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Noam ChomskyDer große linke Mahner, der mit Epstein im Privatjet reiste

3 min
This undated and unlocated handout image released by Democrats on the House Oversight Committee on December 18, 2025 shows late convicted sex offender Jeffrey Epstein (R) speaking to US professor and political activist Noam Chomsky. Democratic lawmakers released a new cache of photos and documents on December 18 from the estate of convicted sex offender Jeffrey Epstein.

Das undatierte Bild, am 18. Dezember 2025 von den Demokraten im Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses veröffentlicht, zeigt Sexualstraftäter Jeffrey Epstein (rechts) im Gespräch mit Noam Chomsky. 

Im tiefen Fall des linken Helden und Epstein-Freundes Noam Chomsky zieht ein kleiner deutscher Verlag jetzt endlich erste Konsequenzen.

Farblose grüne Ideen schlafen wütend. Mit diesem Satz illustrierte der berühmte – und seit Veröffentlichung der Epstein-Files auch berüchtigte – Linguist Noam Chomsky 1957 seine Idee, dass Sprache kein erlerntes Verhalten sei, sondern eine angeborene Fähigkeit des menschlichen Gehirns. Denn woher weiß jedes Kind, dass dieser Satz zwar unsinnig, aber dennoch grammatikalisch korrekt ist?

Die Fähigkeit zur Sprache, so Chomskys Annahme, ist biologisch verankert, sämtliche Sprachen der Welt teilen sich eine universelle Grundstruktur. Ein schöner Gedanke. Noam Chomsky versucht, die babylonische Sprachverwirrung in jenen Baumstrukturen aufzulösen, an denen mein ungeordneter Geist im Studium regelmäßig scheiterte.

Nicht nur ich. Ein halbes Jahrhundert lang mühten sich linguistische Fakultäten auf der ganzen Welt mithilfe von Chomskys Theorien, den Turm zu Babel zurückzubauen. Ohne Erfolg. Ob es daran lag, dass der Zielpunkt seiner Überlegungen eine Utopie ist? Wenn Einer die Sprache des Anderen wieder verstehen könnte, hätten wir den Weg zurück ins Paradies gefunden und auf Erden würde Friede herrschen.

Es gab mindestens zwei Noam Chomskys

Einen etwaigen Zusammenhang zwischen diesen Theorien und seinem politischen Aktivismus bestreitet der Gelehrte. Es gebe zwei Noam Chomskys, den Akademiker und den öffentlichen Intellektuellen, als den ihn die meisten Menschen kennen. In dieser Rolle gab er den linken Ankläger, prangerte seit den Zeiten des Vietnamkriegs vor allem die Politiker und die Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes seiner amerikanischen Heimat als Kriegsverbrecher an, lehnte aber auch den autoritären Sozialismus ab, blieb ein anarchischer, scheinbar unkorrumpierbarer und viel bewunderter Solitär, ihn umgab eine Aura der Unfehlbarkeit.

Seit vergangenem November jedoch sehen sich Chomskys Anhänger mit der von zahlreichen Unterlagen belegten Tatsache konfrontiert, dass ihren Helden eine Freundschaft mit dem Missbrauchstäter Jeffrey Epstein verband, eine Freundschaft wider besseren Wissens, die erst nach dessen erster Verurteilung wegen Anstiftung einer Minderjährigen zur Prostitution im Jahr 2008 begann. In E-Mails an den „lieben Jeffrey“ verurteilte Chomsky die „schreckliche“ Art und Weise, in der die Presse mit ihm umgesprungen sei, beklagte die „Hysterie“, die sich um den Missbrauch von Frauen entwickelt hätte.

Er gab dem „hochgeschätzten Freund“ juristische Tipps, schwärmte von dessen Karibikinsel, ließ sich in dessen Stadthaus und auf seine Ranch einladen, erhielt rund 270 000 US-Dollar von einem mit Epstein verbundenen Konto (und einen Cashmerepulli). Ein Bild zeigt Chomsky im Gespräch mit Epstein in dessen Privatjet. Auf einem anderen Foto sehen wir ihn in fröhlicher Kumpanei mit dem rechtsextremen Provokateur und zeitweiligen Trump-Einflüsterer Steve Bannon.

Es scheint noch mehr als zwei Chomskys zu geben. Oder gab es die schon immer? Hatte er nicht die längste Zeit am Massachusetts Institute of Technology geforscht und gelehrt, inmitten von Menschen, die er öffentlich als Kriegsverbrecher bezeichnete? Noam Chomsky ist inzwischen 97 Jahre alt, nach einem Schlaganfall kann er sich nicht mehr öffentlich äußern. Aber das macht es nicht besser.

Jetzt hat zumindest der kleine deutsche Unrast-Verlag die Konsequenzen gezogen und nimmt die bei ihm erschienenen Chomsky-Bücher ab Montag aus seinem Programm. Die Schere zwischen hochmoralischen Forderungen – „Die Verantwortung des Intellektuellen“ hieß einer seiner frühen Artikel – und rücksichtsloser Vorteilsnahme ist zu groß. Seine Ideen sind farblos geworden, sinnentleert. Jetzt werden sie schlafen gelegt. Es bleibt die Wut.