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„Fräulein Else“ am Schauspiel KölnDie Scham wird zur Waffe

6 min
Julia Riedler in „Fräulein Else“

Julia Riedler in „Fräulein Else“

Julia Riedler macht aus Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ eine moderne MeToo-Erzählung, der man sich nicht entziehen kann

Ein Armreif und ein Fidget Spinner sind die dürftige Ausbeute, die Julia Riedlers Else am Mittwochabend im Kölner Schauspielhaus macht, als sie durch die Reihen geht, um vielleicht doch noch die 30.000 aufzutreiben, die sie braucht, um die Schulden ihres Vaters zu begleichen und ihn, den anerkannten Rechtsanwalt, so vor dem Gefängnis zu bewahren. Doch das Publikum ist äußerst zurückhaltend, es findet sich auch kein „Broligarch“, der ihr aushilft. Und so ist Else auf sich gestellt in ihrem Ringen um die richtige Reaktion auf das Angebot des reichen Kunsthändlers Dorsday, den sie auf Drängen ihres Vaters anpumpen muss. Der erklärt sich bereit, ihr das Geld zu geben, aber nur für eine Gegenleistung: Er will die junge Frau eine Viertelstunde lang nackt betrachten.

1924 erschien die Novelle „Fräulein Else“ des Schriftstellers Arthur Schnitzler. Ein klassischer MeToo-Fall, auch wenn es damals noch kein Wort dafür gab. Die Österreicherin Julia Riedler begleitet der Text schon sehr lange. Mit 18 war sie Regieassistentin am Salzburger Landestheater und sah Elisabeth Nelhiebel in der Rolle. Mit der Regisseurin Leonie Böhm hat sie ihr Herzensprojekt im Februar 2025 in Kay Voges' Wiener Volkstheater realisiert. Nun feierte es in Köln Premiere. Und wie schon in Wien eroberte Riedler auch das Kölner Publikum im Sturm. Elses Gedankenstrom, ihr innerer Monolog, entfaltet bereits in Schnitzlers Novelle eine ungeheure Wucht, aber diese Bühnenfassung überrollt das Publikum nahezu.

Das hat ganz wesentlich damit zu tun, dass Riedler die vierte Wand gleich zu Beginn einreißt und bei hellem Saallicht durchs Publikum schreitet und Zuschauerinnen und Zuschauer anspricht: „Man spürt lauter Leute, denen es gut geht und die keine Sorgen haben.“ Sie findet ihren Cousin Paul, macht ein Selfie mit einem „Filou“ und unterhält sich mit einer Frau über die Wirkung des Beruhigungsmittels Veronal, das sie sicher später mal probieren werde. Sie fragt scheinbar nebenbei, ob es ein Problem sei, dass sie das Knie eines Herrn im Publikum streift. Frauen werde man doch wohl noch sagen dürfen, dass sie hübsch seien. Alltagsgrenzüberschreitungen sind das, zu denen man plötzlich eine Haltung entwickeln muss.

Else macht ihr Dilemma zu unserem

Ein „Hoffentlich spricht sie mich nicht an“ steht da vielen ins Gesicht geschrieben, aber hier kann sich niemand im Dunkel des Zuschauerraums verstecken. Und so macht Else ihr Dilemma zu unserem. Der schwere, rote Samtvorhang und der opulente Kronleuchter, auf dem sie zwischendurch herumturnt, schaffen die Verbindung zum bürgerlichen Leben der besseren österreichischen Gesellschaft der Zwischenkriegsjahre.

Aber Elses Gedankenstrom, in den Julia Riedler ihr Publikum zieht, ist so heutig, wie es nur geht. Das liegt an ihrer Präsenz, ihrer Spielfreude, ihrer Fähigkeit, Schnitzlers Worte und ihre Improvisationen nahtlos ineinander zu verweben. Da wundert es nicht, dass sie auf der Nestroy-Verleihung 2025 als „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet wurde – und Leonie Böhm für die „Beste Regie“. Am Mittwochabend wurde Riedler zudem von „Theater heute“ als beste Schauspielerin des Jahres geehrt.

Schnitzler machte seine Leserinnen und Leser bei aller Empathie, die er erweckte, auch zu Voyeuren, indem er sie in Elses Kopf blicken ließ. In dieser Bühnenfassung sucht sie nun selbst den Kontakt und den Austausch mit dem Publikum und emanzipiert sich so auch von ihrem Schöpfer – und von einer Literatur- und Theatertradition, in der Männer jahrhundertelang die Deutungshoheit über Frauen hatten.

In „Fräulein Else“ wird der Körper zur Ware. Und in gewisser Weise wird er das ja im Theater auch. Aber es ist ein Deal, den beide Seiten gleichberechtigt eingehen, um zu verhandeln, was geht und was nicht. Riedlers Else seziert die Doppelmoral ihrer Zeit – oder doch vielleicht eher unserer? „Ans Burgtheater hätte ich gehen sollen. Dann hätte ich schon drei Liebhaber und eine Affäre mit dem Direktor.“ Der sei zwar verheiratet, aber ihm nehme das ja niemand übel.

Am Ende ist Else befreit und Dorsday geläutert

„Ich schäme mich wirklich zu Tode“, ruft sie in einem Moment. „Ich bin ja nicht schuld an dem Ganzen“ im nächsten. Aber sie könne den Papa doch nicht ins Gefängnis bringen. „Er schickt sich selbst ins Gefängnis“, ruft da eine Frau aus dem Publikum. Am Ende befreit sie sich, indem sie beschließt: Wenn sie sich schon auszieht, dann eben vor allen. Das Publikum solle sie zu Dorsday begleiten – und es willigt ein. Auch in Schnitzlers Vorlage sucht Else die Öffentlichkeit, entblößt sich im Musiksalon eines Hotels. Doch anders als in der Vorlage nimmt sie am Ende keine Überdosis Veronal, sondern tanzt lachend halbnackt über die Bühne, deren Vorhang sich nun geöffnet hat. Sie ist befreit. Und Dorsday geläutert. Er habe immer gedacht, er bewege sich noch im grünen Bereich, habe aber nun erkannt, dass sein Verhalten ja supertoxisch gewesen sei: „Ich habe dich ausgenutzt.“ Eine Utopie, zweifellos. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Die Scham muss die Seite wechseln“, diese Selbstermächtigung hat Gisele Pelicot berühmt gemacht. Bei Riedler wird die Scham zur Waffe. „Wenn ich dahin komme, dass ich mich schäme, weiß ich: Es beginnt spannend zu werden. Und eigentlich will ich nichts anderes sehen auf der Bühne. Ich will Mut sehen und Lust“, hat Julia Riedler dem „Standard“ in einem Interview über ihre Art zu arbeiten gesagt. Sie lotet die Grenzen der Scham aus, sie zwingt uns, es ihr gleichzutun. „Ich schäme mich nicht mehr“, sagt Else am Schluss. Und anders als Gisele Pelicot, die bei aller Tragik das große Glück hatte, eine breite Öffentlichkeit hinter sich zu wissen, musste Else bei Schnitzler ihren Weg allein gehen. Doch jetzt erobert sie sich im Austausch mit dem Publikum die Hoheit über ihre scheinbar ausweglose Lage zurück. Ein grandioser Abend.

Zur Entstehungszeit der Novelle hätte ihr die Polizei vermutlich höchstens ein müdes Lächeln gegönnt, hätte sie Anklage erhoben. Doch auch heute noch werden Frauen, die Übergriffe, Machtmissbrauch und Gewalt anzeigen, allzu oft nicht ernstgenommen. Wir sind weit davon entfernt, die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft überwunden zu haben. Im Auto auf dem Rückweg aus Mülheim spreche ich mit der Freundin, die mich begleitete, über eigene Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen. Was dabei besonders schmerzt, ist die Erkenntnis, dass wir diese lange Zeit nicht als solche erkannt haben. Damit sind wir sicher nicht allein. Es gibt noch viele Elses da draußen, auch in unserer Zeit. 


Regie: Leonie Böhm

Bühne und Kostüm: Belle Santos

Dramaturgie: Lennart Göbel, Matthias Seier

Mit: Julia Riedler

Nächste Termine: 29.3., 6.4., 28.4., weitere sind in Planung.