Maßschneider Carlo Jösch entdeckte schon früh seine Begeisterung für Schottland. Ein Kölner Steuerberater ist begeistert.
Carlo Jösch schneidert KiltsEin Chilene, der in Köln Schottenröcke anfertigt

Seit 20 Jahren fertigt der Maßschneider Carlo Jösch in seinem Atelier Schottenröcke. Er ist einer von nur zwei offiziell anerkannten Kilt-Machern in Deutschland.
Copyright: Susanne Hengesbach
Carlo Jösch ist in Santiago de Chile geboren – somit rund 12.000 Kilometer entfernt von dem Land, in dem man gerne den Dudelsack spielt und über Seeungeheuer spekuliert. Zwischen Köln und Edingburgh liegen auch immerhin zwölfhundert Kilometer und trotzdem gibt es hier wohl kein anderes Geschäft, in dem die Verbindung zu Schottland so offenkundig ist wie im Atelier des Maßschneiders Jösch auf Gregorius-Maurus-Straße. Herren, die dieses Geschäft verlassen, tragen nicht selten einen Rock nach Hause – oder gleich mehrere.
Paul Georg Fickus ist einer dieser Herren. Der 61-jährige Kölner Steuerberater hat für seine zweite Maßanfertigung ein graues Karomuster gewählt; einen Tartan namens „Hebridian Mist“, der keine hervorstechende Farbigkeit hat und daher als „Allrounder“ zu bezeichnen wäre, als Kleidungsstück für alle Gelegenheiten. Denn Fickus hat nicht vor, seine Röcke überwiegend im Schrank aufzubewahren. Bei ihm gehören sie längst zum Büro-Alltag. „Der Mittwoch ist Kilt-Tag.“
Im Gegensatz zu anderen Jösch-Kunden ist der Steuerberater jedoch nicht aufgrund einer Schottland-Liebe zum Karo gekommen, sondern aus einer plötzlich entflammten Begeisterung für das Kleidungsstück Rock.
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Seit einem Jahr trägt der Kölner Steuerberater Paul Georg Fickus seine Kilts auch im Büro. Der englische Corgi namens Winston gehört zum Schneider.
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Als ihm im vergangenen Sommer schon beim Gedanken an die prognostizierten 34 Grad die Hose am Bein festzukleben drohte, suchte er im Internet nach einem Herren-Rock und fand ein leichtes, kaum spürbares Leinenteil, das ihm ein „wunderbares Tragegefühl“ vermittelte und die Frage aufwarf: Weshalb wählen die meisten Frauen angesichts dieser so wunderbaren Alternative dennoch überwiegend Hosen?
An diesem Punkt kann man den Couturier Carlo Jösch zustimmend nicken sehen. „Weil sich die Frauen die Hosen so schwer erkämpfen mussten“, vermutet der 59-Jährige, der zwar seit 20 Jahren Kilts schneidert, selber aber ebenfalls meistens Hosen trägt.
Ein erster Kilt mit Stoff von einem Regenschirm
Jösch erzählt, dass er bereits als Sechsjähriger durch ein Buch über Schottland seine Begeisterung für dieses Land und seine Besonderheiten entwickelt habe. Im Alter von elf Jahren habe er sich auf der Nähmaschine der Mutter schon die Hosen umgenäht und wenig später an einem ersten Kilt versucht – „mit Stoff von einem Regenschirm“.
Bei dieser Erinnerung lächelt der Mann, der heute in seinem Geschäft etwa 700 bis 800 verschiedene in Schottland handgewebte Farbmuster bevorratet und seine Kunden damit wirklich oft vor die Qual der Wahl stellt; es sei denn, man macht es wie jener Herr aus Düsseldorf, der „keinen Bock mehr auf normale Kleidung“ hatte und sich gleich sieben Kilts in Köln anfertigen ließ.
Reise nach Schottland im Jahr 2004
Jösch hat ursprünglich sowohl in Chile als auch in Deutschland Modedesign studiert und außerdem eine Ausbildung in Bekleidungstechnik absolviert mit Schwerpunkt Gestaltung. Um in diesem beruflichen Umfeld Erfolg zu haben, muss man sich von anderen abheben. „Man muss etwas machen, was total hochwertig ist“, betont der 59-Jährige, der zunächst für seine Kunden Sakkos und Mäntel nähte, bis eines Tages ein Herr vor ihm stand, der einen Kilt gefertigt haben wollte.
Dass er diesen Auftrag nicht selber habe ausführen können, ärgerte ihn so sehr, dass er 2004 nach Schottland reiste, erste Kontakte in den Highlands knüpfte und schließlich auf einen Meister in Inverness stieß, der ihm alle Kniffe für die Anfertigung jenes Kleidungsstücks beibrachte, das seit langem auch Stefan Brings auf der Bühne schmückt.
Jeder Streifen hat seinen auf den Millimeter genau berechneten Platz
Das Zertifikat der „Kiltmakers Association of Scottland“, das Jösch offiziell zu einem der ihren macht, hängt seit 20 Jahren an der Wand und macht das Maß-Atelier zu einer Einzelhandels-Rarität. Denn abgesehen von einem weiteren Kiltschneider in Hamburg gebe es hierzulande „nur noch selbst ernannte Faltennäher“, deren Produkte man zum Beispiel auf Mittelalter-Märkten wiederfände.
Apropos Falten: Einen echten Kilt zu nähen, ist deshalb eine besondere Herausforderung, weil in den sieben bis neun Metern Stoff, die es dafür braucht, keine Nähte sein dürfen und das Karomuster natürlich nicht beliebig auf die 28 oder 30 Falten verteilt sein dürfe. Hier hat jeder Streifen seinen auf den Millimeter genau berechneten Platz. Das üppig verwendete Material hat zwei Vorteile: Der Rock schwingt und flattert nicht, was ihn vom Karnevalskostüm unterscheidet. Und er wärmt selbst im Winter die kahlen Oberschenkel der lediglich Woll-Kniestrumpf tragenden Herren.
Chor und Mandanten loben Fickus für seinen Kilt
Kunde Paul Georg Fickus erinnert sich gut an den Tag im letzten Spätsommer, als er gemeinsam mit der Ehefrau bei Jösch im Atelier Ordner um Ordner mit Stoffmustern wälzte und nach einer engeren Auswahl von 30 Tartans „im Ausschlussverfahren zum rot-grünen Karo“ kam. Mitte Oktober stand eine Wien-Konzertreise des Kölner Männer-Gesang-Verein an, wo Fickus seit langem Mitglied ist, und bis dahin sollte das neue Kleidungsstück fertig sein.
Dass der Kilt wie angegossen saß, war für den Steuerberater keine Überraschung. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war die „ausschließlich positiven Reaktionen“ aus dem Chor und auch der Wiener – insbesondere der Wienerinnen. „Die Leute erkennen, dass es gute Qualität ist.“ Er habe bis heute „nicht eine abschätzige Reaktion erlebt“, betont Fickus. Im Gegenteil. Ihm werde immer wieder versichert, wie gut er das Kleidungsstück tragen könne. „Das steht Ihnen!“, finden auch seine Mandanten, die dann allerdings einräumen: „Aber ich würd’ mich das nicht trauen.“

