Kerstin Gleba, Verlegerin des Verlags Kiepenheuer & Witsch, spricht in unserer Serie „Mein Kulturmonat“ über ihre Liebe zu Popmusik, Literatur und Köln.
Verlagschefin Kerstin Gleba„Das Herz der Literaturstadt schlägt an vielen Orten“

Kerstin Gleba, Verlagschefin von Kiepenheuer und Witsch.
Copyright: Patricia Kühfuss
Kultur ist für mich kein statischer Begriff, sondern eine lebendige Erfahrung, die eng mit der Topografie einer Stadt verknüpft ist. Wenn ich heute in meinem Büro sitze, mit Blick auf das Ensemble aus Dom, Hohenzollernbrücke und Hauptbahnhof, empfinde ich diese Gleichzeitigkeit von Geschichte und Gegenwart als großes Glück. Köln ist eine Stadt der Schichten: Unter dem Pflaster des Rathauses liegt die mittelalterliche Mikwe, während in den Clubs und auf den Bühnen der moderne Sound der Stadt pulsiert. Und natürlich in unseren Verlagsräumen, wo wir am Sound von morgen arbeiten.
Mein beruflicher Weg begann mit der Literaturübersetzung, einem Studium an der Uni in Düsseldorf, das mich schließlich zu Kiepenheuer & Witsch führte. Was mit einem Volontariat in den frühen 1990er Jahren begann, entwickelte sich zu einer lebenslangen Leidenschaft für die Verlagsarbeit in einer Stadt, die nicht nur großartige Literatur und Kunst hervorbringt, sondern sie mit Intensität lebt und feiert.
Das Kölner Publikum gilt unter unseren Autorinnen und Autoren als außergewöhnlich wach, neugierig und begeisterungsfähig. Diese Offenheit ist der Nährboden, auf dem die Kultur in dieser Stadt gedeiht.
Jedes Jahr im März, wenn die lit.Cologne beginnt, ist das besonders spürbar: Da verwandelt sich Köln in die Hauptstadt der Literatur, einen Ort von internationaler Strahlkraft. Es ist kein Zufall, dass dieses Festival hier seit 26 Jahren eine solche Dynamik entfaltet: Das Kölner Publikum gilt unter unseren Autorinnen und Autoren als außergewöhnlich wach, neugierig und begeisterungsfähig. Diese Offenheit ist der Nährboden, auf dem die Kultur in dieser Stadt gedeiht. Die Kölner sind immer bereit, auch Künstlerinnen und Künstlern eine Chance zu geben, die noch nicht so bekannt sind. Das ist im ganzen Jahr zu spüren, im Literaturhaus, das ein hervorragendes Programm macht, in den Clubs und auf den vielen Bühnen der Stadt, den großen wie den kleinen.
Alles zum Thema Carolin Kebekus
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In diesem Jahr fiebern wir der lit.Cologne besonders entgegen: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch feiert sein 75-jähriges Bestehen. Dankenswerterweise dürfen wir das diesjährige Festival am kommenden Wochenende mit 15 eigens von uns kuratierten Jubiläums-Veranstaltungen eröffnen. Wir sind sehr stolz darauf, dass so viele unserer Autorinnen und Autoren unserer Einladung gefolgt sind und sich auf ungewöhnliche Themensetzungen eingelassen haben. Carolin Kebekus, Frank Schätzing und Günter Wallraff werden zur Frage „Köln - eine gute Idee?“ sprechen, moderiert von Katty Sallié, um nur eine der 15 Veranstaltungen rauszupicken.
Die literarische Identität der Stadt und auch des Verlags ist für mich untrennbar mit Heinrich Böll verbunden. Dass seine Texte auch heute noch eine literarische und politische Sprengkraft besitzen, zeigte etwa die fulminante Inszenierung von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Schauspiel Köln. Solche künstlerischen Neudeutungen belegen, wie tief die Literatur in das soziale Gewebe dieser Stadt eingewoben ist.
Das Herz der Literaturstadt schlägt jedoch an vielen Orten: Inhabergeführten Buchhandlungen wie Bittner oder der Sülzer Buchladen, Dorothee Juncker auf der Neusser Straße oder Manulit (stellvertretend für so viele genannt) leisten täglich eine Form der Kuratierung, die unserer Verlagsarbeit bei Kiepenheuer & Witsch wesensverwandt ist. Es ist das beeindruckende Engagement dieser Buchhändlerinnen und Buchhändler, das – trotz oft schwieriger Bedingungen – Räume für echte Begegnungen schafft.
Köln ist eine Stadt der Bühnen. Als ich Mitte der Neunzigerjahre nach Köln zog, war ganz Köln ein Club. Mit Groove Attack, Kompakt und dem Sound of Cologne war Köln in der elektronischen Musikszene the place to be. Vieles hat sich verändert, aber noch immer hat Köln eine immens beeindruckende Anzahl an Spielstätten mit einem fantastischen Programm. Bis heute liebe ich es, so viele Bands, deutsche und internationale, große Stars und junge, noch wenig bekannte Künstlerinnen in den verschiedenen Clubs und Hallen der Stadt live erleben zu dürfen. Und wenn dann meine beiden großen Leidenschaften, die Liebe zur Literatur und die Liebe zur Musik, an einem Abend an einem Ort gefeiert werden wie bei „Smells Like KiWi Spirit“ am 20. März in der Philharmonie, ist es für mich das größte Glück.
Mein Kulturmonat März - Persönliche Tipps von Kerstin Gleba
Smells Like KiWi Spirit: Ein ganz besonderes Highlight in diesem Monat ist die Gala in der Kölner Philharmonie am 20. März (20 Uhr). Unter dem Titel „Smells Like KiWi Spirit“ feiern wir die Verbindung von Musik und Literatur. Mit dabei sind Thees Uhlmann, Frank Schätzing, Jan „Monchi“ Gorkow und Hauke Segert von Feine Sahne Fischfilet und Mieze (MiA.). Moderiert wird dieser besondere Abend von Sabine Heinrich. Es wird ein Fest!
Schmuck-Ausstellung im MAKK: Das Museum für Angewandte Kunst zeigt die herausragende Schau „Schmuck von Künstlerinnen“. Die Exponate von Ikonen wie Louise Bourgeois, Rosemarie Trockel oder Yoko Ono sind faszinierende Zeugnisse weiblicher Selbstbehauptung in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Verlag liegt inmitten der einzigartigen Museenlandschaft Kölns.
Wer ihn noch nicht gesehen hat, unbedingt ansehen, so berührend: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ - Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs großartigem Roman ist noch in meinem Lieblingskino, dem „Weisshaus Kino“ zu sehen. Noch ein Tipp: „Gelbe Briefe“ von Ilkay Çatak, auch er zu sehen in den wunderbaren Programmkinos Köln.
Franz Ferdinand spielen am 4.4. im Palladium. Eigentlich mag ich kleinere Orte wie das Gloria oder das Gebäude 9 lieber, aber wenn Alex Kapranos, übrigens auch ein KiWi-Autor, und seine Band spielen, dann freue ich mich natürlich, dass so viele ihn sehen können.
Auch noch empfehlenswert: Amazonia - läuft bis 15. März: Die berührenden Fotografien von Sebastiao Salgado im Rautenstrauch-Joest-Museum. Sehr zu Recht wurde Salgado für sein Werk mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

