Das jüngste Kölner Meisterkonzert mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra, Dirigent Kazuki Yamada und Pianist Bruce Liu war ein Abend der starken Gesten.
Pianist Bruce Liu und Kazuki Yamada in der Kölner PhilharmonieStilvoll schmachten, ohne die Struktur zu verlieren

Der japanische Dirigent Kazuki Yamada mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra in der Kölner Philharmonie
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Eine leicht bombastische Triumphstimmung grundierte das jüngste Kölner Meisterkonzert mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra. Das reichte von William Waltons eingangs gespieltem Krönungsmarsch „Orb and Sceptre“ über die entsprechend intonierten Passagen in Tschaikowskys erstem Klavierkonzert und den „Tor von Kiew“-Schluss der Mussorgsky/Ravel’schen „Bilder einer Ausstellung“ bis zur Zugabe, dem weihevollen „Tannenwald im Winter“ aus dem „Nussknacker“-Ballett. Diese Grundfarbe ist deshalb erwähnenswert, weil sie eine Musikkultur spiegelt, wie sie in dieser Form in Deutschland nicht existiert. Das betrifft naheliegend in erster Linie den ein starkes Eröffnungsstatement setzenden Walton-Marsch. Kaum denkbar, dass sich hierzulande ein Komponist der seriösen Moderne für politische Gebrauchsmusik hergibt – „Orb and Sceptre“ war ein Auftragswerk zur Thronbesteigung von Elizabeth II.

Pianist Bruce Liu in der Kölner Philharmonie
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Das muss man nicht kritisieren – die britische und die deutsche Geschichte sind halt unterschiedlich verlaufen. Trotzdem mag sich ein leichtes Befremden darüber einstellen, dass da jemand in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Elgars „Pomp and Circumstance“ „aufwärmt“ – eine Portion „Meistersinger“-Vorspiel nicht zu vergessen. Gespielt – unter der so engagierten wie frohgestimmten Leitung des Japaners Kazuki Yamada – wurde das alles freilich magistral. Die Formation präsentierte sich mit einem blitzblank-offensiven Grundklang, beweglich, schmissig, mit zündenden Synkopen, aber auch bei großer Kraftentfaltung keineswegs ordinär knallend.
Mit blitzblank-offensiven Grundklang
Genau auf dieser Linie ging es dann weiter. Zum Beispiel die „Ausstellung“: Es mochte sein, dass das Klangbild durch Yamadas Neigung zu extremer kammermusikalischer Ausdifferenzierung der Register auch schon mal leicht auseinanderfiel. Aber die Spezifik eines jeden Satzes kam mit starker gestisch-szenischer Präsenz herüber: die Küken in den Eierschalen als brillante piano-Studie, die Unterhaltung des reichen mit dem armen Juden als bedrückendes Machtverhältnis, der Marktplatz von Limoges als Wimmelbild – das alles gelang farbig und eindringlich.
Fokussierte Brillanz
Der Pianist des Tschaikowsky-Konzerts, der Kanadier Bruce Liu, bewegte sich in jeder Hinsicht auf dem vorgegebenen Niveau. Er ficht auch dort, wo es zur Sache geht, stets mit dem Florett, nicht mit dem schweren Säbel. Da ist eine schlanke, fokussierte Brillanz am Werk, die nie schwitzt und stets noch Luft nach oben hat. Um den Flügel muss der Zuhörer keine Angst haben, während der Interpret auch seine Oktaven-Gewitter nie mit starkem Pedal vernebelt. Er kann durchaus stilvoll schmachten, lässt aber stets die Struktur – etwa das imitatorische Spiel zwischen rechter und linker Hand – Gestalt werden.
Und die lyrischen Stellen kamen mit jener Intensität des Verhaltenen, die unmittelbar an Chopin denken lässt. Welch Wunder beim Gewinner des Warschauer Chopin-Wettbewerbs von 2021! So wuchs etwa dem zweiten Thema des Eröffnungssatzes nahezu Nocturne-Qualität zu. Mit Tschaikowskys „Vier Schwänen“ dankte der Gast, spritzig-nobel pointierend, für den begeisterten Beifall.

