Wenn an Kölner Schulen die Polizei anrückt, geht es längst nicht mehr nur um Rangeleien. Die Zahlen aus dem NRW-Innenministerium zeigen: Gewalt gehört für viele Schulen inzwischen zum Alltag – und die Täter sind oft selbst noch Kinder.
Gewalt an Kölner SchulenWenn der Pausengong zur Warnung wird

Jugendliche prügeln sich auf dem Schulhof.
Copyright: Imago
Es sind oft keine großen Schlagzeilen, die den Alltag an Schulen verändern, sondern die kleinen Verschiebungen: Ein kurzer Blick über die Schulter auf dem Flur. Das vorsichtige Abtasten, ob es heute „ruhig“ bleibt. Lehrkräfte, die den Stundenplan nicht nur als didaktische Choreografie begreifen, sondern als Sicherheitsmanagement. Wer in Köln mit Schulleitungen spricht, hört seit einiger Zeit Sätze, die früher eher in Polizeiberichte als in Elternabende passten: „Wir müssen präsenter sein.“ Oder: „Wir dürfen nicht warten, bis etwas passiert.“
Mehrere Pfefferspray-Attacken an Kölner Schulen
Und es passiert öfter etwas an Kölner Schulen: Im März etwa musste die Polizei wegen einer Pfefferspray-Attacke ausrücken. Unbekannte hatten es im Berufskolleg Humboldtstraße versprüht und mehr als 20 Schüler verletzt. Es war der dritte Pfefferspray-Einsatz an einer Kölner Schule innerhalb von zwei Wochen. Bereits im November kam es an der Europaschule in Zollstock zu einem Zwischenfall: 19 Kinder und Jugendliche erlitten Reizungen, neun mussten ins Krankenhaus. Auslöser war offenbar ein Streit zwischen einem 16-jährigen Schüler und weiteren Jugendlichen. Der 16-Jährige soll mit Pfefferspray und Schlägen attackiert worden sein und setzte das Spray schließlich selbst ein. Nur fünf Tage später wurde am Erich-Kästner-Gymnasium in Niehl erneut Reizgas freigesetzt.
Von der Polizei wurden im Jahr 2025 für den Tatort „Schule“, also für Taten in der Schule oder im Umfeld, in Köln 296 Gewaltdelikte erfasst - nach 300 im Jahr 2024 und 306 im Jahr 2023. Dies teilte das nordrhein-westfälische Innenministerium auf eine Anfrage aus dem Landtag mit.
Nicht nur Fäuste, auch Waffen werden eingesetzt
Erst der Blick zurück zeigt, wie deutlich sich das Niveau verschoben hat: 2022 sprang die Zahl auf 256 Fälle, nachdem es 2021 noch 112 und 2020 exakt 97 waren. Für 2026 sind bis zum 27. Februar im polizeilichen Vorgangssystem bislang 41 Gewaltdelikte registriert - eine Momentaufnahme, die sich im Laufe der Ermittlungen noch verändern kann.
Ein weiterer Blick gilt dem, was in der öffentlichen Debatte besonders im Fokus steht: Waffen. Für Köln werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2020 vier Gewaltdelikte mit eingesetzter „Waffe“ genannt, für 2021 und 2022 je sieben, für 2023 elf, für 2024 fünf und für 2025 wieder sieben. Im laufenden Jahr wurde bis Ende Februar ein Fall erfasst, bei dem eine „Waffe“ eingesetzt wurde. Die Landesregierung fasst den Begriff weit - von Messern über Schlagwerkzeuge bis hin zu Reizstoffsprays - und betont zugleich eine wichtige Einschränkung: Nicht das bloße Mitführen zählt, sondern der Einsatz bei der Tat.
Die Täter werden immer jünger
2025 etwa weist die PKS 350 Tatverdächtige aus, darunter 167 Kinder und 145 Jugendliche, während elf Heranwachsende und 27 Erwachsene registriert wurden. Bis Ende Februar 2026 sind im Vorgangssystem 33 tatverdächtige Kinder, 20 Jugendliche und zwei Personen ab 18 Jahren erfasst. Waren 2021 noch 34 Prozent der Tatverdächtigen Kinder, sind es 2025 bereits 47 Prozent.

Gewalt an Kölner Schulen
Copyright: Summerer
Die PKS-Ergebnisse decken sich mit denen einer Umfrage, die das Institut Forsa für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) Anfang 2025 veröffentlichte. 43 Prozent der befragten Schulleitungen in NRW berichten demnach von körperlichen Angriffen. 66 Prozent sagen, dass die Gewalt an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren „eher zugenommen“ habe. „Jede Tat ist eine zu viel“, sagt Anne Deimel, Landesvorsitzende des VBE NRW. Deimel will die Schulen stärken und fordert unter anderem eine ausreichende Personalausstattung, kleinere Lerngruppen und die Möglichkeit, mit den Schülerinnen und Schülern bei Bedarf individuelle Förderprogramme durchzuführen.
Clemens Kroneberg, Professor für Soziologie an der Universität Köln, leitet eine aktuelle Studie zum Thema Jugendkriminalität und kommt unter anderem zum Ergebnis, dass etwa 30 Prozent der befragten Jugendlichen in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Straftat begangen haben. Das ist etwas weniger als im Vorjahr, aber deutlich höher als vor der Pandemie. Als zentrale Ursachen nennt die Studie: mehr Gewalt im Elternhaus, stärkere psychische Belastungen der Jugendlichen, sinkende Selbstkontrolle, weniger Angst vor Strafen und ein schwächeres Unrechtsbewusstsein. Die Untersuchung basiert auf Befragungen von rund 3800 bis 4400 Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 9 an Schulen in mehreren Städten des Ruhrgebiets.
Die Zahlen zeigen einen besorgniserregenden Trend, sind aber kein Grund für eine Alarmstimmung
„Die Zahlen zeigen einen besorgniserregenden Trend, sind aber kein Grund für eine Alarmstimmung“, sagt Kroneberg. In den Nuller-Jahren sei Jugendkriminalität noch verbreiteter gewesen als heute. Die aktuellen Zahlen führt Kroneberg darauf zurück, dass viele Jugendliche weniger gut gelernt hätten, ihre Impulse zu kontrollieren. Unter anderem, weil sie in der Corona-Pandemie weniger Erfahrungen mit Gleichaltrigen in größeren Gruppen sammeln konnten.
Im Gespräch mit dieser Redaktion macht Kroneberg deutlich, dass die Gewalt in den Elternhäusern stark zugenommen habe. Rund 20 Prozent der befragten Jugendlichen hätten angegeben, von den Eltern geschlagen worden zu sein. Außerdem sei das Unrechtsbewusstsein weniger stark ausgeprägt wie früher. Der Einfluss von Social Media, wo Verstöße eher selten zu negativen Reaktionen führten oder mitunter zu vielen „Likes“, begünstige ein weniger stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein – auch abseits des Internets. Ein Beispiel: Weniger als 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler fänden es schlimm, keine Hausaufgaben zu machen. Andere empfinden es als Kavaliersdelikt, Lehrkräfte zu beleidigen.
Natürlich rufen wir ab und zu mal die Polizei, aber das war vor acht Jahren auch schon so
„Gewalt hat keinen Platz an unseren Schulen", heißt aus dem NRW-Schulministerium. Schulen würden schon jetzt mit Beratungen und Präventionsangeboten unterstützt. Neu sei, dass Schuleitungen Schüler für bis zu vier Wochen vom Unterricht ausschließen können, wenn eine schwere Störung des Schul- oder Unterrichtsbetriebs oder eine Gefährdung von Personen zu erwarten sei. Für das Schulministerium sei darüber hinaus die Schulsozialarbeit von großer Bedeutung. Das Land fördere diese seit 2022 mit 57,7 Millionen Euro über das Landesprogramm „Förderung von Schulsozialarbeit in Nordrhein-Westfalen“.
Das Land NRW will auch mit dem Pilotprojekt „Miteinander, stark, sicher – gemeinsam für eine gewaltfreie Schule“ gegensteuern, an dem sich 20 Einrichtungen aus Nordrhein-Westfalen beteiligen. Das Projekt umfasst drei Bausteine: Zum einen sollen Lehrkräfte im Rahmen eines Deeskalationstrainings Techniken lernen, um Konflikte zu entschärfen. Zweitens sollen zivile Kripobeamte mit Lehrkräften Schüler und Schülerinnen im Unterricht für das Thema sensibilisieren und letztlich soll mittels „Pausengesprächen“ die Polizei Präsenz auf Schulhöfen zeigen.
Zwei Kölner Schulen sind am Projekt beteiligt: Neben dem Mülheimer Genoveva-Gymnasium auch die Henry-Ford-Realschule in Seeberg, an der Markus Jansen seit acht Jahren Schulleiter ist. „Natürlich rufen wir ab und zu mal die Polizei, aber das war vor acht Jahren auch schon so“, sagt er. Ein bis zweimal im Monat gebe es in der Schule oder auf dem Schulweg ernste Prügeleien. „Es geht meist um Konflikte, die mit einer Beleidigung beginnen und dann eskalieren“, sagt er. Auch seiner Meinung nach lasse die Frustrationstoleranz bei den Kindern und Jugendlichen nach. „Viele haben Probleme damit, mit Kritik umzugehen. Aber das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht nur die Schule betrifft.“
