Bei der lit.Cologne präsentierte der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz die Bücher seines Lebens.
Olaf ScholzDas Leben schreibt nicht nur Aufstiegsgeschichten

Olaf Scholz bei der lit.Cologne
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Olaf Scholz hat jetzt, als einfacher Bundestagsabgeordneter für die SPD, wieder Zeit zum Lesen. Wobei er am Montagabend in der Flora sogar behauptete, selbst in seiner Zeit als Bundeskanzler immer mal wieder zu einem Buch gegriffen zu haben – auf langen Flügen beispielsweise. Die „Bücher seines Lebens“, die er für die Veranstaltung mitgebracht hatte, hat er aber (mit einer Ausnahme) schon als junger Mann gelesen.
„Padre Padrone“ des italienischen Autoren Gavino Ledda zum Beispiel, das 1978 als „Mein Vater, mein Herr“ auf Deutsch erschien. Darin erzählt Ledda seine Lebensgeschichte als Sohn eines patriarchalischen Vaters in Sardinien, der ihm jegliche Bildung verweigerte und ihn stattdessen Schafe hüten und auf den Feldern arbeiten ließ. Dass Ledda auf vielen Umwegen später in Philologie promovieren und an Universitäten lehren sollte, ist natürlich ein ur-sozialdemokratischer Traum. „Die Erinnerung an das Buch hat mich deshalb auch nie losgelassen“, erzählte Olaf Scholz im Gespräch mit Bettina Böttinger. Auch deshalb habe er sich immer dafür eingesetzt, dass die unterschiedlichen Herkünfte besser ausgeglichen werden müssten. Und „dass wir die Leute nicht aufgeben und ihnen immer die Chance geben müssen, Bildung nachzuholen.“
Vom Schafe hüten zur Professur – das sind Geschichten, die das Leben schreibt. Aber leider nicht besonders oft. Meist bleibt der Schäfer der Schäfer und der Tellerwäscher der Tellerwäscher - diese Erkenntnis ist Olaf Scholz auch wichtig, wie er im Gespräch über das zweite Buch betonte, das er an diesem Abend mitgebracht hatte „Auf Erden sind wir kurz grandios“ des vietnamesisch-US-amerikanischen Autors Ocean Vuong, das 2019 auf Deutsch erschienen ist.
Ich möchte, dass es Literatur gibt, in der wir uns mit unseren plausiblen Leben auseinandersetzen, in der die Biografien eben nicht zwangsläufig als Karrieren verlaufen
„Wie soll sich eigentlich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger eines Landes führen, die sich unter schlechten Arbeitsbedingungen abrackert, wenn denen jeden Tag gesagt wird: Ohne Karriere und Aufstieg ist dein Leben nichts gewesen?“ fragte Scholz. „Ich möchte, dass es Literatur gibt, in der wir uns mit unseren plausiblen Leben auseinandersetzen, in der die Biografien eben nicht zwangsläufig als Karrieren verlaufen.“ So gehe es zum Beispiel der Mutter des Erzählers in Ocean Vuongs Buch, die sich in einem Nagelstudio kaputt arbeite. „Das ist brutal zu lesen und geht einem sehr ans Herz.“
Schon im Jahr 1958 veröffentlichte der britische Soziologe und Politiker Michael Young seine als Sachbuch getarnte Satire „The Rise of Meritocracy“, das 1961 in Deutschland unter dem Titel „Es lebe die Ungleichheit. Auf dem Wege zur Meritokratie“ erschien. „Darin sagt er mit atemberaubendem Scharfsinn die Welle des Populismus voraus, die heute die Demokratien des Westens herausfordert“, sagte Scholz. Das Buch ist als dystopische Science Fiction konzipiert und beschreibt das Jahr 2034, in dem die Menschen in einer sogenannten Meritokratie leben. Es entscheidet nicht mehr – wie so oft – das Elternhaus über die Laufbahn, sondern ein Test, der bestimmt, ob jemand Anwalt, Arbeiter oder Professor wird. „Und das ist natürlich eine Gesellschaft, die überhaupt nicht gut funktionieren kann“, so Scholz.
Michael Young beschreibe eine Welt, in der zwar nicht mehr, wie früher, die Aristokratie das Sagen habe. In der sich aber stattdessen eine neue Oberschicht gebildet habe, die genau so ein Klassenbewusstsein zementiert habe. Und gegen die sich schließlich ein populistischer Sturm erhebt. Damit habe er eine Entwicklung überspitzt vorweggenommen, die Olaf Scholz mit Sorge betrachtet: „Youngs Thema ist aktueller denn je: Nur wenn alle Bürgerinnen und Bürger Respekt genießen, wird unsere Demokratie auf Dauer gelingen.“

