Die „Neue“ hat viele Ideen, um die Philharmonie, die ihrer Ansicht nach ein „unterirdisches Veedel“ ist, zu einem beliebten Treffpunkt für alle Kölner zu machen.
Mein VeedelEwa Bogusz-Moore will die Philharmonie wieder zum Glänzen bringen

Ewa Bogusz-Moore steht im Foyer der Philharmonie und bewundert einen riesigen Blumenstrauß.
Copyright: Inge Swolek
Die Frau, die vor dem Eingang der Philharmonie wartet, ist schlank, sportlich, sie wirkt präsent, wach und voller Energie. „Ich arbeite im Herzen von Köln, an einem Ort, der schlicht unsichtbar ist. Er liegt zwischen Hauptbahnhof, Dom und Rhein“, sagt die neue Intendantin der Kölner Philharmonie, „mein Veedel liegt unterirdisch.“
Seit August 2005 lebt Ewa Bogusz-Moore in Köln
Noch geht ihr das Wort „Veedel“ etwas holprig über die Lippen, aber die gebürtige Polin hat sich viel vorgenommen: Sie will nicht nur ihr Deutsch weiter perfektionieren, sondern auch Kölsch lernen, denn die Mentalität der Kölner gefällt ihr gut. Dessen ist sich Ewa Bogusz-Moore sicher, obwohl sie erst seit August 2025 in der Domstadt lebt.

Ewa Bogusz-Moore steht in einem Türrahmen und deutet auf das Schild „Dirigent“ über ihr.
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„Den Doppelnamen habe ich seit meiner Heirat. Allerdings war ich nicht mit Roger Moore verheiratet“, fügt die 51-jährige Profi-Cellistin mit einem Lächeln hinzu, „sondern mit einem Schotten.“ Im Belgischen Viertel hat sie eine Wohnung gefunden. Es sei lebendig dort, sagt sie, alles gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar. Ein Auto brauche man in dieser Stadt nicht wirklich – Hauptbahnhof und Flughafen seien praktisch zum Greifen nah.

Auf dem Mäuerchen in der Altstadt am Rheinufer genießt Bogusz-Moore das Köln-Flair.
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In den Mittagspausen bleibt sie oft in der Nähe der Philharmonie, ein paar hundert Meter rund um den Arbeitsplatz reichen ihr. Manchmal geht sie in das Restaurant „Piazzas“ oder nach Konzerten in das „Maibeck“ in der Altstadt, meist zusammen mit Musikerinnen und Musikern. Ein fester Termin steht dienstags im Kalender. „Walkie-Talkie“ nennt sie das Treffen mit Frauke Bernds, der Leiterin der Konzertplanung. Eine Stunde, immer dieselbe Runde: runter zum Rhein, kurz aufs Mäuerchen setzen, weiter durch die Altstadt. „Am Ende ist das Wichtigste besprochen“, sagt sie. Kein Konferenzraum, kein Tisch – Bewegung hilft beim Denken.
Als Zehnjährige war sie im Rahmen einer Klassenfahrt in Köln
An anderen Tagen zieht es sie auch in den Dom. „Der Dom ist für mich ein ganz besonderer Ort.“ Als Zehnjährige sei sie als Schülerin zum ersten Mal in Deutschland gewesen, damals in Köln. „Ich habe im Dom eine Kerze angezündet – mit dem Wunsch, wiederzukommen. Und jetzt bin ich da.“ Dom und Philharmonie, sagt sie, hätten etwas gemeinsam. Beides seien Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen – und an denen doch jeder für sich bleibt. Man sitzt nebeneinander, schweigt, hört zu. „Die Musik macht etwas mit einem. Man ist nicht allein. Und ist es doch.“

Einer der kuriosesten Orte in Köln: Der Heinrich-Böll-Platz darf während der Proben in der Philharmonie nicht betreten werden.
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Ihr Vorgänger Louwrens Langevoort war zwei Jahrzehnte im Amt, sie selbst ist gerade einmal neun Monate da. Und es ist spürbar, dass sie der Philharmonie eine eigene Handschrift geben möchte. „Wir sind wie ein großes Schiff. Ich möchte eine Revolution ohne Revolution machen. Das Bestehende nicht verdrängen, aber eine andere Farbe ins Programm bringen“, sagt die Neue. Der Anspruch, es allen recht zu machen, sei ohnehin trügerisch. „Für alle bedeutet am Ende für niemanden – das ist der falsche Weg.“ Stattdessen gehe es darum, genauer hinzuhören. Wer kommt? Wer kommt nicht? Und warum nicht?
Cello-Studium in Breslau, Kulturmanagement-Studium in London
„Wir machen keine Kompromisse. Ich muss herausfinden, welches Publikum was möchte. Ich möchte eine Philharmonie, die bis auf den letzten Platz gefüllt ist – nicht aus Gewohnheit, sondern aus Neugier“, sagt Bogusz-Moore, die in Breslau Cello und in London Kulturmanagement studiert hat. Ob sie den Geschmack der Kölnerinnen und Kölner trifft, könnte sich schon bald zeigen. Ende Oktober ist das Festival ‚In Motion‘ geplant. Ein Experiment, das Bewegung und Musik zusammenbringt.

v. l. n. r.: Peter, Heinrich, Sebastian, Ewa, mit Kappe Jan
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Inzwischen haben wir den Heinrich-Böll-Platz erreicht – vielleicht den kuriosesten Ort der Stadt. Was wie ein normaler Platz wirkt, ist in Wirklichkeit das Dach der Philharmonie – allerdings nicht ausreichend schallgedämmt. Ein architektonisches Juwel, das allerdings nicht ganz zu Ende gedacht wurde. Mehr als tausendmal im Jahr muss der Platz gesperrt werden, damit Rollkoffer, Fahrräder oder Skateboards die Musikerinnen und Musiker sowie die Gäste unten im Konzertsaal nicht stören. „Eine niedrige sechsstellige Summe nur für das Wachpersonal – das glaubt kein Mensch“, sagt sie und schaut über die Fläche, die an diesem Tag von mindestens fünf Menschen in gelben Warnwesten bewacht wird.

Blick in den Konzertsaal durch ein Bullauge
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„Manchmal frage ich mich, ob ein Glasdach helfen könnte, dann könnten Passantinnen und Passanten von oben sehen, warum sie hier nicht gehen dürfen. Oder wir stellen hier eine überdimensionale Kunstinstallation auf. Man muss Visionen haben. Alles ist besser als der aktuelle Zustand.“ Auf dem Weg hinunter zur Rheinpromenade bleibt sie stehen, zeigt auf einen eher unscheinbaren Platz mit großen Glastüren. Dahinter: eine Bar – bislang nur zugänglich für Konzertbesucherinnen und -besucher.
„Ich würde sie gern für alle öffnen, am besten schon in der Sommerspielpause. Die Philharmonie soll kein abgeschlossener Ort mehr sein, sondern Teil des Alltags im Veedel.“ Anders als die Elbphilharmonie in Hamburg, die längst ein Wahrzeichen ist, wirkt die Kölner Philharmonie im öffentlichen Raum fast versteckt. „Mein Veedel muss etwas von seinem Geheimnisvollen verlieren“, sagt die Intendantin, die in Köln als erste Frau diesen Chefposten inne hat.
Gleichzeitig steht das Haus vor großen Herausforderungen. Nach rund 40 Jahren sind viele Bereiche in die Jahre gekommen – von den Aufzügen über die Klimaanlage bis zu den sanitären Anlagen. Eine Sanierung ist dringend notwendig. Doch eines ist für die neue Intendantin klar: Eine komplette Schließung kommt nicht in Frage. „Wir müssen unbedingt sanieren, aber im Bestand. Das Haus darf auf keinen Fall komplett geschlossen werden – dafür werde ich mich einsetzen.“ Die Philharmonie solle lebendig bleiben, auch während der Bauarbeiten. „Mein Veedel darf keine Dauerbaustelle werden.“
Die Intendantin macht mit beim Cologne Culture Run
Zum Abschluss des Spaziergangs wird klar: Als erste Frau überhaupt in dieser Position bleibt sie bewusst bodenständig – auch die Intendantin läuft beim ‚Cologne Culture Run‘ mit, mitten durch Köln. Verbunden mit dem klaren Ziel, den unterirdischen Konzertsaal Schritt für Schritt aus dem Verborgenen ins Herz der Stadt zu holen und auch für Menschen ohne Konzertticket zu öffnen.
Am 13. September öffnet sich die erste Tür – zwischen dem Foyer der Kölner Philharmonie und dem Museum Ludwig. Dann feiern beide Häuser gemeinsam: 50 Jahre Museum, 40 Jahre Philharmonie. „Ich freue mich auf ein offenes Haus, mit vielen Konzerten an drei Tagen“, sagt die Neu-Kölnerin – und bleibt kurz stehen, um den Duft der Blumenarrangements im Foyer ihres Veedels einzuatmen.
Ewa Bogusz-Moore empfiehlt:
1) Das Restaurant Piazzas in der Drususgasse 7
2) Ein Cappuccino im Copenhagen Coffee Lab am Hof 38
3) Ein Konzert in der Philharmonie, www.kphil.de
4) Einen Spaziergang über die Rheinpromenade
