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Tinder-DateKölnerin verlor Vermögen durch Betrüger, der Liebe und Freiheit versprach

7 min
12.03.2026, Köln: Weltverbrauchertag: Die Schuldnerberaterin Kirsten Liske in der Verbraucherzentrale in Köln. Foto: Arton Krasniqi

Schuldnerberaterin Kirsten Liske von der Verbraucherzentrale Köln zeigt die Website, der die Kölnerin zum Opfer fiel. Die 45-Jährige ließ sich von einem Online-Date verleiten, viel Geld in vermeintliche Krypto-Währung zu investieren.

Eine alleinerziehende Kölnerin fiel einer perfiden Betrugsmasche zum Opfer: Love-Scamming. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ offenbart sie sich. Eine Geschichte zum Weltverbrauchertag.

Sabine Müller hat gerötete Augen, als sie der Schuldnerberaterin und dem Journalisten in einem Büro der Kölner Verbraucherzentrale gegenübersitzt. Ihr linker Fuß wippt, sie kratzt sich immer wieder an der Schläfe. Sie habe kaum geschlafen, sagt sie, es falle ihr sehr schwer, heute hier zu sein. „Ich möchte die letzten sechs Monate am liebsten komplett aus meinem Leben streichen – es fühlt sich bis heute so an, als sei ich in einem falschen Film gelandet.“ 74.000 Euro hat die alleinerziehende Mutter von drei Kindern an einen Internetbetrüger verloren, der ihr große Liebe und finanzielle Freiheit vorgaukelte. „Ich schäme mich vor mir selbst und vor meiner Familie“, sagt Müller.

Sie wischte nach rechts, er auch. Ein Herz blinkte auf. Ihr Puls ging höher

Müllers Name und einige biografische Daten sind für diesen Artikel verändert worden, weil die 45-Jährige große Sorge hat, erkannt zu werden. Schuldnerberaterin Kirsten Liske nickt ihr aufmunternd zu. „Es ist toll, dass Sie bereit sind, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen“, sagt sie. Über Love Scamming, eine perfide Betrugsmasche, bei der Kriminelle falsche Profile nutzen, um ihre Opfer finanziell auszubeuten, sei viel zu wenig bekannt.

„Internetbetrug nimmt auch wegen den Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz zu“, sagt Karsten Strätz, Leiter der Kölner Beratungsstelle der Verbraucherzentrale. „Fast jeder von uns war schon mit Nachrichten wie 'Ihr Konto braucht Ihre Aufmerksamkeit' oder 'Werde reich in fünf Minuten' konfrontiert. Da die Betrugsanschreiben und Seiten immer echter aussehen, steigt auch die Gefahr von Betrug enorm.“

Im Jahr 2025 wurden der Verbraucherzentrale mehr als 382.000 Verdachtsfälle von Phishing gemeldet – also Mails, die den Eindruck erwecken, von der Post, der Hausbank oder Krankenkasse zu sein, um Daten abzugreifen. Bei der Kölner Polizei gingen im vergangenen Jahr rund 300 Anzeigen dieser Art ein. „Bei Online-Investments und Kontaktanbahnungen über soziale Netzwerke oder Dating-Plattformen raten wir dazu, immer besonders vorsichtig zu sein und keine Geldüberweisungen an unbekannte Personen oder Plattformen vorzunehmen“, sagt ein Polizeisprecher.

12.03.2026, Köln: Weltverbrauchertag: Die Schuldnerberaterin Kirsten Liske in der Verbraucherzentrale in Köln in einem Beratungsgespräch. Foto: Arton Krasniqi

„Alle Angebote, die zu gut sind, um wahr zu sein, sind auch zu gut, um wahr zu sein“ – Schuldnerberaterin Kirsten Liske

Bei Sabine Müller fing es an mit einem Match auf der Dating-Plattform Tinder, als die Kölnerin im Urlaub an der Nordsee war. Sie wischte nach rechts, er auch. Ein Herz blinkte auf. Ihr Puls ging höher.

Er nannte sich Marcus, gab an, Anfang 40 zu sein, hatte dunkle Haare und ein nettes Lächeln. Sie begannen, zu chatten. „Ganz normal, harmlos, einfach nett.“ Marcus stellte sich als Spanier vor, der in Köln bei einer Firma für Solaranlagen arbeite, ein paar Jahre jünger als sie, keine Kinder, geschieden. Sie schrieben über ihre Hobbys, Müller erzählte von ihren drei Kindern, Herz-Emojis gingen hin und her. Irgendwann habe Marcus geschrieben, dass er privat mit Aktien handele, Bitcoins, Blockchain, und das so erfolgreich, dass er ein Haus in Lindenthal gekauft habe. „Ich habe mich gewundert, Lindenthal ist ja sehr teuer, habe mir aber nichts dabei gedacht“, erinnert sich Müller.

Chatnachricht des Betrügers

Echte Chatnachricht des Betrügers

Als er per Textnachricht fragte, ob sie auch mal „traden“ wolle, es gehe ganz einfach, habe sie erstmal abgelehnt. Sie verdiente ja gut, fast 5000 Euro brutto als Angestellte im gehobenen Dienst. Marcus hakte nach. Sie könne ja erstmal einen ganz kleinen Betrag einsetzen, schrieb er. Wenn es funktioniere, könne sie sich bald ein neues Auto kaufen oder mit den Kindern einen Traumurlaub im Süden machen. An der Nordsee sei es sehr kalt gewesen, hatte sie ihm berichtet.

„Und dann habe ich das halt mal versucht.“ 100 Euro habe sie an eine Blockchain-Plattform namens blockchain-vip.com, die Marcus ihr genannt habe, geschickt.  „Nach zehn oder 20 Minuten auf der Seite, Marcus hatte mir erklärt, wie das geht, waren aus den 100 Euro 150 geworden.“ Die 150 Euro seien schnell auf ihr Konto zurücküberwiesen worden. In der Folge flirtete sie weiter mit Marcus – immer via Whatsapp-Textnachrichten. Sie telefonierten nie.

Chatnachricht des Internetbetrügers

Der Betrüger überredete die Kölnerin immer wieder, sich Geld zu leihen.

Nach ein paar Tagen habe Marcus sie gefragt, ob sie nicht mal mit einer höheren Summe einsetzen wolle. Ihr jüngster Sohn war bei einem Fußballspiel, die eine Tochter auf einem Kindergeburtstag, die älteste bei ihrem Freund, als Müller sich am letzten Augustwochenende 2025 entschied, 2000 Euro auf die Blockchain-Seite zu überweisen. „Oh, das ist super, dann gebe ich 3000 dazu“, schrieb Marcus. „Und dann haben wir angefangen, zusammen mit den Wertpapieren zu handeln. Marcus hat mir per Sprachnachricht immer wieder Tipps gegeben – es war ganz einfach.“

Die Gewinne stiegen schneller, als Sabine Müller gucken konnte. Binnen Minuten waren aus den 5000 Euro 14.000 geworden, dann 30.000, 60.000. Nach zweieinhalb Stunden waren es 100.000. „100.000 Euro – das war eine unvorstellbare Summe. Ich konnte es kaum fassen. Es war zu schön, um wahr zu sein.“ Und sie wollte es doch glauben.

Jetzt stellte sich allerdings die Frage, wie sie das Geld ausgezahlt bekommt – die 100.000 Euro wurden nämlich nicht wie der Gewinn von 50 Euro am Anfang einfach auf ihr Konto überwiesen. Sie schrieb an den englischsprachigen „Kundenservice“ der Seite – und erhielt die Antwort, sie müsse zunächst Steuern zahlen: 30.000 Euro seien das bei ihrem Gewinn von 100.000 Euro. Sie sei völlig perplex gewesen, sagt Müller, und habe Marcus gefragt: „Hast Du 30.000 übrig, damit ich das Geld ausgezahlt bekomme?“ Hatte er „leider“ nicht. Sein ganzes Geld habe er angelegt, sagte er. Und schrieb: „Hast Du nicht Eltern, Freunde, die Dir was leihen können?“

Chatnachricht des Betrügers

Marcus machte immer wieder Druck.

Hatte Müller nicht. Wollte sie vor allem nicht. „Ich habe niemanden davon erzählt – es war ja ein Date, im Internet, mir war das zu privat.“ Stattdessen fragte sie ihre Bank nach einem Kredit. Der schnell bewilligt wurde. Marcus stellte jetzt ein Treffen in Köln in Aussicht – „Mitte September wollten wir uns in einem Restaurant treffen“, sagt Müller. „Ich hatte schon überlegt, was ich anziehe.“

Wenn Sabine Müller ihre Geschichte erzählt, hört sie sich bis heute so an, als sei Marcus wirklich ein Freund gewesen und eigentlich ein netter Typ. Als habe sie ganz normal mit Krypto-Währung gehandelt. Und, dass sie bis heute glaube, dass sie ihren „Gewinn“ noch bekommt. Dass sie über Monate in einer perfiden Betrugswelt lebte – verdrängt sie wohl auch deswegen weiterhin, „weil das alles zu weh tut“.

Als sie die 30.000 Euro überwiesen hatte, erhielt Sabine Müller wenig später ein Schreiben des „Kundenservice“: Die „Steuern“ seien zu spät überwiesen worden, sie müsse weitere 17.000 Euro zahlen. „Möchte ich nicht, mache ich nicht“, sei ihr panisch durch den Kopf geschossen. Sie wippt, kratzt sich an der Schläfe. Marcus riet ihr im Chat dazu, ruhig zu bleiben und zu überweisen: „Sonst bekommst Du den Gewinn ja nicht.“

Im Nachhinein kommt es ihr wie ein böser Zufall vor, dass ihre Bank just einige Monate zuvor ihren Dispokredit auf 20.000 Euro erhöht habe. Sabine Müller überwies die 17.000 Euro. Spätestens, als die vermeintliche Blockchain-Seite weitere 14.000 Euro anmahnte, „hätte ich aufwachen müssen“, sagt sie.

Doch ihr Film, in den immer wieder Liebesbekundungen von Marcus eingewoben waren, lief weiter. Irgendwann brauchte Marcus, der angeblich beim Traden gesperrt worden war, Geld, um sich „freizukaufen“, irgendwann wurden „Zinsen fällig“. Sabine Müller nahm einen weiteren Kredit auf. Und nicht nur das.

Zu der Zeit hat meine Lieblingstante mir eröffnet, dass Sie einen Bausparvertrag aufgelöst hat und viel Geld auf dem Konto hat
Sabine Müller, Betrugsopfer

„Zu der Zeit hat meine Lieblingstante mir eröffnet, dass Sie einen Bausparvertrag aufgelöst und viel Geld auf dem Konto hat.“ Müller lieh sich Geld von ihrer Tante. Viel Geld. Der Tag im September, an dem sie Marcus treffen wollte, war da lange vorbei. „Ich kann Dir ja nicht mehr in die Augen schauen, bevor Du Dein Geld nicht hast“, schrieb er. Das stimmte wohl. „Im Nachhinein war es das einzige Mal, dass er nicht gelogen hatte“, sagt Sabine Müller.

Chatnachricht des Internetbetrügers

Als sie 74.000 Euro für den vermeintlichen Gewinn von 100.000 Euro überwiesen hatte und Marcus sich auf Nachrichten kaum noch zurückmeldete, ging Sabine Müller zur Polizei und wenig später zur Verbraucherzentrale. Denen war die Bitcoin-Seite als höchst unseriös bekannt. „Alle Angebote, die zu gut sind, um wahr zu sein, sind auch zu gut, um wahr zu sein“, sagt Kirsten Liske.

Die Schuldnerberaterin plant jetzt mit Sabine Müller eine Verbraucherinsolvenz. Über drei Jahre wird ein Teil ihres Einkommens gepfändet. Damit zahlt die 45-Jährige die Kosten des Verfahrens gegen die Gläubiger, einen kleinen Anteil bekommen die Banken selbst.

Da Sabine Müller alleinerziehend ist und drei Kinder hat, werden nur einige Hundert Euro pro Monat gepfändet. Ein neues Auto und ein Traumurlaub sind weiter denn je entfernt. Das ist ihr gar nicht so wichtig. „Ich bin vor allem sauer auf mich selbst“, sagt sie. Was ihr genau passiert ist, weiß von ihren Freunden und Verwandten niemand. „Es ist mir zu peinlich.“

Die Verbraucherzentrale NRW informiert im Internet ausführlich über gängige Betrugsmaschen und wie man sie erkennt.

https://www.verbraucherzentrale.nrw