinen. Nach diversen Umzügen und dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, wird das Café mittlerweile in der vierten und fünften Generation geführt.
Nicht Matcha Latte, nicht Macadamia Cookie - Dieser Ort steht für traditionelles Konditorenhandwerk
Es ist ein Ort, der für traditionelles, deutsches Konditorhandwerk steht. Nicht die feine französische Patisserie, nicht moderne skandinavische Backkunst, kein Bananenbrot, kein Matcha Latte, keine Macadamia Cookie, sondern große Tortenstücke, Buttercreme, mit Likör getränkte Teige und Massen, Biskuitrouladen, Sahnerosetten und Tortenguss. Von diesen Konditoreien gibt es in Köln nicht mehr besonders viele und mir persönlich liegt der Artenschutz von Gebäckschaffenden sehr am Herzen. Wobei ich mir beim Café Wahlen eher keine Sorgen machen muss, hier steht man am Wochenende zur besten Kaffee-Kuchen-Zeit auch gerne Mal in der Schlange und wartet auf eine Platzierung.

Die Torten sind ein Grund, zur Kaffee-Kuchen-Prime-Time Schlange zu stehen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Diese Zeit kann man durchaus sinnvoll nutzen und schon mal die Kuchenvitrine in Augenschein nehmen. Frankfurter Kranz, Nougattorte, Flockensahne, Marmorkuchen mit und ohne Eierlikör, Eclairs, Erdbeertörtchen, Babas, Petit Fours, Käsekuchen mit Mandarinchen - alleine auf der Speisekarte sind über fünfzig Torten, Kuchen und Desserts aufgeführt. Das Gebäck wählt man allerdings nicht am Tisch, sondern ganz klassisch an der Theke. Dort erhält man ein nummeriertes Zettelchen und dieses übergibt man dem Servicepersonal.
Protein-Maxxing à la Wirtschaftswunder: Heringssalat, Fleischsalat, Braten - alles auf einem Teller
Wer in diesen heiligen Hallen Sätze von sich gibt wie „Ich bin ja nicht so für süß“ möge vom Blitz getroffen werden (natürlich nicht), hat aber dennoch eine erhebliche Auswahl an herzhaften Speisen. Ich empfehle aus tiefstem Herzen die Speisekarte mit höchster Aufmerksamkeit und Geduld zu studieren. Hier findet man Schätzchen, die man seit Jahrzehnten auf keiner Karte mehr gelesen hat. Russiche Eier, Geflügelsalat „Hawaii“, hausgemachte Königinpasteten mit Ragout fin, diverse Schnittchen unter anderem mit Roastbeef oder Cervelatwurst und mein Favorit der Hausteller mit Kartoffelsalat, Heringssalat, Fleischsalat, kaltem Braten und Spiegelei. So ging Protein-Maxxing im Wirtschaftswunder.

Wie viel Zeit sollte man zwischen Rührei und Engadiner Nussschnitte einplanen?Auch das Frühstück bei Wahlen lohnt.
Copyright: Alexander Schwaiger
Selbstverständlich kann man im Café Wahlen hervorragend frühstücken. Auf diversen Nachbartischen steht der Sektkühler und man sieht den Herrschaften ganz genau an, dass sie gerade alle überlegen, wie viel Zeit man zwischen Rührei und Engadiner Nussschnitte einplanen sollte. Und da hat man die Eisbecher und das Tagesgericht noch nicht entdeckt.
Das Café Wahlen ist der Ort, wohin man die Eltern ausführt, wo man mit der besten Freundin beratschlagt oder wo man sich ganz alleine ein Stück Eierlikörsahne samt Kännchen Kaffee und Tageszeitung gönnt. Zahlreiche betagte Damen in Kaschmir, mit Perlen am Ohr, machen es vor und ich liebe alles daran.
Café Konditorei Wahlen, Hohenstaufenring 64, 50674 Köln, Telefon: 0221/231625, Öffnungszeiten: Di–Fr 11–18 Uhr, Sa + So 10-18 Uhr, www.cafe-wahlen.de

Ikonischer Schriftzug am Hohenstaufenring in der Kölner City
Copyright: Alexander Schwaiger
Meine Auswahl:
Maraschinosahne (mit Likör) // 5,30 Euro
Frankfurter Kranz // 5,30 Euro
Toast Hawaii mit Ananas, Schinken und Käse // 11,70 Euro
Schnittchen Roastbeef mit Kartoffelsalat // 16,40 Euro
Mittagstisch: Spiegelei, Rahmspinat, Salzkartoffeln und Dessert // 15,- Euro


