Die Bezirksvertretung hat am Montag beschlossen, dass die Stadt Köln eine Behelfsbrücke einbauen soll, die auch Autos befahren können.
Nur eine Zufahrt für SiedlungTauziehen zwischen Politik und Dezernent bei Brückenabriss in Köln

Die Stadt Köln wird die Brücke Am Flachsrosterweg in Höhenhaus abreißen.
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Die Siedlung Schönrath in Köln-Höhenhaus, in der rund 3500 Menschen leben, sollte in wenigen Wochen nur noch über eine einzige Autozufahrt verfügen. So wollte es das Mobilitätsdezernat der Stadt Köln. Die Bezirksvertretung (BV) Mülheim hat sich am Montagabend dafür eingesetzt, das zu verhindern.
Kein Budget für Behelfsbrücke
Das Mobilitätsdezernat will während einer Sperrung der Bahnstrecke zwischen Köln und Wuppertal die stark beschädigte Brücke Am Flachsrosterweg abreißen lassen. Direkt im Anschluss soll nach Plan des Mobilitätsdezernats vor Ort eine Behelfsbrücke montiert werden, die allerdings nur Radfahrer und Fußgänger benutzen dürfen. Das kostet insgesamt eine Million Euro. Anwohner und Bezirkspolitiker befürchten, wie berichtet, ein Verkehrschaos, wenn der komplette Autoverkehr ausschließlich über die Kreuzung mit der ohnehin viel befahrenen Berliner Straße laufen müsste.
Die Politiker in der BV wollen das verhindern und haben einstimmig bei Enthaltung von Linke und Volt beschlossen, dass die Behelfsbrücke zumindest einspurig auch für Autos befahrbar sein soll. Im schlechtesten Fall kann es nun allerdings dazu kommen, dass überhaupt keine Behelfsbrücke entsteht.
Mobilitätsdezernent Ascan Egerer hatte sich am Montagabend in der Bezirksvertretung öffentlich den Fragen der Politiker gestellt und vergeblich für die autofreie Behelfsbrücke geworben. Er argumentierte, dass ihm für eine Behelfsbrücke, die auch Autos befahren können, das Geld fehle.
Der BV-Beschluss kann aus Sicht Egerers deshalb nicht umgesetzt werden. Es kommt hinzu, dass auch die Bezirksvertretung nicht über die finanziellen Mittel verfügt. Eine für Autos nutzbare Behelfsbrücke würde 700.000 Euro mehr kosten als eine, die nur für Radfahrer und Fußgänger geeignet ist. „Ich bin frustriert, dass nicht einmal versucht wurde, unseren Vorschlag umzusetzen, denn damit wären auch die Anwohnenden übergangsweise okay gewesen“, sagte Jonas Höltig (Grüne).
„Wir befinden uns in einem Brückendilemma“, sagte Egerer. „Es ist eine völlig unzufriedenstellende Situation für alle und wir wollen einen Weg finden, der ein Kompromiss für alle ist.“ Die anwesenden Zuschauer, die in einer Sitzung der BV nicht das Wort ergreifen dürfen und eigentlich still zuhören sollen, brachen darauf in höhnisches Gelächter aus, um ihrem Unmut Luft zu machen – auch Zwischenrufe waren zu hören.
Verärgerung und Frust bei Politikern
Die BV-Mitglieder drückten ebenfalls ihre Verärgerung und ihren Frust aus. „Wie kann es sein, dass sich bei dem Haushalt keine Möglichkeit findet, anders zu priorisieren, um die Finanzierung an dieser Stelle zu sichern?“, fragte Thomas Portz (CDU). „Mir würden einige Vorhaben mit weniger Priorität einfallen, angefangen bei einem Gutachten für die Mülheimer Brücke.“ Auch für die kurzfristige Kommunikation seitens des Mobilitätsdezernats gab es Kritik.
„Man muss doch die Autoführung mitplanen, gerade wenn sie seit Herbst davon wissen – das wird zu erheblichen Problemen führen, da bin ich mir sicher“, sagte Brigitte Fest (SPD). Und Ruth Fischer (SPD) wollte wissen, wie damit umgegangen werden soll, dass ein gesamtes Wohnviertel mindestens sechs Jahre abgeschnitten sein wird.
Doch wie geht es jetzt weiter? Beate Hane-Knoll (Linke) und Philip Laue (Volt) stellten heraus, dass es wenig Handlungsspielraum für die BV gebe: „Wenn die Verwaltungsvorlage nicht beschlossen wird, wird möglicherweise nur abgerissen und gar nicht gebaut“, sagte Hane-Knoll. Das bestätigte Egerer. Im schlechtesten Fall würde nicht einmal die von der Stadt geplante Behelfsbrücke für Fahrradfahrer und Fußgänger entstehen. „Ich finde, das ist echt Erpressung“, sagte SPD-Bezirksvertreterin Brigitte Fest.
„Es geht gar nicht, dass wir nicht einmal gefragt werden“, sagte Anwohnerin Britta Bathen vor Beginn der Sitzung. „Was uns da angetan wird über unsere Köpfe hinweg, ist unmöglich.“ Sie befürchtet wie die anderen Anwohnenden, künftig komplett abgeschnitten zu sein und dass das Verkehrschaos mit nur einem Zugang zur Siedlung Schönrath an der Berliner Straße riesig wird. „Es ist grauenhaft“, sagte auch Anwohnerin Marion Kraemer. „Notfalls kette ich mich an die Brücke, bevor die abgerissen wird.“
Die Bewohner der Siedlung Schönrath haben zudem darauf hingewiesen, dass sich auch die Kreuzung Am Flachrosterweg und Berliner Straße auf einem Brückenbauwerk befindet. „Sollte es damit in den nächsten Jahren Probleme geben, wäre unsere gesamte Siedlung vom Autoverkehr abgeschnitten“, sagte Anwohner Alexander Dick.
Auf einen Abriss der Brücke vorerst zu verzichten und sie zumindest für den Rad- und Fußverkehr weiterzubenutzen, ist ebenfalls keine Option. „Eine Weiternutzung für den Fuß- und Radverkehr ist aufgrund ihres baulichen Zustandes nicht möglich“, teilte die Stadt auf Anfrage mit. Sollte eine Behelfsbrücke montiert werden, wird sie mindestens sechs Jahre stehen bleiben. Erst im Jahr 2032 sperrt die Deutsche Bahn die Bahnstrecke erneut. Dann will die Stadt laut Dezernent Egerer an dieser Stelle wieder eine völlig neue Brücke bauen, über die dann auch Autos fahren sollen.
Über die mögliche Dauer einer Sperrpause kann laut der Stadt zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch keine Aussage getroffen werden. Sollte die Bahn ihre Pläne nach hinten verschieben, würde die Behelfsbrücke auch über das Jahr 2032 bestehen bleiben. Die Stadt mietet das Ersatz-Bauwerk, sodass eine Verlängerung weitere Kosten nach sich ziehen würde. Die Miete liegt bei jährlich 50.000 Euro.
