Seit 30 Jahren prägt Tom Thomas das Kölner Nachtleben. Ein Gespräch über explodierende DJ-Gagen, Ausgeh-Trends und wie er in den 90ern US-Stars wie Jay-Z nach Köln holte.
Bootshaus, Café de ParisSo wurde Tom Thomas zum Top-Gastronom – „Köln nicht mehr Trendstadt“

Tom Thomas: hier im Gewölbekeller des Bistros Café de Paris an der Ehrenstraße.
Copyright: Alexander Schwaiger
Tom Thomas leitet mehr Firmen, als so mancher Termine in seinem Kalender hat. Das Handy klingelt unentwegt, das Krisenpotenzial ist erhöht. So kommt der 53-Jährige am Freitag erstmal 15 Minuten zu spät zu seiner eigenen Pressekonferenz in den Gewölbekeller des Café de Paris an der Ehrenstraße: Ein Skandal beschäftigt derzeit die internationale Technoszene und damit auch seinen Club, das Bootshaus in Deutz. Mehrere DJs einer französischen Booking-Agentur stehen im Zentrum von schweren Belästigungsvorwürfen.
All das kann man auf Social Media nachlesen. Einige Clubs, auch in NRW, ziehen nun Konsequenzen und streichen die betroffenen DJs aus ihren Programmen. Auch Tom Thomas. „Wir haben vorsorglich jene vom Line-up genommen, bei denen Vorwürfe im Raum stehen. Aber Screenshots und Hörensagen sind keine gerichtlichen Beweise, wir schauen uns jeden Vorwurf genau an. Wir verurteilen jegliche Form von Gewalt und sexueller Belästigung“, sagt Thomas pragmatisch und unaufgeregt.
Tom Thomas: Café de Paris, Bootshaus, Spencer & Hill und Atelier X an der Ehrenstraße
Aber nun zum Eigentlichen: 30 Jahre Tom Thomas, 22 Jahre Bootshaus, davon 15 Jahre unter seiner Geschäftsführung. „Hallo, ich bin Tom Thomas“ sagt der 53-Jährige mit breitem Lächeln und schüttelt jedem Medienvertreter einzeln die Hand. Sein Name ist wie eine Marke, die alle Fäden in dem wirren Konstrukt aus Firmen und Betrieben zusammenzuhalten scheint. Das Café de Paris, wo einst das Kultlokal 4Cani Treffpunkt von Promis und Stadtgesellschaft war, eröffnete er 2020. Der Umbau kostete mehrere Millionen Euro.
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Tom Thomas (v.l.) und mit Booker Uli Rauschenberger und Sacha Weber. Sie verantworten seit Beginn das Programm im Bootshaus.
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Daneben ist Thomas Chef des Clubs Flamingo Royal und des Restaurants Spencer & Hill an den Ringen. Neben Gastronomie betreibt Thomas seit 2021 auch das Luxus-Modegeschäft Atelier X an der Ehrenstraße: Dazu kommen eine Marketing- sowie Merchandise-Agentur und kürzlich gründete er das Musiklabel „Bootshaus music“. Die Liste ist damit noch nicht vollständig.
Hinter Thomas' Gastro-Imperium steckt unter anderem der aus Aachen stammende und in Brüssel lebende Unternehmer Fabian Thylmann, der früher in die Porno-Industrie investierte, Plattformen wie Pornhub und Youporn gehörten ihm. 2013 zog er sich jedoch zurück, heute investiert Thylmann etwa in medizinisches Cannabis.
Tom Thomas ist der Manager vor Ort
Thylmann ist Eigentümer, Thomas aber der Macher vor Ort. Das Bootshaus zählt seit Jahren laut Branchen-Rankings zu den weltbesten Clubs. Ein Zufallsprodukt ist das nicht, sondern Thomas arbeitet mit seinem Team systematisch daran, den Club weltweit konkurrenzfähig zu machen.
Spätestens alle zwei Jahre wird umgebaut: Sound- und Bühnentechnik müssen immer auf dem neuesten Stand sein, immer spektakulärere Events mit aufwändiger Dekoration sind gefragt. Denn klar ist: „Die Gäste heute achten auf die Qualität und auf den Act, sie gehen bewusst und gezielt feiern, es ist vergleichbar mit einem Konzerterlebnis. Dank des Smartphones haben sie es nicht mehr nötig, auszugehen, um jemanden kennenzulernen oder ihre neuen Klamotten vorzuführen“, sagt Thomas.
„Für sie muss es außergewöhnlich sein, Eindruck hinterlassen und Content für Social Media liefern.“ Einerseits sei das Clubsterben real; Großraumdiskotheken an den Autobahnausfahrten im Umland gebe es kaum noch, so Thomas. Andererseits explodiert das Festivalgeschäft und die elektronische Musikszene habe sich zu einer Großindustrie entwickelt. „Was früher eine Subkultur war, ist heute Popkultur, heute sind die DJs in den Charts und Popstars: so wie Robin Schulz oder David Guetta“, sagt Thomas. Das hat zur Folge, dass die Gagen in die Höhe schießen. „Früher war es normal, für einen DJ 2000 bis 10.000 Euro zu zahlen, heute verlangen internationale Star-DJs auch 200.000 oder 300.000 Euro.“
Das kann das Bootshaus nicht stemmen, aber dennoch gelingt es dem Club hin und wieder globale Acts an den Auenweg zu locken: DJ Snake ist dort aufgetreten, David Guetta und Felix Jaehn, die dann zur Abwechslung auch die intimere Atmosphäre mit 1500 oder 2000 Gästen statt 5000 oder 10.000 genießen. Thomas ist stolz darauf, dass das Bootshaus ein Stück weit Köln im Ausland repräsentiere. „Köln steht dann mit Rio oder Ibiza in den Top-1-Liste. Wir vertreten Köln auch, wenn wir auf große Messen in Amsterdam und Zürich unterwegs sind.“

Das Bootshaus möchte sowohl den elektronischen Mainstream bedienen als auch Trends setzen.
Copyright: Michael Bause
Ins Bootshaus fließt besonders viel kreative Arbeit, immer ist das Team auf der Suche nach den Trends von morgen. Doch die anderen Betriebe will er nicht in den Schatten gestellt wissen. „Die sind wie meine Kinder, das eine braucht mehr Aufmerksamkeit, das andere ist selbständiger“, so Thomas. Der 53-Jährige ist in Köln geboren und hat an der Uni Köln BWL studiert. Während des Studiums organisierte er Studentenpartys und hatte sich ein erstes Netzwerk aufgebaut. Sein erster Club war das „H99“, eine Schwulendisco am Hohenzollernring.
Tom Thomas hat in den 90ern US-Stars wie Beyoncé und Jay-Z nach Köln geholt
Es folgten das „Diamonds“ und das „Vanity“, die er später abgab. In den 90ern holte er zudem viele RnB-Superstars aus den USA für Konzerte nach Köln wie Destiny's Child mit Beyoncé, Jay-Z, Missy Elliot oder die 2001 verstorbene Aaliyah. „Damals waren die Popkomm, das Ringfest, der Musiksender Viva und die Plattenfirma Emi noch in Köln. In den 90ern war Köln Trendstadt, was Berlin heute ist. Ich liebe Köln immer noch, aber den Vorsprung zu anderen Städten haben wir leider nicht mehr. Düsseldorf hat leider aufgeholt“, sagt Thomas.
Thomas bedauert, sein BWL-Studium nach dem 20. Semester abgebrochen zu haben. Doch das Nachtleben hatte ihn voll gepackt. Bescheiden blickt er zurück und sagt, er habe seinen „Beitrag zum Kulturleben“ geleistet. Und was passiert damit irgendwann? „Es würde auch ohne mich funktionieren“, sagt Thomas und verweist auf sein großes Team aus 120 festen Mitarbeitern und Hunderten von Mini-Jobbern. An der Anzahl der Anrufe am Tag hat sich im Laufe der Jahrzehnte nicht viel geändert: „Früher riefen mich alle an, weil sie auf die Gästeliste wollen. Heute rufen mich alle an, weil sie wollen, dass ihre Kinder reinkommen.“ Wann Thomas endlich mal entspannen kann? „Bei der Familie“.


