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Kölner TheaterEine Reise in die vielfältige Welt der Geschlechter

3 min
Vier Darstellerinnen bewegen sich fluide durch den Raum.

„Fluid“ des Kölner Theaterkollektivs „fast verwegen“

Ein Stück des Kölner Theaterkollektivs „fast verwegen“ über fluide Geschlechterrollen in der Südsee und anderswo.

Alles fließt. Das gilt auch für das Schaffen des Kölner Theaterkollektivs „fast verwegen“. Die vier Frauen stellen in ihren Stücken auf immer wieder neue und experimentelle Art und Weise den gesellschaftlichen Status quo infrage. Bei „Fluid“, ihrer neuesten Arbeit, übernimmt turnusmäßig Alexandra Hespe die Regie.

Hatten die bisherigen Stücke, bei allem Ernst, immer einen humoristischen, ja mitunter verspielt albernen Ansatz, so kommt „Fluid“ bei aller Leichtigkeit geradezu ernst und feierlich daher. Vielleicht liegt es an der mitunter grotesk aufgeheizten Debatte rund um das Thema Geschlechterrollen und Identität, dass das Quartett diesmal auf allzu flapsige Ausflüge in die Welt der Komik verzichtet hat.

Dafür wird das Publikum im Saal der Orangerie mit leicht feierlichem Unterton in Form eines anthroposophisch anmutenden Rituals in den Abend eingeführt. Luftige, lichtdurchlässige Fahnen fungieren als Raumteiler, während die Besucher den Saal durchschreiten, ohne sich einen festen Platz zu suchen. Bis sich die Schar der Performerinnen, angeführt von den drei Ensemblemitgliedern Anna Sander, Carmen Konopka und Nastassja Pielartzik, unter die Menge mischt. Mit gemeinschaftlich ausgeführten meditativen Atemübungen stimmen sie das Publikum ein auf eine Reise in die vielfältige Welt der Geschlechter.

Die Kölner Theaterreise beginnt mit meditativen Atemübungen

Nach dem Atemöffner wird mit kurzen, einfachen Fragen ans Publikum versucht, Geschlechterrollen freier und bedeutungsoffener zu denken: „Fühlen Sie sich heute männlich oder weiblich? Oder dazwischen? Wie war heute Ihr Tag? Weiblich? Männlich? Neutral? Macht Ihr Geschlecht einen wichtigen Teil Ihrer Identität aus? Sind Berge für Sie männlich oder weiblich?“ Was folgt, ist ein spannender Lecture-Teil, der Kulturen vorstellt, in denen Geschlechterrollen nicht nur binär gedacht werden, sondern eine Vielzahl von Geschlechtern gleichzeitig und egalitär bestehen.

Oft stammen die Beispiele aus alten Kulturen Lateinamerikas oder dem polynesischen Raum. Es sind präkoloniale Vorstellungen einer Gesellschaft, in der für die Gemeinschaft nützliche Fähigkeiten des Einzelnen bedeutsamer waren, als eine Zuordnung über das Geschlecht. Einzelne nonbinäre Mitglieder der Gesellschaft wie die Muxe im südlichen Mexiko, oder die Fa’afafine in Samoa sind nur bedingt in den westlichen Kategorien wie Transgender einzuordnen, sondern fungieren als „drittes Geschlecht“. Wie die Mahu auf Hawaii übernehmen sie oft spirituelle und heilende Funktionen oder sind wichtige Träger der Care-Arbeit.

Dass in den Zeiten des Kolonialismus die Kirche federführend in der Verfolgung und Diskriminierung solcher Menschen war, überrascht nicht. Heute gibt es einerseits Initiativen zur Wiederbelebung dieser kulturellen Traditionen, anderseits üben ultrakonservative Klerikale aus den USA in all diesen Kulturen immensen Druck auf diese Menschen aus. Wirkte der erste Teil der Theaterperformance „Fluid“ mit seiner anthroposophischen Mimikry noch etwas unbestimmt, so sorgt der anthropologische Ausflug in die faszinierende und vielfältige Welt der Kulturen ohne starre Geschlechternormen umso mehr für Anregung.


Neue Termine: 26.–28. 2, 20 Uhr, 1.3. 18 Uhr, Ort: Alte Feuerwache, Melchiorstraße 3, Köln.