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Gefahr auf der WieseDie Kitzretter im Kreis Euskirchen sind gut vorbereitet auf die Mahd

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Eine Drohne steigt bei Sonnenaufgang über einer Wiese auf.

Im ersten Morgenlicht lassen die Kitzretter ihre Drohnen aufsteigen. Mit Wärmebildkameras suchen sie nach Rehkitzen. 

Mit Drohnen und Wärmebildkameras suchen die Kitzretter im Kreis Euskirchen auf den Wiesen nach jungen Rehen, bevor die Landwirte anfangen zu mähen. 

Junge Wildtiere leben gefährlich. Egal, ob es der kleine Vogel ist, der aus dem Nest fallen kann, oder die Kaulquappe, die vom Fisch verschluckt wird. Auf Rehkitze wartet eine weitere, menschengemachte Gefahr: das Mähwerk. Denn ausgerechnet im Mai und Juni, wenn die Ricken Nachwuchs bekommen haben, wird gemäht. Dann fahren die Traktoren über die Wiesen, und genau dort legen die Rehmütter ihre Kitze ab, um selbst auf Nahrungssuche zu gehen. Eine tödliche Konstellation.

Wann die Landwirte in Eifel und Voreifel die Kreiselmäher in Bewegung setzen werden, lässt sich nicht genau vorhersagen. Das Wetter muss stimmen. Erst braucht es Regen und ein bisschen Wärme, damit das Gras gut wächst, dann muss ein paar Tage die Sonne scheinen sein, damit es trocknen kann. Egal, wann es losgeht: Die Kitzretter sind gut vorbereitet.

Der Verein Kitzrettung Kreis Euskirchen hat es sich zur Aufgabe gemacht, so vielen jungen Rehen wie möglich den Tod durch das Mähwerk zu ersparen. 129 Mitglieder hat der Verein mittlerweile. 15 sind Drohnenpiloten, dazu kommen rund 80 Helferinnen und Helfer. Die Mannschaft wächst, aber auch die Zahl der Anfragen steigt. Deshalb hat der Verein jetzt ein neues, digitales Buchungssystem entwickeln lassen. Bernd Osterthun, der die Teams organisiert, stellt es den Piloten vor, die sich dafür im Gerätehaus der Feuerwehr Elsig getroffen haben.

Bis 18 Uhr können die Landwirte ihren Bedarf anmelden

Im vergangenen Jahr hat er diese logistische Kniffelei noch auf einem DIN-A3-Blatt erledigt. Jetzt zeigt das Laptop übersichtlich, wer wann und wo einsetzbar ist. Die Teams müssen schnell am Start sein. Bis um 18 Uhr am Vortag können Landwirte Bescheid sagen, dass sie am nächsten Morgen mähen wollen. Dann heißt es früh aufstehen. Denn die Wiesen müssen kontrolliert sein, bevor die Sonne richtig wärmt. Dann gäbe es zu viele Fehlmeldungen, weil die Wärmebildkameras auch auf einen Maulwurfshügel reagierten.

Ein Kitz liegt im Gras.

Eine Ricke hat ihr Kitz auf der Wiese abgelegt. Dort wartet es, bis das Muttertier zurückkommt. Dabei wird das Mähwerk zur tödlichen Gefahr.

Die zehn Drohnenpiloten stehen vor einer Leindwand, auf der das neue Buchungssystem gezeigt wird. Die meisten haben neongelbe Jacken an.

Die Drohnenpiloten haben sich in den Räumen der Feuerwehr Elsig getroffen, um sich mit dem neuen digitalen Organisationssystem vertraut zu machen.

Wenn ein Kitz gefunden wird, beginnt die Arbeit der Helfer. Sie schleppen eine spezielle Kiste auf die Wiese, in die das Tier behutsam gepackt wird. Auch das will gelernt sein: energisch, aber sachte zuzupacken, auch wenn das kleine Reh in dem Moment schreit. Gas geben müssen dann auch die Landwirte. Wenn Stunden vergehen, bis der Mäher anrückt, hat vielleicht schon die nächste Ricke ihr Junges auf der Wiese abgelegt.

Wenn man einmal so ein kleines Wesen in der Hand gehalten hat und weiß, dass es ohne uns den Tag nicht überlebt hätte, stellt sich die Frage nicht mehr.
Vorsitzender Andreas Roitzsch

Was treibt die Menschen zu diesem Hobby oder besser gesagt Ehrenamt, das anspruchsvoll und anstrengend ist? „Die Motivation ist irgendwie eine Mischung aus Tierschutz und Technikbegeisterung“, sagt Osterthun. Vorsitzender Andreas Roitzsch formuliert es anders: „Wenn man einmal so ein kleines Wesen in der Hand gehalten hat und weiß, dass es ohne uns den Tag nicht überlebt hätte, stellt sich die Frage nicht mehr.“ Aufgerüstet haben die Kitzretter nicht nur in Sachen Organisation. Der Verein hat mittlerweile 13 Drohnen zur Verfügung, drei sind in Privatbesitz. Und die älteren werden jetzt schon ausgetauscht gegen modernere Modelle.

Rund 100 Kunden wenden sich in der Saison an den Verein. Und natürlich sind darunter auch welche, die gleich mal drei Tage blockieren. „Pro-forma-Buchungen sind ein echtes Problem“, sagt Osterthun. Nach der Kitzsuche bekommen die Landwirte eine Bescheinigung, dass sie Vorkehrungen getroffen haben, um die Tiere zu schützen. Denn wenn ein Kitz unterm Mähwerk verendet, liegt ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vor.

440 kleine Rehe haben die Kitzretter seit 2023 vor dem sicheren Tod bewahrt. Doch sie wissen auch: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, egal, wie sorgsam sie auch suchen. Wie ist das, wenn man nach all dem Aufwand erfährt, dass trotzdem ein Kitz ausgemäht worden ist? Die Drohnenpiloten suchen nach der richtigen Formulierung: „Schon hart.“ „Ernüchternd.“ „Niederschmetternd.“ „Das tut schon weh.“ Da sage einer, Männer sprächen nicht über Gefühle.

Wer den Drohnenpiloten mal über die Schulter schauen möchte, hat dazu am Sonntag, 19. April, 14 Uhr, Gelegenheit. Dann gibt es eine Vorführung an der Friedwaldkapelle bei Iversheim. Vielleicht kommt der eine oder die andere auf den Geschmack und möchte mitmachen. Die Kitzretter versprechen ein tolles Team: „Hier hilft jeder jedem.“ Es muss auch nicht jeder eine Drohne fliegen können. Bernd Osterthun sagt: „Helfer nehmen wir immer.“