Experten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt fiebern bei der Mondumrundung mit, denn ihre Strahlendetektoren reisen mit ins Weltall.
Jubel in KölnVier Messgeräte aus Porz fliegen mit der Artemis-II-Rakete ins All
Die Nummer sieben musste in Köln bleiben und dient in dieser für Raumfahrtenthusiasten so aufregenden Nacht als Anschauungsobjekt. Die Exemplare eins bis vier der von Strahlenbiologen am Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz entwickelten Detektoren befinden sich nun auf dem Weg in Richtung Mond. Es sind kleine, graue Plastikkistchen. Sie wirken unscheinbar, sind aber eine große Sache. Vier der insgesamt acht Strahlenmessgeräte mit Namen M-42 EXT begleiten die vierköpfige amerikanisch-kanadische Crew der in der Nacht zu Donnerstag gestarteten Artemis-II-Rakete der amerikanischen Weltraumagentur Nasa in den tiefen Weltraum jenseits des Erdorbits. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat diese Reise kein Mensch mehr angetreten.
Der Kölner Beitrag zu dieser Mission sorgt für Stolz und Nervenkitzel bei den Strahlenbiologen des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin. Deshalb sind sie und einige weltraumbegeisterte Freunde und Angehörige in der Nacht der Nächte für all jene, die auf eine neue Ära der bemannten Raumfahrt hoffen, auf dem DLR-Gelände in Porz zusammengekommen. Gemeinsam verfolgen sie den Livestream der Nasa vom Start der Artemis-II-Rakete. Draußen leuchtet der Mond in seiner vollkommen runden Pracht hell und verheißungsvoll. Ganz so, als wollte er den Menschen Mut machen, ihn zu besuchen. Drinnen kehrt gespannte Stille ein, als der Zehnminuten-Countdown bis zum Abflug der Rakete startet.
M-42 – ein Messgerät aus Köln, das entscheidend sein könnte für die Zukunft der Raumfahrer-Träume
M-42 hört sich nach einem ziemlich langweiligen, technischen Namen an für ein Messgerät, das entscheidend ist für die Zukunft der Raumfahrer-Träume. Tatsächlich steckt aber mehr dahinter: M42 heißt auch der Orionnebel, eine riesige Gas- und Staubwolke im Sternbild Orion, in der neue Sterne entstehen, er ist somit eine Art „Sternenkinderstube“ des Weltalls. Das war den Kölner Physikern aber noch nicht genug tiefschürfender Bezug. „Wer ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams gelesen hat, weiß, dass ‚42‘die Antwort auf die Fragen aller Fragen ist“, sagt Thomas Berger, DLR-Projektleiter der Strahlungsexperimente auf den Artemis-Mondflügen. Er lächelt fast entschuldigend und fügt an: „Die Physiker lassen sich immer was einfallen.“

Thomas Berger, Leiter der Strahlenbiologie am DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin mit den Strahlendetektoren, von denen vier auf der Artemis II mitfliegen.
Copyright: DLR
Das Artemis-Programm der Nasa soll den Weg ebnen für eine permanente Basis des Menschen auf dem Mond, damit besonders wagemutige Astronautinnen und Astronauten sich von dort auf den Weg zum Mars machen können. Das wäre eine rund zweijährige Reise ins Ungewisse. Aber Lösungen für die größten Hürden für den Menschen müssen noch gefunden werden.
„Eine Rakete für einen Flug zum Mars technologisch hinzubekommen, das wäre sicher machbar“, sagt Anke Pagels-Kerp, DLR-Bereichsvorstandsmitglied Raumfahrt: „Aber die großen Probleme für die Astronautinnen und Astronauten sind die kosmische Strahlung und die Schwerelosigkeit, die so extrem auf den Körper wirkt, dass sehr lange Raumflüge extrem schädlich sind.“ Bei der aktuellen Mission soll die Crew den Mond nur einmal umrunden. Der Plan ist, dass sie in zehn Tagen wieder im Pazifik landen.
Das Magnetfeld der Erde schützt den Menschen vor der kosmischen Strahlung draußen im All
Das Magnetfeld der Erde schützt den Menschen vor der kosmischen Strahlung da draußen im All. Sie ist schon an der etwa 400 Kilometer von der Erde entfernt kreisenden Internationalen Raumstation ISS um das 300fache höher. Geht es zum rund 380.000 Kilometer von der Erde entfernten Mond, sei man in Sachen Strahlung schon beim Faktor 700, sagt Strahlenexperte Berger. Die Galaktisch-Kosmisch-Strahlung im All entstehe durch hoch energetisch geladene Ionen, die aus Beschleunigungsreaktionen von Supernova-Explosionen stammen.
Ein Zuviel an Strahlung erhöht beim Menschen das Krebsrisiko. Wer in kurzer Zeit sehr viel Strahlung ausgesetzt ist, kann zudem die akute Strahlenkrankheit bekommen. Will der Mensch die Tiefen des Alls erforschen und sich länger dort aufhalten, muss er also Möglichkeiten finden, um sich effektiv abzuschirmen. Dabei sollen die Tests von Berger und seinem Team in Köln helfen.
Als der Countdown für den Artemis-II-Start bei zehn Sekunden ankommt, blicken die im DLR in Köln versammelten Menschen gebannt auf die große Leinwand. Einige halten ihre Handys hoch, um den Moment zu filmen. Dann lodern die Triebwerke auf und es geht los. Im Nasa-Stream heißt es: „Die Crew der Artemis II ist nun auf dem Weg zum Mond. Die nächste große Reise der Menschheit beginnt.“ In Köln wird gejubelt und applaudiert. Begeisterte Menschen stoßen mit Sekt und Kaffee an.
Die Kölner Strahlenmessungen sind eines der wenigen Experimente auf der Artemis II, die nicht in den Händen der Nasa liegen
„Dass wir da mitfliegen, ist eine ziemlich coole Sache“, sagt Berger. Schon beim ersten, noch unbemannten Artemis-Flug hatte sein Team zwei Dummy-Puppen mit Strahlendetektoren mitgeschickt, und auch jetzt sind die Kölner Strahlenmessungen eines der wenigen Experimente auf dem Flug, die nicht in den Händen der Nasa liegen. „Das sind Once-in-a-Lifetime-Möglichkeiten für uns Forscher“, betont Berger.
Pagels-Kerp ist nach dem Start erstmal froh, dass alles gutgegangen ist. Sie halte so einen Raumflug heutzutage zwar für sicherer als das tägliche Unterwegssein im Straßenverkehr, „aber ein Restrisiko gibt es natürlich immer, die sitzen auf vielen Tonnen Treibstoff, der explodieren kann“. Und was bedeuten diese Mission und dieser Traum von einem neuen Raumfahrt-Zeitalter nach den 1972 beendeten Apollo-Missionen für Köln? „Wir haben hier unsere Raumfahrtmedizin, wir haben gemeinsam mit der Europäischen Raumfahrtagentur Esa das europäische Astronautentrainingszentrum und die Mondhalle Luna“, sagt Pagels-Kerp. „Wenn diese Erfolgsgeschichte weitergeht, werden die Astronauten, die wir hier ausbilden, auch irgendwann um den Mond fliegen oder auf ihm landen.“
Nach den Plänen der Nasa soll 2028 eine Artemis-Crew auf dem Mond landen, vielleicht sogar mit einem der deutschen Astronauten Alexander Gerst oder Matthias Maurer. Vorher soll bei einem weiteren Artemis-Flug noch das Andockmanöver an ein Landemodul getestet werden. „Diesen Zeitplan halte ich für sehr ambitioniert“, sagt Pagels-Kerp. Für die Nasa ist die Neu-Eroberung des Mondes aber wohl auch ein Wettlauf mit den Chinesen, die weniger öffentlichkeitswirksam ähnliche Pläne verfolgen und technisch möglicherweise schon weiter sind.

