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„De/Collecting Memories“Neue Ausstellung im Museum Ludwig – Zwischen Völkermord und Powwow

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Wendy Red Star sitzt in einer kitschigen Naturkulisse.

Ausschnitt aus Wendy Red Stars „Four Seasons (Spring)“, derzeit im Museum Ludwig zu sehen. 

Das Kölner Museum Ludwig zeigt eine Ausstellung über die Auslöschung der indigenen Völker aus dem amerikanischen Bildgedächtnis. 

Aus der Sicht des Verlegers William A. Livingstone mögen die Schönheiten des amerikanischen Westens vor allem erschaffen worden sein, um von wagemutigen Fotografen erkundet, erobert und als atemberaubende Bilder in alle Welt exportiert zu werden. Mit anderen Worten: um ihn reich zu machen. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Edwin H. Husher hatte er in den späten 1890er Jahren die Detroit Publishing Company gegründet und in der Schweiz die exklusiven Rechte an einem Verfahren erworben, mit dem man Schwarz-Weiß-Aufnahmen in „Fotochrome“ verwandeln konnte. Anders als der Name vermuten lässt, waren dies keine Farbfotografien, sondern farbige Drucke von nachträglich kolorierten Negativen.

Vor zwei Jahren kaufte das Kölner Museum Ludwig 200 Bilder aus Livingstones früher Massenproduktion, darunter fantastische Postkarten- und Postermotive, die in ihrer impressionistischen Unwirklichkeit beinahe zu kostbar scheinen, um sie als kollektive Erinnerungsstücke an Touristen zu verhökern. Wie Miriam Szwast, Leiterin der Fotografischen Sammlung im Ludwig, betont, prägten sie das geschönte Selbstbild des weißen Amerikas maßgeblich mit. Auf einem 1898 entstandenen Fotochrom aus dem Yosemite Valley sieht man eine kleine Gruppe von Männern in weiter Ferne auf einem Aussichtsplateau posieren. Man versteht auf den ersten Blick: Das Land der unbegrenzten Naturschönheiten ist eines, das nicht nur bewundert, sondern auch von entschlossenen Männern unterworfen werden will.

Es ist eine leichte Übung, die Ideologie dieser Bilder zu entlarven

Es ist eine leichte Übung, die Ideologie dieser Bilder als Lüge zu entlarven, zumal die technische Manipulation zum Produktionsprozess des Fotochroms gehörte; laut Szwast wurden, um mit der Zeit zu gehen, sogar Pferde aus den Druckvorlagen retuschiert und durch Automobile ersetzt. Aber nur, weil sie leicht ist, muss die Übung nicht gleich überflüssig sein. Sie kann sogar, wie Szwasts gemeinsam mit Santi Grunewald kuratierte Ausstellung „De/Collecting Memories from Turtle Island“ zeigt, gleichermaßen lehrreich wie visuell ansprechend sein.

Die kleine Schau aus der experimentellen „Hier und Jetzt“-Reihe des Ludwig empfängt die Besucher mit einer Fototapete von Wendy Red Star – einer US-Künstlerin der Apsáalooke. Red Star posiert darauf in indigener Kleidung und mit schmollendem Gesichtsausdruck vor einem Landschaftsprospekt, das auch aus dem Fundus der Detroit Publishing Company stammen könnte; die kitschige Anmutung wird zusätzlich durch Pappaufsteller wilder Tiere und wilder Blumen unterstrichen. Wie man in ihrem Manifest nachlesen kann, kritisiert Red Star damit die Rolle, die indigenen Künstlern in der westlichen Kunstwelt zugeschrieben wird. Als „Native Artist“ sitze man in der Falle, schreibt sie, weil von einem erwartet werde, authentisch zu sein und das schlechte Gewissen der weißen Amerikaner zu verkörpern.

Eine Hand betastet eine „Wolke“ aus Schellen.

Eine Schellenskulptur aus Marie Watts „Thirteen Moons“

Das Frühlingsbild aus Wendy Red Stars Jahreszeiten-Serie ist wie ein Haftungsausschluss vor die Auswahl der Detroiter Fotochrome gesetzt: als Zeichen dafür, dass man den schönen Bildern nicht trauen und man es als westliche Kuratorin im Grunde nur falsch machen kann bei einer Ausstellung über die Auslöschung der indigenen Völker aus dem amerikanischen Gedächtnis. Vieles machen Szwast und Grunewald dann aber richtig: Unter jedes Fotochrom (und einige ikonische Schwarz-Weiß-Bilder aus der eigenen Sammlung) setzten sie jeweils eine Legende, in der sie die Geschichte dieses Ortes aus indigener Perspektive erzählen. Das beginnt stets mit einem anderen Ortsnamen als dem geläufigen – und endet meistens beim Völkermord.

Man mag dies allzu didaktisch finden, zumal die Bilder aus dem amerikanischen Westen ihre Unschuld lange verloren haben. Aber man erfährt doch vieles, was man bisher nicht wusste, und es kann wahrlich nicht schaden, noch einmal daran erinnert zu werden, dass die berühmten dokumentarischen Aufnahmen, die Edward Curtis von den „verschwindenden Indianern“ machte, die wahren Ursachen für das „Verschwinden“ mit nostalgischen Inszenierungen bemäntelten. Selbst die erhabene Leere der Landschaften ist nicht unbescholten, denn in ihr lebt die Ansicht fort, die weißen Siedler hätten die „Neue Welt“ erst entdeckt, erschlossen und urbar gemacht.

Marie Watt ballt die Schellen zu wolkigen Skulpturen zusammen

In gewisser Hinsicht reiht sich „De/Collecting Memories from Turtle Island“ in die wachsende Reihe aufklärerischer „Spielverderber“-Ausstellungen ein. Aber natürlich bereichert der kritische Blick auf das ideologisch gefärbte Bildgedächtnis die einzelnen Aufnahmen eher, als dass er ihnen etwas nehmen würde – und sei es nur, dass man Amerika (oder die ganze Erdkugel) für die Dauer der Ausstellung mit seinem indigenen Namen, als Schildkröteninsel, anspricht.

Die zentrale Erinnerung an diese Schildkröteninsel stammt im Museum Ludwig von Marie Watt, US-Künstlerin und Mitglied der Seneca Nation. Sie greift für ihre 13-teilige Schellenskulptur auf ein 1918 bei den Ojibwe entstandenes Heilungsritual zurück: Auf dem Höhepunkt einer Grippeepidemie suchte ein Medizinmann nach einer Möglichkeit, das heilende Nordlicht in Klang zu übersetzen, und fand das magische Material in Tabakdosen-Deckeln, die sich von Hand zu klingenden Schellen zusammenrollen und an der Kleidung von Tänzern anbringen ließen. Durch einen solchen rituellen Schellen-Kleid-Tanz wurde der Legende nach ein krankes Kind gerettet.

Heute werden die Schellen in Manufakturen hergestellt und in Jingle-Dress-Dances weiterhin verwendet; zur Eröffnung der Ausstellung führt Acosia Red Elk, zehnmalige Schellen-Tanz-Weltmeisterin von den Umatilla, eine moderne Interpretation (man könnte auch von Aneignung sprechen) des Tanzes vor. Watt wiederum hat die Schellen für das Ludwig zu 13 wolkigen Skulpturen zusammengeballt, die Himmel und Erde verbinden und auch sonst ein spirituelles Erlebnis ermöglichen sollen – dafür dürfen wir die „Thirteen Moons“ (nach der indigenen Zeitrechnung) sogar anfassen und zum Klingen bringen.

Für ästhetische Spontanheilungen dürften die Kölner Ausstellungsräume etwas zu trist sein – die schönen 13 Monde schweben ein wenig verloren zwischen den Wänden und rascheln auch zu dezent für einen echten Powwow. Als Medizin gegen das romantische Glotzen auf amerikanische Landschaftsbilder empfiehlt sich die Ausstellung hingegen unbedingt.


„De/Collecting Memories from Turtle Island“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, 7. Februar bis 8. November 2026. Eröffnung: Freitag, 6. Februar, 19 Uhr.