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Dombaumeister Peter FüssenichEs ist kein Zufall, dass Köln eine Stadt der Kunst ist

7 min
Ein Mann steht vor einer Kirche und blickt in die Ferne.

Peter Füssenich auf dem Roncalliplatz vor dem Kölner Dom

In der Serie „Mein Kulturmonat“ spricht der 55-Jährige über die Einzigartigkeit Kölns und erklärt, warum er einen Besuch des Doms zu verschiedenen Tageszeiten empfiehlt.

Natürlich muss ich mit dem Kölner Dom beginnen. Jede Kölnerin, jeder Kölner, jede Besucherin und jeder Besucher muss ihn besichtigt haben. Gerade jetzt, wo der Frühling da ist und die Sonne tief steht, lohnt es sich tatsächlich, zu verschiedenen Tageszeiten in den Dom zu gehen. In den Mittagsstunden, wenn das Sonnenlicht in den Süden gewandert ist, wird der Dominnenraum durch das Richterfenster auf eine ganz wunderbare Weise beleuchtet, wie man es eigentlich nur zu dieser Jahreszeit sehen kann. Dann ist das gesamte Südquerhaus und noch viele weitere Bereiche des Doms in bunteste Farben gehüllt. Da spürt man sozusagen die Wärme des Frühlings. Neu zu sehen ist nun auch das jüngst fertiggestellte rekonstruierte Helenafenster, das die Farbigkeit des 19. Jahrhunderts in den Dom zurückbringt. Auf der Ostseite des Doms wurde in den vergangenen Monaten der Domfriedhof neu gestaltet und viele neue Bäume gepflanzt. Es ist eine grüne Oase geworden in dieser sehr steinernen städtischen Domumgebung, die ich sehr gerne besuche.

Vom Dom Richtung Süden breitet sich eine der großartigsten Museumslandschaften Europas aus. Ich spreche hier von der Via Culturalis, also der Kulturachse zwischen Dom und St. Maria am Kapitol, wo auf 800 Metern über 2000 Jahre Stadt-, Kunst- und Kulturgeschichte erlebbar werden. Ein Alleinstellungsmerkmal für Köln, das in Europa seinesgleichen sucht. Wenn wir es als Kölner schaffen, diesen Bereich aufzuwerten, dann bin ich sicher, dass das auch weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus sichtbar sein wird. Köln ist die einzige Millionenstadt in Deutschland, die auf eine solch lange Kultur- und Stadtgeschichte zurückblicken kann. Man kann in den Untergrund abtauchen, das römische Köln erleben, oder, wenn Miqua hoffentlich bald fertig sein wird, die archäologische Zone mit dem jüdischen Viertel erleben. Es gibt dort die schönsten Museen der Stadt zu sehen, es gibt Gedenkorte wie St. Alban und natürlich den Gürzenich mit dem großartigen Festsaal als „Wohnzimmer“ der Kölnerinnen und Kölner.

Die Innenstadt muss wieder aufpoliert werden

In den nächsten Jahren müssen wir uns gemeinsam anstrengen, diesen Bereich der Stadt wieder aufzupolieren, damit sich seine Strahlkraft entwickeln kann. Seit Jahrzehnten diskutieren wir in Köln über den öffentlichen Raum und darüber, wie schlecht er behandelt wird. Es ist von großer Wichtigkeit, auf diesen öffentlichen Raum, der die ganze Stadt, die Häuser, die Kulturinstitutionen, die Museen miteinander verbindet, ein Hauptaugenmerk zu legen. Natürlich gehören dazu auch Bäume und Grünanlagen. Unsere gesellschaftliche Verpflichtung ist es, mit Blick auf den Klimawandel das künftige Leben und Überleben in unserer Innenstadt zu sichern. Die nicht immer so gelungene Nachkriegsarchitektur würde damit hinter etwas Grün verborgen. Köln besitzt ja mehr innere Schönheit als äußere.

Köln ist die einzige Millionenstadt in Deutschland, die auf eine solch lange Kultur- und Stadtgeschichte zurückblicken kann.
Peter Füssenich, Kölner Dombaumeister

Natürlich leidet die Stadt auch heute noch unter den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Am Kölner Dom werden immer noch Kriegsschäden des Zweiten Weltkrieges repariert und das wird sicher noch viele Jahrzehnte dauern – falls es überhaupt gelingt, sämtliche Kriegsschäden zu beseitigen. Was die Stadtgestalt angeht, hat der Krieg erhebliche Wunden geschlagen. In unserer heutigen Verantwortung müssen wir versuchen, diese Wunden nach und nach zu heilen und Köln wieder zu einem Ort zu machen, an dem man sich nicht nur innerlich wohlfühlt, sondern auch äußerlich.

In diesem Zusammenhang lege ich allen das Theaterstück „Requiem für eine marode Brücke“ ans Herz, das das Kölner Schauspiel in Kooperation mit dem Kolumba-Museum ins Leben gerufen hat. Es ist ein gelungenes Zusammenspiel zwischen Museum, Schauspiel und dem Thema, das diese Stadt bewegt. Wie sieht unsere Stadt in der Zukunft aus? Was braucht es für eine Systematik, damit Bauvorhaben gelingen? Warum sind die Brücken marode? Warum dauert es so lange mit der Oper? Es ist ein augenzwinkernder und realistischer Blick auf die Bauprozesse – sehr humorvoll und aufschlussreich.

Füssenich: Wiedereröffnung der Oper und des Schauspielhauses wird ein Highlight

Dazu empfehle ich, das Kolumba-Museum selbst anzuschauen. Der Bau von Peter Zumthor, über der mittelalterlichen Ruine von St. Kolumba errichtet, ist eine der wunderbarsten Architekturen, die es in Köln gibt. Zumthor hat große Fenster eingebaut, die immer wieder Blicke und Aussichten auf die Stadt freigeben, also auf den Dom auf der einen, auf die Oper auf der anderen Seite. Die Wiedereröffnung der Kölner Oper und des Schauspielhauses am angestammten Platz wird dieses Jahr ganz gewiss ein Highlight werden. Ich bin mir sicher: Wenn Oper und Schauspiel wieder am Ort sind, wird man nicht mehr über das sprechen, was jetzt noch Thema des Stückes „Requiem für eine marode Brücke“ ist, sondern sich an der Kultur erfreuen, die in den Häusern stattfindet.

Da ich ein großer Jazz-Fan bin, zieht es mich auch häufig in die Philharmonie, wo ich seit Jahren ein Jazz-Abo habe. Ich freue mich immer wieder über überraschende Konzerte, in denen neben der hervorragenden WDR Big Band große Jazz-Musiker aus der ganzen Welt auftreten. Aber nicht nur die großen Säle sind ein Besuch wert, sondern auch die kleineren Jazz-Standorte wie das King Georg, wo regelmäßig Jam-Sessions stattfinden. Deshalb bin ich auch ein großer Befürworter einer Kulturförderung, um jungen Künstlerinnen und Künstlern, Musikerinnen und Musikern Möglichkeiten zu eröffnen, sich auszutoben, sich auszuprobieren, Neues zu entdecken.

Gerade musikalisch bietet Köln einen großen Reichtum. Dann geschieht es fast von selbst, dass von Köln eine Strahlkraft ausgeht. Aus diesem Grund leben auch viele Künstlerinnen und Künstler, wie Gerhard Richter, hier in Köln. Das ist kein Zufall. Historisch bedingt mussten sich die Kölner immer wieder mit neuen Obrigkeiten, Besetzungen und Besatzungen arrangieren und haben trotzdem ihr Ding gemacht. Trotzdem gelebt, trotzdem gefeiert, trotzdem das Leben genossen und auch Kultur hervorgebracht. Darin liegt womöglich die Ursache, die Köln zu so einer offenen Stadt gemacht hat. Das spürt man noch heute. Und das ist gut so.

Aufgezeichnet von Johannes Mönch


Peter Füssenich wurde 1971 in Bonn geboren. Er studierte in Köln Architektur sowie Denkmalpflege und ist seit 2016 Dombaumeister. In dieser Funktion leitet er die Kölner Dombauhütte mit rund 85 Mitarbeitenden der Bauhütte und des Dombauarchives. Er ist damit der 19. namentlich bekannte Dombaumeister von Köln und steht in einer langen Reihe von Baumeistern der Kölner Kathedrale, die mit der Grundsteinlegung im Jahr 1248 mit Meister Gerhard einsetzt.

Peter Füssenichs Tipps für den April

Ich bin ein großer Freund des Kölner Schauspiels. Ein Stück, das ich sehr empfehle, weil es zeigt, welche Vorstellungskraft Theater und Schauspiel entwickeln können, ist „Imagine“ von Alexander Kerlin und Kay Voges. Und was für ein Bühnenbild! Großartig! Die nächste Aufführung findet am Samstag, 4. April, um 19.30 Uhr im Depot 1 statt. Weitere Termine sind in Planung. www.schauspiel.koeln

Über Jahrzehnte hat der Wahlrheinländer Konrad Beikircher den Rheinländern den Spiegel vorgehalten. Ende dieses Jahres hat der große Kabarettist und Menschenfreund seinen Bühnenruhestand angekündigt. Am Samstag, 18. April, ist er um 20.15 Uhr mit seinem Kabarett-Programm „Bin völlig meiner Meinung!“ im Senftöpfchen-Theater zu erleben. Verabschieden wir ihn mit dem größtmöglichen Applaus! www.senftoepfchen-theater.de

Ein sehr sehenswertes Museum, das nicht die Beachtung erfährt, die es verdient hätte, ist das Museum für Ostasiatische Kunst – ein wunderbarer Bau mit einem ganz tollen Café, das derzeit leider geschlossen ist. Hoffentlich wird der Bau in naher Zukunft saniert, damit er nicht verfällt. Das Museum zeigt ab dem 23. April in der Ausstellung „99 Schalen – ein Kosmos“ Keramik von Young-Jae Lee. Dabei handelt es sich um zeitgenössische Keramik, die gerade im asiatischen Raum eine große Rolle spielt, weil es um alltägliche Gefäße geht. Ich schätze und bewundere diese Handwerkskunst und werde sie mir auf jeden Fall anschauen.
www.museum-fuer-ostasiatische-kunst.de