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Kölner PhilharmonieDirigentin Bihlmaier feiert gelungenes Gürzenich-Debüt

3 min
Eine Dirigentin hält in ihrer rechten Hand einen Taktstock und breitet die Arme aus.

Anja Bihlmaier dirigierte erstmals das Gürzenich-Orchester.

Weil die Violinistin Veronika Eberle krankheitsbedingt absagen musste, springt die Niederländerin Simone Lamsma mit Max Bruchs erstem Violinkonzert ein.

Beim aktuellen Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie ist Frauen-Power angesagt. Dirigentin, Solistin, Konzertmeisterin – allesamt Frauen. Und das, obgleich es bei der Besetzung des Soloparts einen Austausch gab: Veronika Eberle hatte – für Dvořáks Violinkonzert – krankheitshalber absagen müssen. Statt ihrer kam, für Max Bruchs legendäres erstes Violinkonzert Simone Lamsma. Wenn diese Frauen-Dominanz nicht oder kaum aufgefallen sein sollte – umso besser. Hier spielt sich zunehmend etwas als Normalität ein, das dringend eine solche zu sein verdient. Und das künstlerische Ergebnis ist eh weithin genderneutral – wer anderes behaupten wollte, erläge im besten Fall einer klischeeträchtigen Mystifizierung.

Soll also vielleicht das Schlussstück, Beethovens zweite Sinfonie, irgendwie „weiblich“ klingen, weil sie von Anja Bihlmaier dirigiert wird? Die Schwäbin des Jahrgangs 1978 lieferte mit ihrer am Schluss vom Publikum gefeierten Performance ihr Gürzenich-Debüt ab – welches eigentlich längst schon fällig war, schließlich hat Bihlmaiers internationale Karriere in den vergangenen Jahren im Opern- wie im Konzertbereich kraftvoll Fahrt aufgenommen.

Bihlmaier und Gürzenich-Orchester entfesseln sinfonisches Drama

Bihlmaier also ging bei Beethoven resolut, detailfreudig, aber auch mit Eleganz und erkennbarem Spaß zur Sache und entfesselte mit dem am Sonntagmorgen hellwachen, agilen und konzentrierten Gürzenich-Orchester ein echtes sinfonisches Drama. Hier wurde auch der beschauliche langsame Satz immer wieder unter Spannung und Druck gesetzt. Dabei ging es nicht nur um Einzelheiten wie etwa explosive Sforzati, sondern vielmehr um Dramaturgie. Es gibt da etwa im ersten Satz die Stelle kurz vor der Reprise, wo sich Beethoven geradezu in einer harmonischen Sackgasse zu verrennen scheint, aus ihr dann freilich mit traumwandlerischer modulatorischer Zielstrebigkeit zur Grundtonart zurückfindet. Das alles darf freilich – und so geschah es hier auf fesselnde Weise – nicht brav referiert, sondern muss in seiner Ereignishaftigkeit gestaltet werden.

Begonnen hatte das Konzert mit György Ligetis folkloristisch angehauchtem „Concert Romanesc“ von 1951, das den späteren Meister der atonalen Klangflächen noch nicht ahnen lässt. Da denkt man eher an Puszta-Romantik und Roma-Kapellen. Allemal konnte das Orchester bei diesem Muntermacher mit wunderbar warmem Streicher-Unisono und zündenden Bläsersoli glänzen.

Bihlmaier hat auch – das zeigte ihre Begleitung des Bruch-Konzertes – durchaus etwas für den großen romantischen Sound übrig, lässt sich da nicht lange bitten. Manchmal klingt es dann sogar ein bisschen fett und auftrumpfend. Die – ihrerseits beim Gürzenich-Orchester bereits gut eingeführte – Niederländerin Simone Lamsma hat damit allerdings keine Probleme. Sie spielte das Werk mit dichter, beseelter Kantilene, großer Phrasenspannung und dunkler Intensität, dabei stets fokussiert auf den gemeinsamen Atem mit dem Orchester. Über all dem konnte man als Zuhörer vergessen, dass Bruchs Stück de facto doch ziemlich abgenudelt ist. Welch temperamentvolle Virtuosin in Lamsma steckt, das zeigte sie dann noch einmal mit fabelhafter Grifftechnik und glasklaren Tönen in der Zugabe, dem Finale aus Hindemiths neobarocker Solosonate opus 11/6.