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Interview

Opernregisseurin Katharina Thoma
Kölns neuer „Figaro“ – Akt für Akt ins 18. Jahrhundert

6 min
Eine Frau steht auf einer Bühne und trägt ein gelbes Kleid. Um sie herum stehen andere verkleidete Sängerinnen und Sänger.

Katharina Thoma inszeniert in der Kölner Oper „Die Hochzeit des Figaro“.

Im Interview erklärt die Regisseurin, warum sie Mozarts „Figaro“ als Zeitreise inszeniert und was an der Oper politisch ist. Die Premiere findet am Sonntag statt.

Frau Thoma, geht man die Reihe Ihrer bisherigen Operninszenierungen durch, fällt der Schwerpunkt Mozart auf – von „La finta giardiniera“ bis zur „Zauberflöte“. Das kommt ja wohl nicht von ungefähr…

Katharina Thoma: Ja, ich liebe ihn tatsächlich. Das gilt vor allem für die Da-Ponte-Trilogie, als deren Abschluss nach „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ – beide in Leipzig – ich jetzt in Köln den „Figaro“ mache. Was mich daran interessiert und fasziniert, das ist die Reichhaltigkeit der Figuren. Das sind spannende Menschen, die absolut glaubwürdig agieren. Gerade die Frauenfiguren haben eine enorme psychologische Dichte und Tiefe, so dass es schon in der Probenarbeit Spaß macht, zu erforschen: Was geht da vor, was passiert da in der jeweiligen Situation?

Das heißt: Es geht ihnen um das Überzeitliche, das Allgemein-Menschliche – wo dann die Frage, ob wir uns im 18. Jahrhundert oder in unserer Gegenwart befinden, nachrangig wird?

Ganz genau, das sind zeitlose Dinge, die da verhandelt werden. „Figaro“ ist wohl noch am ehesten der „Originalzeit“ verhaftet, bei „Don Giovanni“ brechen die sozialen Strukturen der Mozartzeit bereits auf, und die „Così“ ist derartig modern und emanzipiert, dass die Oper überall und zu jeder Zeit spielen kann.

Dekonstruktion einer historisierenden Opern-Ästhetik

„Figaros Hochzeit“ eröffnet bekanntlich den Zugang zu vielen Deutungsoptionen. Man kann sie als Studie über erotische Beziehungen interpretieren, als eine musikalische Psychologie des Begehrens. Aber es geht auch um Machtmissbrauch, toxische Männlichkeit und Klassenverhältnisse, die nach Revolution schreien – die dann ja auch 1789 losbrach, drei Jahre nach der Uraufführung der Oper. Wofür entscheiden Sie sich?

All das, was Sie erwähnt haben, hat seine Berechtigung. Ich habe mir zentral die Frage gestellt: In welche Zeit gehört das Stück? Da gibt es viele Möglichkeiten. Wie man immer wieder feststellen kann, haben viele Opernfreunde eine große Sehnsucht nach dieser alten Zeit, nach Schlössern und Kerzen, schönen Kleidern und Perücken. Wieso ist das eigentlich so, warum besteht eine Sehnsucht nach dieser Ästhetik?

Wobei dann oft genug vergessen wird, dass diese „alte“ Zeit keineswegs eine „gute“ Zeit war…

Richtig. Aber es gibt auf der anderen Seite den Ausspruch von Balzac: „Wer das Ancien Regime nicht kennengelernt hat, weiß nicht, was es heißt, in der Süße des Lebens zu leben.“ Das ist immerhin ein flammendes Statement. Was mich fasziniert hat, war unser aller Sinn für ein historisches Erbe. Warum führen wir Opern des 18. Jahrhunderts überhaupt noch auf, warum konservieren wir diese Zeit in Museen und restaurierten Schlössern? Und wie wiederum geht so ein Gebäude selbst durch die verschiedenen Epochen? Ich wurde für die „Figaro“-Arbeit inspiriert durch den Besuch eines Schlosses aus dieser Zeit in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist jetzt blitzblank restauriert und ein Museum, das viele Besucher anzieht. Es hat aber historisch durch die Epochen und Besitzergenerationen eine wahre Achterbahnfahrt hingelegt. Was macht so ein Gebäude für uns so wertvoll?

Wie man immer wieder feststellen kann, haben viele Opernfreunde eine große Sehnsucht nach dieser alten Zeit, nach Schlössern und Kerzen, schönen Kleidern und Perücken.
Katharina Thoma

Ja, was?

Ich habe mir dann überlegt: Vielleicht wäre es mal interessant, so eine Geschichte nachzuzeichnen, aber im Rückwärtsgang. Wir starten also beim „Figaro“ in einem heutigen Setting, wo das alte Gebäude, das Schloss von Mozarts Graf Almaviva, tatsächlich ein Museum ist. Da gibt es dann tatsächlich auch die fatalen Machtstrukturen, die man aus der Oper kennt: Der Graf ist da zum Museumsdirektor mutiert, der sein Haus diktatorisch regiert und eine junge Angestellte, Susanna, belästigt – und ihr tolle Chancen für gewisse Gegenleistungen offeriert. Cherubin wird zum Praktikanten; es gibt Gehilfen und Untergebene – ich muss das hier nicht alles durchbuchstabieren.

Zweiter Akt spielt in Franco-Spanien

Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht…

Genau, solche Machtstrukturen gibt es zu jeder Zeit. Am Ende des ersten Akts gibt es dann einen „Zeitstrudel“, der uns im zweiten im Franco-Spanien der 1930er Jahre landen lässt. Vergessen Sie nicht: Auch Beaumarchais, der Verfasser der Vorlage, und Mozart situieren den „Figaro“ in Spanien – obwohl Beaumarchais zweifellos Frankreich „meinte“. Bei uns ist der Graf naheliegend ein autoritärer, militaristischer, das Franco-Regime unterstützender aristokratischer Großgrundbesitzer. Die Leichtigkeit und Frivolität des 18. Jahrhunderts ist da völlig „weg“. Die Intrigen im Finale des zweiten Aktes gegen ihn zu entwickeln, erfordert in diesem Kontext wirklich Mut.

Eine Frau gestikuliert und blickt ernst in die Kamera.

Die Regisseurin Katharina Thoma inszeniert den neuen „Figaro“ in der Kölner Oper.

Und sein Verhältnis zur Gräfin?

Ja, wie er sich gegenüber seiner Frau verhält, das zeigt ein hohes Aggressionspotenzial und verweist auf Strukturen, die es im 18. genauso wie im früheren 20. Jahrhundert gab und heute noch gibt. Ich will da nicht mit dem Hammer draufhauen, aber wie der Graf zu Beginn des Finales im zweiten Akt, als er zunächst noch mit ihr allein im Zimmer ist, mit der Gräfin umgeht, das ist empörend – und so werden wir es auch zeigen. Unsere wunderbaren Darsteller bringen das eindringlich herüber.

Die beiden letzten Akte?

Den dritten verlegen wir historisierend ins 18. Jahrhundert, also in die Entstehungszeit der Oper, und den vierten in ein mythisch-zeitloses Arkadien – de facto in eine mit den mythologischen Marmorbildern bevölkerte barocke Orangerie. Noch einmal: Es war mir wichtig, eine Verbindung zwischen einem kulturellen Erbe und einer Gegenwart herzustellen, in der wir dieses Erbe immer noch sehr hoch halten. Zugleich macht diese Zeitreise auch Veränderungen im Gleichen erkennbar – etwa die unterschiedliche Körperlichkeit der Akteure von Station zu Station.

Mozarts „Figaro“: Nicht nur Zeitkritik, sondern humane Utopie

Nebenbei: Der frühere Kölner Opernintendant Uwe Erik Laufenberg hat seine „Meistersinger“-Inszenierung wie Sie als eine aktbezogene Zeitreise entworfen…

Ja, ich habe das gesehen. Der Reiz unserer Arbeit besteht, glaube ich, aber gerade darin, dass die Zeitreise nicht vorwärts, sondern rückwärts geht – als würde man immer neue Schichten freilegen.

Noch einmal die Frage: Ist Mozarts „Figaro“ politisch revolutionär?

Damals war er das sicherlich, er bekam ja auch Probleme mit der Zensur. Das war aber, glaube ich, nicht Mozarts Hauptanliegen. Das waren vielmehr die Menschen, ihre Konflikte und Entwicklungen. Deshalb ist das Ganze ja auch so spannend. Das wäre es für uns nicht mehr, wenn es nur um Zeitkritik ginge. Das Ganze endet ja auch nicht in einer Revolution, sondern in einer humanen Utopie.

Es wird auch sehr amüsant, es gibt köstliche Momente. Das Stück ist nicht zuletzt eine Super-Komödie, und man täte ihm großes Unrecht, wenn man das nicht zur Geltung brächte.
Katharina Thoma

Wir sprachen ja von Machtmissbrauch. Da fiele ja eine zeitgenössische Aktualisierung der Oper – ich nenne nur mal den Namen Epstein – nicht schwer.

Ich habe das in anderen Fällen durchaus schon gemacht. Jetzt mache ich es nicht, weil ich es auch als eine thematische Ein- und Beschränkung empfände.

Gute Probebedingungen im Staatenhaus

Sie sind dank ihrer Ausbildung als Pianistin keine „Reclam-Heft-Regisseurin“, sondern eine, die gleichsam von der musikalischen Innenseite des Werkes kommt beziehungsweise diese gezielt aufzusuchen vermag. Das dürfte sich gerade angesichts der „Figaro“-Partitur als extrem vorteilhaft erweisen…

Ja, aber es ist nicht nur eine Verständnis-, sondern auch eine Inspirationssache. Die Musik gibt mir Bilder ein für Situationen, ich kann die Gefühle nachvollziehen, und ich finde eine Erzählweise – inspiriert durch die Musik.

Sie erleben das Staatenhaus in einer Zeit, da der Operninterimsbetrieb hier definitiv und spürbar zu Ende geht. Wie arbeitet es sich damit?

Ich empfinde die Situation eigentlich als sehr angenehm – weil sie eine große Freiheit gibt. Wir hatten ja geglaubt, mit dem „Figaro“ ins sanierte Haus am Offenbachplatz gehen zu können. Aber der verzögerte Umzug schafft gute Arbeitsbedingungen, weil wir immer auf der Bühne proben können. Das wäre bei normalem Repertoirebetrieb gar nicht so möglich. Wir haben viel Zeit für Licht und Video. Auch unser Raumkonzept passt – es funktioniert ohne Bühnenzüge und Untermaschinerie.

Jemand überlegt, in den neuen Kölner „Figaro“ zu gehen. Was würden Sie ihm sagen, um die Entscheidung zu erleichtern?

Dass ihn eine reichhaltige Erfahrung von Bildern und Aspekten erwartet – und Dingen, die ihn zum Nachdenken anregen. Nicht zu vergessen: Es wird auch sehr amüsant, es gibt köstliche Momente. Das Stück ist nicht zuletzt eine Super-Komödie, und man täte ihm großes Unrecht, wenn man das nicht zur Geltung brächte.


Katharina Thoma, Jahrgang 1975, studierte Klavier an der Lübecker Musikhochschule, bevor sie sich der Opernregie zuwandte. Nach Assistenzen (unter anderem an der Frankfurter Oper) ist sie international an Häusern wie Covent Garden, Stockholm und Göteborg tätig. Sie war Hausregisseurin in Dortmund (2011-2014) und lehrt seit 2019 als Professorin an der Würzburger Musikhochschule. Thoma lebt in München und Würzburg. An der Kölner Oper inszenierte sie bereits 2023 Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“.

Der neue Kölner „Figaro“ hat an diesem Sonntag, 18 Uhr, im Saal 2 des Deutzer Staatenhauses Premiere. Es singen unter anderem Germán Olvera, Selene Zanetti, Kathrin Zukowski, Adolfo Corrado und Anita Monserrat. Das Gürzenich-Orchester spielt unter Kölns GMD Andrés Orozco-Estrada.