Godspeed You! Black Emperor aus Montreal haben vor 30 Jahren das dunkle 21. Jahrhundert mit heraufbeschworen. In der Kölner Kantine klangen sie jetzt beinahe tröstlich.
Godspeed You! Black Emperor in KölnDie Kapelle an Bord der Titanic

Die kanadische Band Godspeed You! Black Emperor
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„Das Auto brennt und da ist kein Fahrer am Steuer“: Mit diesen dringlichen Worten beginnt das Debütalbum des kanadischen Kollektivs Godspeed You! Black Emperor, unterlegt mit ominösem Gedröhne. Und während die Männerstimme weiterspricht, ein Bild von gesellschaftlichem Verfall zeichnet, heben trauernde Streicher zum Requiem für eine aus den Fugen geratene Welt an. Das war 1997, die Welt schien eigentlich noch in Ordnung (wenn man seinen Blick vom Balkan abwandte), und in den Charts sang Aqua „Barbie Girl“. Ich hatte die seltsame Platte beim a-Musik-Laden erstanden, einfach, weil mir das Cover gefallen hatte, und erschrak ganz fürchterlich. Die Band mit dem seltsamen Namen klang wie die Endzeitglocke aus W. B. Yeats apokalyptischem Gedicht „The Second Coming“.
Damals behalf man sich mit dem etwas prätentiösen Begriff Post-Rock. Heute brauchen die Endzeitmusiker aus Montreal längst kein Label mehr: Ihre weit ausgreifenden Stücke, oft von einem brummenden Halteton getragen wie Wagners „Rheingold“-Vorspiel, bauten sich langsam, aber unvermeidlich zu alleserschütternden Kataklysmen auf – so hörte sich das dunkle 21. Jahrhundert an.
Am Freitagabend gastierten Godspeed You! Black Emperor mit ihrem immer noch aktuellen Album „No Title as of 13 February 2024 28,340 Dead“ – der Nicht-Titel bezieht sich auf die palästinensischen Opfer des Krieges in Israel und Gaza, und leider nur auf diese – in der Kölner Kantine. Sie sind in den 30 Jahren ihres Bestehens ihrer Ästhetik treu geblieben, 16-mm-Projektoren werfen kontrastarme Schwarz-Weiß-Filme an die Rückwand der Bühne, die acht Musiker und Musikerinnen treten einzeln auf und nach knapp zwei Stunden ebenso wieder ab, gesprochen wird kein Wort. Was sollten sie auch sagen? Wir haben Euch doch gewarnt? Niemand mimt gerne die Kassandra.
Und trotz des Verweises auf die Gaza-Toten, trotz der übererfüllten Untergangsprophezeiungen: Ihre Musik hat selten hoffnungsvoller geklungen, ernst: ja, hoch konzentriert: auch, aber oft geradezu aufmunternd im Steigflug von stiller Trauer zum tragischen Triumph. Der Funke Hoffnung liegt im Weitermachen. Die wilden Locken des Bandmitgründers Efrim Menuck sind längst ergraut, aber seine Gitarrenläufe geleiten die Minisinfonien des Kollektivs mit unverminderter Hingabe – und anstelle des Zusammenbruchs als Höhepunkt erklingen heute majestätische, manchmal geradezu freudige Melodien.
Godspeed You! Black Emperor sind das Titanic-Orchester unserer Zeit, 1912 war es ebenfalls eine achtköpfige Kapelle, die den Untergang des Ozeandampfers tapfer bis zum Schluss musikalisch begleitete. Um die Passagiere beim langsamen Abrutschen ins Eiswasser zu beruhigen? Nein, um im Angesicht des Endes einen Rest von Würde zu bewahren.

