Vom einstigen Kölner „Acht Brücken“-Festival sind nur noch Reste übrig – die Philharmonie-Intendantin plant eine Wiederbelebung.
Reste des Kölner „Acht-Brücken“-FestivalsEinzelne Pfeiler ohne Bögen

Dem Orchestra of Inverted Traditions (hier bei der Premiere in Darmstadt) gelang es in Köln, das Publikum einzubinden.
Copyright: KölnMusik Betriebs- und Service GmbH | Kölner Philharmonie
Seit 2011 gab es stets Anfang Mai „Acht Brücken/Musik für Köln“. Jetzt wäre es wieder an der Zeit gewesen. Doch Anfang des vergangenen Jahres hatte der Rat entschieden, die Mittel für das Festival einzusparen. Nach fünfzehn Jahren gibt es deswegen nun nur noch einige Überbleibsel. Der Lücke in diesem Jahr könnten im nächsten Mai vielleicht wieder „Acht Brücken“ folgen. Philharmonie-Intendantin Ewa Bogusz-Moore jedenfalls will das Festival wiederaufleben lassen und dem Kölschen Grundgesetz „Wat fott es, es fott“, ein Schnippchen schlagen.
Sie möchte das Festival auf fünf Tage konzentrieren und den eingeführten Namen behalten, aber den Zusatz „Musik für Köln“ zu „Musik in Köln“ ändern. Das soll „signalisieren, dass Musik nicht nur nach Köln importiert wird, sondern ganz viel Aktuelles hier seine Anfänge und Wurzeln hat. Wir möchten fragen, was neue oder aktuelle Musik ist.“ Bogusz-Moore plant jährlich andere Themen: „Wir beginnen im Mai 2027 mit ,Stimmen’. Dazu gehören in Köln auch Chormusik und Karneval, ebenso transkulturelle Projekte, um die vielen Communities in Köln einzubeziehen, also das Sacrum und das Profanum.“
Die Intendantin möchte eine große Bandbreite an Musik zeigen. „Spannungen und Verbindungen zwischen verschiedenen Polen sind immer interessant. Wir nehmen die Welt in all ihrer Verschiedenheit ja nicht mit Scheuklappen wahr. Ein Festival muss Experimente machen, Fragen aufwerfen, etwas entdecken wollen, Dinge spielerisch kombinieren und ein Risiko eingehen, damit darüber diskutiert werden kann.“ Erste Kooperationen mit dem WDR und dem Ensemble Musikfabrik sind bereits vereinbart. Auch mit der Kölner freien Musikszene ist Bogusz-Moore im Gespräch. Fehlt nur noch die Finanzierung. Die Intendantin hofft, einstige Unterstützer in Stadt, Land, Kuratorium und Stiftungen wieder zu gewinnen.
Einstweilen waren in der Kölner Philharmonie noch letzte Glutherde längerfristig geplanter Konzerte und Auftragswerke zu erleben, zwei davon unter dem vielversprechenden Motto „#brückenbauen“. Das Konzert der senegalesischen Deggo Band mit dem Ensemble Modern verband zwei verschiedene Kontinente, Stile und Musizierpraktiken. Seit die Frankfurter Spitzenformation für neue Musik 2019 auf Einladung des Goethe-Instituts im Senegal gastierte, standen beide Formationen in Kontakt. Unter dem Namen „Liberation Orchestra of Inverted Traditions“ gaben sie 2023 in Darmstadt ihre Premiere. Das aktuelle Kölner Konzert war niederschwellig zugänglich und mitreißend, wie geschaffen für den „Freihafen“, bei dem sonst am Maifeiertag im Rahmen von „Acht Brücken“ alle Konzerte zu freiem Eintritt stattfanden.
Bandleader Bada Seck schreitet mit der Sabar-Trommel unter der Achsel über die Bühne, stampft mit den Füßen, gibt das Signal zum Anfang und sucht reihum den Dialog mit den Musikern. Diese reagieren nicht nachahmend, sondern individuell mit jeweils für ihre Persönlichkeit und Instrumente spezifischen Möglichkeiten. Schließlich verbinden sich alle zu einem gemeinsamen Beat, über den sich Melodieinstrumente mit pulsierenden Klangflächen oder Soli legen, darunter mehrmals die Trompete mit strahlender Kraft. Bläser und Trommeln dominieren. Plötzlich treten Violine, Cello und Kontrabass mit leuchtenden Obertönen hervor, auch mit klirrendem Zwitschern und langgezogenen Glissandi. Dann stampft und pulst die Rhythmusmaschine wieder los.
Bada Seck als Ideen- und Impulsgeber animiert die Mitwirkenden auch zu kleinen Tänzen und reicht Leuten aus dem Publikum die Hand und kleine Rasseln zum Mitspielen. Das sind sichtbare Gesten der längst hörbar hergestellten Verbindung der Ensembles sowie zwischen Bühne und Auditorium.
„Musik der Zeit“-Konzert gehört zu den Überbleibseln des Festivals
Teil von „Acht Brücken“ gewesen wäre auch „Musik der Zeit“ des WDR Sinfonieorchesters unter Leitung von Bas Wiegers. Den Konzertrahmen setzte der Jubilar Hans Werner Henze, der dieses Jahr hundert geworden wäre. Seine Orchesterfantasie „Los Caprichos“ von 1963 bezieht sich scheinbar auf Goyas Radierungen, wildert in Wirklichkeit aber beim Belcanto Vincenzo Bellinis sowie der Spätromantik um 1900. Die kurzen Charakterstücke bestehen aus bekannten Gesten und Instrumentationstopoi, lyrischem Flötensolo, murmelnden Hörnern, katastrophischen Tutti-Ballungen, eruptiven Schlagzeugattacken.
Henzes dritte Sinfonie von 1950 wirkte – obwohl großartig gespielt – ähnlich spannungslos, weil auch sie ohne großformalen Spannungsbogen eine Vielzahl verschiedener Einfälle episodisch reiht. Uraufgeführt wurde Vito Žurajs Violinkonzert „Desorption“ von der souveränen Isabelle Faust. Einem Peitschenknall folgen kratzige Bogengeräusche und glasklar perlende Flageoletts. Die drei Elemente werden vielfach wiederholt und verwandelt. Die Flageoletts erscheinen als Arpeggien von Harfe, Naturtonskalen der Blechbläser und diffus gedämpftes Blubbern des Klaviers.
Die deutsche Erstaufführung von Bára Gísladóttirs „Sea Sons Seasons“ brachte das bestens präparierte Orchester wie den stürmischen Nordatlantik zum Brausen und Tosen. Die isländische Komponistin gestaltet düstere Drones mit schwankender Rauigkeit, Energetik und Farbe, forciert durch Elektronik und die mechanische Traktur von Klavier, Harfe und Ölfässern mit Massagepistolen.
Weitere Relikte von Acht Brücken waren ein Kinderkonzert des Érma Ensembles sowie ein Abend des Ensemble Resonanz. Zum „Abschluss“ des dieses Jahr ausgefallenen Festivals spielt am 9. Mai das Ensemble Musikfabrik die Uraufführungen zweier neuer Werke der Preisträger Alex Hren und Żaneta Rydzewska des letztjährigen Kompositionswettbewerbs des Festivals. Ob das Festival dann im Mai 2027 tatsächlich runderneuert wie Phönix aus der Asche steigt, muss sich noch zeigen.
