Auf dem Ausbildungsmarkt zeichnet sich eine Trendwende ab: Es gibt im Kreis Euskirchen derzeit mehr Bewerber angebotene Lehrstellen.
TrendwendeDie Suche nach einem Ausbildungsplatz wird im Kreis Euskirchen schwieriger

Hoch hinaus zieht es die Dachdecker: Die Ausbildung zu diesem Beruf gehört zu den beliebtesten.
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Die Zahlen klingen bedenklich: Nach Jahren, in denen sich die Jugendlichen ihre Lehrstelle aus einem breiten Angebot aussuchen konnten, ist der Trend umgeschlagen. Im Kreis Euskirchen gibt es derzeit mehr Bewerber und Bewerberinnen als Ausbildungsplätze. 626 Bewerbern stehen 384 offene Stellen gegenüber, so die aktuellen Zahlen, die Ralf Holtkötter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl, zur Halbzeit auf dem Ausbildungsmarkt vorlegte.
In den Betrieben herrscht Unsicherheit
Die Sache hat auch eine positive Seite, wollen doch immer mehr junge Menschen eine Ausbildung machen – ein Ziel, für das sich die Arbeitsagentur im Kreis Euskirchen eingesetzt hat. Doch bei den Betrieben herrsche Unsicherheit angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungen, so Holtkötter.
Hinzu komme, dass viele in den vergangenen Jahren die Chance, einen geeigneten Auszubildenden zu bekommen, eher gering eingeschätzt hätten. Er appelliert: „Ausbildung ist ein Langzeitinvest in die Zukunft und der einzige Weg, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.“ Holtkötter geht davon aus, dass sich die Lage bis zum Ende der Bewerbungsphase – das Ausbildungsjahr beginnt am 1. August beziehungsweise 1. September – noch etwas entspannen wird.
Nur wenige Abiturienten suchen im Kreis Euskirchen eine Lehrstelle
Von Oktober 2025 bis März 2026 haben sich 981 Bewerberinnen und Bewerber aus dem Kreis Euskirchen für eine Ausbildungsstelle bei der Arbeitsagentur gemeldet, 108 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 618 Lehrstellen sind gemeldet worden, das sind 107 weniger als im Jahr zuvor. Unternehmen, die das Abitur für eine Ausbildung voraussetzen, dürften es diesmal schwer haben, weil durch die Umstellung von G8 auf G9 nur wenige Abiturienten auf Stellensuche sind.
Holtkötter: „Es wird eine Ausweichbewegung zugunsten derjenigen geben, die sich mit Fachabitur oder einem guten mittleren Schulabschluss bewerben.“ Denn die Unternehmen brauchten Nachwuchs und könnten die Rekrutierung nicht aufschieben. Für viele junge Menschen entstehe so eine neue Chance auf einen Beruf, der ihnen sonst verwehrt geblieben wäre.
Handwerksberufe sind krisenfest und standortgebunden, die Arbeitsplätze können nicht ins Ausland verlagert werden.
Aus Sicht der Handwerkskammer Aachen liegt der Kreis Euskirchen bei den Ausbildungszahlen zurück. Richard Graf, Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung und Prüfungswesen, wirbt: „Handwerksberufe sind krisenfest und standortgebunden, die Arbeitsplätze können nicht ins Ausland verlagert werden.“
Der Kfz-Mechatroniker führt immer noch die Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe an. Doch die Konkurrenz ist ihm hart auf den Fersen. Es folgen Dachdecker, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik – mit deutlicher Tendenz nach oben. „Jugendliche wollen die Energiewende aktiv mitgestalten“, schließt Graf daraus.
Beim Thema Frauen ist noch Luft nach oben
Knapp 12 Prozent der neuen Handwerks-Azubis im Kreis Euskirchen 2025 seien weiblich oder divers gewesen. Das zeige, dass das Handwerk auf dem Weg sei, aber beim Thema „Frauen“ noch viel Luft nach oben habe. Ein Sorgenthema: Rund ein Fünftel bricht die Ausbildung ab. Bessere Sprachförderung, mehr Begleitung in den Betrieben und niedrigschwellige Unterstützung sollen gegensteuern.
In der Industrie und im Handel habe sich der Ausbildungsmarkt positiv entwickelt, vermeldet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. Sie verzeichnet ein Plus bei den schon abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Verhältnis zum Vorjahr. Das Interesse vor allem an Berufen im Hotel- und Gaststättengewerbe und in der Metalltechnik sei gewachsen, sagte Ellen Lenders, Senior Expertin Bildungsberatung und Politik.
Verlierer ist der Bereich Körperpflege. Friseurin, früher der Traumberuf viele Mädchen, ist kaum noch gefragt. Zehn Auszubildende gebe es im Kreis derzeit, berichtete Richard Graf, davon seien neun männlich. Auch die Zahl der Meisterprüfungen bei den Friseuren gehe zurück. Dennoch zeigten sich die Fachleute – zurückhaltend zwar – optimistisch.
Die heiße Phase auf dem Ausbildungsmarkt beginne jetzt erst. Holtkötter räumt den Schulabgängern gute Chancen ein, noch einen Ausbildungsplatz zu finden. Ellen Lenders setzt auf Eigeninitiative: „Wer sich frühzeitig orientiert, Praktika nutzt und aktiv auf Betriebe zugeht, verbessert seine Möglichkeiten deutlich.“ Unterstützung bei der Suche finden die jungen Leute nicht nur bei der Agentur für Arbeit, sondern auch bei der IHK und der Handwerkskammer.
Hier finden Bewerber und Betriebe Rat
Jugendliche, die noch eine Berufsausbildungsstelle suchen, sollten sich schnellstmöglich an die Berufsberatung der Agentur für Arbeit vor Ort wenden, empfiehlt Ralf Holtkötter. Ein Termin kann unter der Rufnummer 02251 797979, per E-Mail oder über die Homepage der Arbeitsagentur vereinbart werden. Arbeitgeber, die noch Berufsausbildungsstellen melden möchten, wenden sich an den Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit vor Ort unter der Servicenummer 0800/4 5555 20.

