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Academy AwardsWieso Paul Thomas Anderson fast 30 Jahre auf seinen Oscar-Erfolg warten musste

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Die Oscar-Preisträgerin in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“, Jessie Buckley aus dem Film „Hamnet“, feiert am Sonntag, dem 15. März 2026, während der 98. jährlichen Oscar-Verleihung im Stadtteil Hollywood in Los Angeles gemeinsam mit dem Oscar-Preisträger in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“, Michael B. Jordan aus dem Film „Sinners“, im Presseraum.

Die Oscar-Preisträgerin in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“, Jessie Buckley, feiert gemeinsam mit dem Oscar-Preisträger in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“, Michael B. Jordan.

Die 98. Academy Awards in Los Angeles boten wenig Überraschendes. Aber dafür waren sie künstlerisch umso befriedigender.

„Sie verkaufen Schuhe und ich mache Handschuhe“, pflegte Robert Altman zu sagen, wenn man ihn auf seine desaströse Preisverleihungsbilanz ansprach. Sieben Mal war der große amerikanische Ensemble-Regisseur („M*A*S*H“, „Nashville“, „Short Cuts“) für den Oscar nominiert gewesen, verloren hatte er jedes Mal. Sein satirischer Biss passte nicht zu Hollywoods großer Wohlfühl-Gala. Wenige Monate nachdem man ihm den Ehren-Oscar als Trostpreis überreicht hatte, starb er.

Lange Zeit sah es so aus, als drohe Paul Thomas Anderson, Altmans Protegé und spiritueller Nachfolger, ein ähnliches Schicksal. Andersons Filme, angefangen mit „Boogie Nights“ im Jahr 1997, hatten zwar insgesamt 41 Academy-Award-Nominierungen geholt, aber nur drei davon eingelöst. Der Regisseur selbst blieb preislos.

Das hat sich am Sonntag, bei den 98. Academy Awards in Los Angeles, nun endlich geändert: „One Battle After Another“, Andersons bislang aufwendigster, aber auch politischster Film, ging mit sechs Statuetten als großer Gewinner und „Bester Film“ seines Jahrgangs aus dem Abend hervor, ein von den meisten Beobachtern erwarteter, aber dennoch befriedigender Gewinn.

Ihr lasst einen echt hart arbeiten, um so einen zu bekommen.
Paul Thomas Anderson bedankt sich für seinen Regie-Oscar

Der 55-Jährige selbst freute sich sichtlich am meisten über die Auszeichnung als „Bester Regisseur“: „Ihr lasst einen echt hart arbeiten, um so einen zu bekommen“, bemerkte Anderson in seiner Dankesrede. Da hatte der Mann, der mit „There Will Be Blood“ (2007) den vielleicht besten Film der vergangenen 25 Jahre gedreht hat, wirklich nicht übertrieben.

Warum es mit „One Battle After Another“ nun endlich geklappt hat? Es ist Andersons erfolgreichster Einsatz an den Kinokassen, doch das außergewöhnlich hohe Budget von 130 bis 175 Millionen Dollar bedeutet, dass der Film trotzdem Geld verloren hat, wie eigentlich alle seine Regiearbeiten. War es die Starpower von Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio (der selbst leer ausging), die vielen hysterisch-komischen Momente, die fantastische Autoverfolgungsjagd oder die hollywoodeske Familienzusammenführung am Ende des Films, die die nötigen Oscar-Stimmen eingebracht hat?

Es lag wohl vor allem daran, dass „One Battle“ den Nerv der Zeit trifft: Der Film begleitet eine Gruppe militant-linker Aktivisten, die Einwanderer befreit, die von einer paramilitärischen Behörde in Camps eingepfercht worden sind. Angeführt wird diese ICE-ähnliche Truppe von Col. Steven J. Lockjaw, der Karikatur eines quasi-faschistischen, von inneren Widersprüchen zerrissenen Mannes. Sean Penn hat am Sonntag dafür den Oscar für den besten Nebendarsteller gewonnen – in Abwesenheit, der nun dreifach Oscar-gekrönte Darsteller befindet sich derzeit angeblich in der Ukraine.

Der US-amerikanische Filmemacher Paul Thomas Anderson nimmt am 15. März 2026 im Dolby Theatre in Hollywood, Kalifornien, im Rahmen der 98. Oscar-Verleihung auf der Bühne den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch für „One Battle After Another“ entgegen.

Regisseur Paul Thomas Anderson, der große Gewinner des Oscar-Abends.

Anderson hatte seit Jahrzehnten davon geträumt, Thomas Pynchons Roman „Vineland“ (1990) zu verfilmen – für seine sehr lose Adaption konnte er den dritten Goldkerl mit nach Hause nehmen. Wie konnte er ahnen, dass, kaum dass sein Film in den Kinos lief, ein fleischgewordener Col. Lockjaw namens Gregory Bovino die Schlagzeilen bestimmen würde?

Tatsächlich – auch das dürfte bei der Academy-Jury geholfen haben – ist „One Battle“ kein besonders linker Film, seine Möchtegern-Revolutionäre sind eben auch nur Karikaturen. Absolut ernst gemeint sind dagegen seine Best-Practice-Beispiele von Zusammenhalt und Solidarität, mit denen der Film dem vielleicht dunkelsten Moment in der Geschichte der USA einen Funken Hoffnung abtrotzt: So gewinnt man Oscars.

Bleibt ein Wermutstropfen: Andersons Triumph bedeutet, dass sich Ryan Cooglers „Blood & Sinners“ – mit 16 Erwähnungen der meistnominierte Film in der Geschichte der Academy Awards – mit einem zweiten Platz begnügen muss. Obwohl diese ungewöhnliche Mixtur aus Blues-Musical und Vampirfilm noch besser als „One Battle“ vorführt, wie man gewichtige Inhalte – Coogler verhandelt unter anderem das Erbe der Sklaverei und kulturelle Aneignung – mit den leichten Freuden des Popcorn-Kinos verbinden kann. Und eventuell der politischere Film unter den beiden großen Konkurrenten des Abends ist.

Die erste Frau in der „Beste Kamera“-Kategorie

Immerhin: Coogler wurde für sein Drehbuch, sein kongenialer Komponist Ludwig Göransson für die beste Filmmusik ausgezeichnet. Dazu kamen die beiden konsequenzreichsten Entscheidungen der ansonsten wenig überraschenden Gala: Autumn Durald Arkapaw gewann als erste Schwarze und als erste Frau den Oscar für die „Beste Kamera“. Sie bat, wie Schauspielerin Frances McDormand 2018, alle Frauen im Dolby Theatre, sich zu erheben.

Und auch Michael B. Jordan, der in „Blood & Sinners“ die Doppelrolle als Zwillingspaar Smoke und Stack spielt, reihte sich in eine große Tradition ein: Ryan Cooglers Lieblingsschauspieler zählte, als er den Preis für den besten Hauptdarsteller entgegennahm, die Namen der sechs ihm vorangegangenen schwarzen Gewinner in dieser Kategorie auf – und erhielt die enthusiastischste Reaktion des gesamten Abends.

Mehr noch als Jessie Buckley, immerhin die erste „Beste Hauptdarstellerin“ aus Irland. Die hatte zwar in „Hamnet“ als Shakespeares Frau das Publikum zu Tränen gerührt und hielt nun eine der charmantesten Dankesreden des Abends, aber ihr Sieg galt schon viel zu lange als ausgemachte Sache.

So wird man die Oscars 2026 trotz künstlerisch befriedigender Ergebnisse als allzu erwartbare Veranstaltung in Erinnerung behalten, auf der mehr Witze über Timothée Chalamets abschätzige Bemerkung über die angebliche Randständigkeit von Ballett und Oper gerissen wurden, als über das Abgleiten der USA in den Neofeudalismus und die zunehmende Erosion des alten Geschäftsmodells der Filmindustrie.

Sowohl „Blood & Sinners“ als auch „One Battle After Another“ und „Weapons“ – der Film, der der 75-jährigen Amy Madigan 40 Jahre nach ihrer ersten Nominierung den Oscar als beste Nebendarstellerin einbrachte – sind Warner-Bros.-Produktionen. Um das hoch verschuldete Studio hatten sich Netflix und Paramount eine Übernahmeschlacht geliefert, die Paramount-Skydance für sich entschieden hat. Der Medienkonzern gehört dem Trump-Freund David Ellison.

Keine gute Nachricht für Regisseure, die Handschuhe für Hollywoods Schuh-Markt produzieren.