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„Mer könne nit alle em Dom schlofe“Leuchtende Miethaie und laute Trommeln beim Geisterzug in Köln-Nippes

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Der Jeisterzoch zieht durch Nippes.

Der Geisterzug zog durch Nippes. 

Zum 35. Jubiläum verbindet der „Jeisterzoch“ in Köln-Nippes politische Demonstration und Karneval.

„Hühste Zick för ne andere Wunnungspolitik – mer könne nit all em Dom schlofe!“ Unter diesem Motto zog der Geisterzug am Samstag (7. Februar) durch Köln-Nippes. Er fand zum 35. Mal statt und verband auch dieses Jahr wieder Demonstration und Karneval. Tausende Geister setzten sich ein für das Recht auf Wohnen, Solidarität und für ein lebenswertes Köln für alle.

Schon eine Stunde vor Zugbeginn ging ein Trommeln durch Nippes. Mehrere tausend Geister hatten sich für dieses Jahr angekündigt und fanden sich nach und nach am Aufstellungsplatz ein. Ausgerüstet mit Trommeln, Bratpfannen, Vuvuzelas und eigentlich allem, was Krach machen kann, stimmten sie sich auf den Zug ein. Erich Hermans, Vorsitzender des Vereins Ähzebär un Ko e.V., führte den Zug an. Mit seinem selbst gebauten „Rummelpot“ ergänzte er den Krach um ein lautes Pfeifen.

Wie üblich kam der Geisterzug ohne elektronische Musik, Kamelle und motorisierte Fahrzeuge aus, dafür brachte er Lärm, Haltung und aufwendige politische Kostüme.

Der absolute Horror sind solche Sachen wie Indexmieten
Sonja, Demonstrantin beim Geisterzug

Mathias, Sonja, Annika und Ida nehmen, in leuchtende Umhänge gehüllt, seit mehr als zehn Jahren am Zug teil. „Das Motto dieses Jahr ist uns aber besonders wichtig. Jeder von uns hätte einfach gern eine tolle, lebenswerte Wohnung und jeder von uns weiß auch, wie viel wohnungspolitisch falsch läuft“, sagte Sonja.

Laut Stadtverwaltung sind in Köln rund 12.000 Menschen wohnungslos, wovon etwa 400 auf der Straße leben. Wer eine Wohnung mieten möchte, suche laut einer Umfrage eines Immobilienportals im Schnitt mehrere Monate, jeder Zweite über ein Jahr lang. Wohnungspolitik ist ein drängendes Thema „und gruselig genug für den Geisterzug allemal. Der absolute Horror sind solche Sachen wie Indexmieten“, sagte Ida.

Auch eine Gruppe der Wohnhilfen der Diakonie Michaelshoven nahm am Zug teil. Wie viele Teilnehmende hatten auch sie das Motto in ihr Kostüm integriert. Auf den Häusern, die sie als Kopfschmuck trugen, stand beispielsweise: „Ein Zuhause ist kein Privileg, sondern ein Menschenrecht“ oder „Würde braucht Wände“. Neben ihnen zogen leuchtende Miethaie durch Nippes und trommelten dabei unentwegt. Einige Rollläden gingen hoch und die Lichter in den Wohnungen wieder an: In Nippes schlief niemand.

Mehrere leuchtende Miethaie zogen trommelnd durch Köln-Nippes

Erich Hermans, 70 Jahre alt, erzählte von den Ursprüngen des Nachtumzuges, der inoffiziell den Kölner Straßenkarneval eröffnet: „1991 wurde wegen des zweiten Golfkriegs der Rosenmontagszug abgesagt. Im Kölner Friedensplenum haben wir dann beschlossen, stattdessen eine Anti-Golfkriegs-Demo zu organisieren. Und da die klassischen Karnevalisten gesagt haben, die Chaoten können wir nicht alleine auf die Straße lassen, sind wir alle zusammen gegangen!“ Zwei Jahre später gründete er den Ähzebär un Ko e.V. als „Verein für Geisterzug und andere kölschrebellische Traditionen“ und führte von da an nahezu jedes Jahr den Zug durch wechselnde Kölner Veedel.

Ein Miethai im Kölner Jeisterzoch

Ein Miethai im Kölner Jeisterzoch

Für Zugleiter Frank Zingsheim gehört der Geisterzug fest zum Karnevalsauftakt dazu: „Brauchtum ist mehr als Tradition. Brauchtum ist Haltung, gelebte Solidarität und Statement.“ Dafür standen auch dieses Jahr wieder zahlreiche engagierte Gruppen wie Kein Kölsch für Nazis, das Projekt Fläschbäck, das Obdachlosen-Magazin Draussenseiter oder die Toten Funken. Aber auch unzählige Kölnerinnen und Kölner jeden Alters.

Kalle Gerigk spricht in Odonien

So hielt am Straßenrand ein Astronaut ein silbernes Banner hoch: „Mir welle en Köln levve, net op dem Mond!“ Tina und Nina machten ein Foto davon, für sie war es der erste Geisterzug: „Wir wollten schon immer mal herkommen und sind froh, dass wir es jetzt im Jubiläumsjahr geschafft haben. Karneval ist ja oft politisch, aber hier wird es nochmal konkreter und die Stimmung ist einfach super.“

Zum 35. Jubiläum endete der Zug nicht wie sonst mit einer Kundgebung, sondern feierte im Odonien. Neben Musik, Samba-Gruppen und der Enthüllung eines Kunstwerks beinhaltete das Programm auch kurze Redebeiträge. So stellte Miet-Aktivist Kalle Gerigk in einer Sprint-Büttenrede Thesen auf wie diese: „Man bleibt nicht mehr zusammen aus Liebe, sondern aus Wohnungsnot.“ Nach einer emotionalen Performance von „En unserem Vedeel“ wurde es hoffnungsvoll kämpferisch und Gerigk beendete seinen Auftritt mit einem dreifachen „Alaaf für ein Köln, in dem niemand mehr Angst vor Wohnungsnot hat“.