Das Kölner Museum Ludwig erkundet in „Zweimal Deutschland um 1980“ mit sieben Fotografen das Typisch-Deutsche in Ost und West.
Museum LudwigEine schuldige Nation, gerettet ins Klischee

„Paar auf einem Maskenball“ (1980) aus Erasmus Schröters Serie „Nachts“
Copyright: Nachlass Erasmus Schröter
So stellte man sich in Westdeutschland das Leben im Osten vor: Steinplatten vor Plattenbau vor Industrieschornsteinen. Evelyn Richter fing diese DDR-Tristesse im Jahr 1968 auf einer Landschaftsfotografie ein und zeichnete den Alltag hinter der Mauer in einem Grau, das schon wieder zu trüb erschien, um wahr zu sein. 15 Jahre später sollte Günter Gaus die DDR zur Nischengesellschaft erheben, in der das individuelle Glück wenigstens im Winkel gedieh. Auf Richters Bildern fand das Glück aber nicht einmal mehr Nischen, gleich, wie klein es sich auch machte. Das Leben in der DDR schien hier bis ins Letzte vergesellschaftet. Der real existierende Sozialismus hatte triumphiert.
Mit Aufnahmen Evelyn Richters beginnt das Kölner Museum Ludwig seine Zeitreise in das geteilte Deutschland. Man sieht bei ihr abgekämpfte Arbeiterinnen, die Teil einer chaplinesken Industriemaschine sind, eine Museumsbesucherin vor einem ikonischen Widerstandsgemälde (Wolfgang Mattheuers „Die Ausgezeichnete“ mit einer weiteren vom Heldendasein ermüdeten Arbeiterin) und eine Pförtnerin hinter Gittern – hinter ihr ein Honecker-Porträt, das gütig über die Gefangene wacht. Mit jedem Bild unterlief Richter die offizielle Kunstdoktrin des Arbeiterstaats und bestätigte im Westen die Gewissheit, dass man nach dem Krieg noch einmal mit dem Schrecken davongekommen war.

„Pförtnerin im Leipziger Rathaus“, um 1975, von Evelyn Richter
Copyright: Evelyn-Richter-Archiv / RBA
Gerade deswegen beschleichen einen in der Kölner Ausstellung bald die Zweifel, ob das wirklich alles gewesen sein kann, und man sucht die Nischen in Richters Werk, in denen das unterdrückte, vielleicht auch nur ausgeblendete Glück gedeiht. Es sind Zweifel, die Kuratorin Barbara Engelbach schon durch die Prämisse ihrer Ausstellung schürt: „Zweimal Deutschland um 1980“ heißt die Schau, die sich aus der Ludwig-Sammlung speist und außer Richter sechs weitere Fotografen mit ihren Bildern aus einem der beiden Deutschlands vorstellt (lediglich Richter überschreitet in Köln die Zonengrenze). Aus dem Ausstellungstitel kann man schließen, dass es nicht nur zwei Deutschlands gab, sondern auch (mindestens) zwei Blickwinkel, aus denen wir bis heute auf die Bilder schauen und uns fragen, was auf ihnen typisch ost- oder westdeutsch ist.
Den zeitlichen Rahmen hat Engelbach großzügig interpretiert – „um 1980“ beginnt in der Ausstellung gegen Ende der 60er Jahre und endet mit Karl Kugels „Deutschlandreise“, die den französischen Fotografen 1983 von Chorweiler an die Berliner Mauer führte. Kugel hatte sein Gastland zeitgemäß durchquert, überwiegend im Zug oder per Anhalter, und sich offenbar gerne bei Reisebekanntschaften einquartiert, die er mit derselben Selbstverständlichkeit bei der Gymnastik im Wohnzimmer ablichtete wie schlafende Reisende im Abteil. In Kugels Reportage hat sich genug bundesrepublikanisches Zeitkolorit abgelagert, um damit mehrere Nischengesellschaften zu füllen. Allerdings macht anscheinend auch das Leben im Wohlstand nicht glücklicher als der Sozialismus – nur schwermütiger.

„Berufstätige Hausfrau“ aus Derek Bennetts Serie „Stille Zwiesprache, Bildnisse von Deutschen“ (1978–81)
Copyright: Ruth Bennett / RBA
Die Melancholie der Erfüllung liegt wie Mehltau über Kugels Deutschland, ein untrügliches Zeichen dafür, dass man sich im Spätkapitalismus vielleicht nicht mehr zwangsläufig müde arbeitet, aber dafür zu Tode amüsiert. Wobei der unendliche Spaß im Sozialismus auch etwas Morbides hatte – fantastisch eingefangen von Erasmus Schröter in seiner Serie „Nachts“. Auf Jahrmärkten, Maskenbällen oder Tanzturnieren fotografierte Schröter Anfang der 80er Jahre die ostdeutschen Nachtschwärmer mit Infrarotblitz, wie ein Bilderdieb, der mit seiner Beute in der Dunkelheit verschwindet. Ein wenig ähneln die Menschen einem Wildtier, das in die Autoscheinwerfer schaut, aber das ist der Preis, den Schröter gerne dafür bezahlt, sich als Beobachter unsichtbar zu machen. Der Verfremdungseffekt kuschelt mit den Motiven: ein Dresseur mit Hunden, ein maskiertes Paar, ein in den Ballsaal geführtes Lama, ein ernüchtertes Kirmesglück.
Während die DDR-Bilder durchweg von einheimischen Fotografen stammen, wird Westdeutschland von Zugereisten auf der Suche nach dem Typischen besucht. Ein Grenzfall ist Henry Maitek, ein deutscher Fotograf, der 1922 in Polen geboren wurde, nach Kriegsende nach Israel auswanderte und sich 1958 in Köln niederließ. Von ihm zeigt Engelbach zwei Abzüge aus dem 1969 erschienenen Fotoband „Deutschland ins Gesicht geschaut“, auf denen das mit sich selbst versöhnte Wirtschaftswunderland in schaurig-schöner Blüte steht. Ein Vater fotografiert die Familie im Park, zwei ältere Frauen plaudern beim Café – draußen nur im Kännchen. Eine schuldige Nation, gerettet ins Klischee.
Wo liegen zwischen BRD und DDR die feinen oder groben Unterschiede?
Derek Bennett aus den USA nahm sich drei Jahre Zeit, um eine soziale Typenlehre der Bundesrepublik zu erstellen. Das Vorbild seiner 1978 begonnenen Bilder- und Bildungsreise war offensichtlich August Sanders Monumentalwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, dessen Systematik Bennett allerdings durch einen Kunstgriff unterlief. Aus Angst, den eigenen Vorurteilen über das Deutsche zu erliegen, bat er Menschen, denen er zufällig begegnete, ihm Bekannte für seine Sitzungen zuzuführen. Die Aufnahmen entstanden meist im Heim der Porträtierten, seltener am Arbeitsplatz, und die Bilder tragen Titel wie „Berufstätige Hausfrau“, „Museumsdirektor“ oder „Parkwächter“.
Die Mitte der Gesellschaft scheint in der Kölner Auswahl ein Übergewicht zu besitzen, wobei die Pointe von Bennetts Serie eher in der Angleichung der Posen, Kleider und Haltungen liegt. Konnte man bei Sander den Arbeiter noch deutlich vom Angestellten und diesen vom Fabrikbesitzer unterscheiden, haben sich die sichtbaren Klassengrenzen im Wohlstandsstaat nivelliert. Wenn es den meisten gut geht, gewinnen die feinen Unterschiede an Bedeutung; umgekehrt macht sich mit dem Räuberzivil in der besseren Gesellschaft eine gewisse Nachlässigkeit breit.
Gilt das auch für die Systemgrenze: Wo liegen zwischen Ost- und Westdeutschland die feinen oder groben Unterschiede? Der von Christiane Eisler fotografierten DDR-Punkerin sieht man ihre Herkunft an den selbstgenieteten Klamotten und selbstgebastelten Stickern an, während die berufstätige Hausfrau aus Paderborn eine im Osten eher unerhörte, weil behagliche Dekadenz ausstrahlt – ihre Hände liegen gefaltet im Schoß. Zufrieden wirkt aber auch sie nicht. Geld beruhigt vielleicht die Nerven. Aber das Glück liegt anderswo, in einem Niemandsland, an das weder der real existierende Sozialismus noch die alte Bundesrepublik grenzt. Auch eine Art Einheitsfeier.
„Zweimal Deutschland um 1980“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, bis 11. Oktober 2026

