Werner Herzogs Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ ging im Internet viral. Warum der Filmemacher als Meme funktioniert.
„Nihilistischer Pinguin“Über den Erfolg Werner Herzogs in der Popkultur

Seit 2010 ist Werner Herzog Offizier der französischen Ehrenlegion. (Archivbild)
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Das hätte sich Werner Herzog wohl nicht träumen lassen. Ein Pinguin aus seinem 19 Jahre alten Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ fasziniert derzeit das Internet – in den sozialen Medien kommt man um den Filmausschnitt kaum herum. Bei jungen Menschen scheint das scheinbar lebensmüde Tier, vor allem aber die Person Werner Herzog, einen Nerv zu treffen. Er und sein Werk sind schon lange vor dem Pinguin zu einem eigenen Meme in den digitalen Medien geworden. Die Generation Z liebt den mittlerweile 83-jährigen Filmemacher.
Vor allem die englischsprachige Popkultur hat das Potenzial der bizarren, geheimnisvollen, teilweise düsteren Art des gebürtigen Münchners erkannt. Herzog wirkt, als ob er schon alles gesehen hätte, und trat in vielen Produktionen als Gastdarsteller oder Sprecher auf. Häufig nimmt er dabei sich selbst und seine Außenwirkung auf die Schippe. Im englischen Original der US-amerikanischen Zeichentrickserie „Rick and Morty“ leiht er einem Alien seine Stimme, das die menschliche Kultur in freudianischer Weise als eine beschreibt, die sich ausschließlich um das männliche Genital dreht.
Das Internet liebt Herzogs Neigungen
Bei den Simpsons spricht er im typischen „Herzog-Englisch“ die Rolle des mysteriösen deutschen Pharmaunternehmers Walter Hotenhoffer. In der Folge erklärt er die fatalen Nebenwirkungen eines Medikaments, verweist anschließend darauf, dass das Leben hart, dem Kosmos die Menschheit egal sei, und rollt sich anschließend auf eine dichtbefahrene Autobahn.
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Auch auf Youtube funktionieren Clips von Werner Herzog bestens. Während einer Autofahrt wird er gefragt, wie viele Sprachen er spreche. Nachdem Herzog eine beachtliche Anzahl nennt, fügt er hinzu, Französisch zu verstehen, es zu sprechen aber abzulehnen. Das würde er nur tun, wenn man ihm eine Pistole an den Kopf halte – was ihm tatsächlich so in Afrika passiert sei: Nach einer irrtümlichen Verhaftung sei er von Soldaten mit Waffen bedroht worden. Der Anführer habe eingefordert, auf Französisch auszusagen, erzählt Herzog: „Ich bereue es. Ich hätte es nicht tun sollen.“ Ähnlich unterhaltsam sind Herzogs Ausführungen über die überwältigende Dummheit von Hühnern. Auch hier verweist er sogleich auf einen Nebenaspekt: „Übrigens, es ist sehr leicht, ein Huhn zu hypnotisieren.“
Der Erfolg des „nihilistischen Pinguins“
Der Regisseur blickt schonungslos auf die Tierwelt. Für ihn hat die Natur nichts Romantisches, sie ist erbarmungslos, gegenüber menschlichen Regungen gleichgültig. Trotzdem geht es Herzog nicht darum, diese Brutalität zu verherrlichen – wie auch bei dem gerade wieder auflebenden Clip des „nihilistischen Pinguins“. In seinem Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ erzählt Herzog von seiner Reise in die Antarktis zur Forschungsstation McMurdo. Dort trifft er Menschen, die unter extremen Bedingungen leben und arbeiten. Außerdem fängt er die Schönheit der Natur ein – und ihre Abgründe.
Den Meeresbiologen David Ainley fragt er, ob es so etwas wie Wahnsinn unter Pinguinen gebe. Und tatsächlich: Einer, auf den das zutreffen könnte, fällt dem Team später ins Auge: Anstatt zu seiner Kolonie zurückzukehren, bleibt ein Pinguin wie angewurzelt stehen und läuft plötzlich weg – in Richtung der Berge und des sicheren Todes, wie Herzog feststellt. Ihn aufzuhalten bringe nichts, habe Forscher Ainley erklärt. Selbst, wenn er den Pinguin zurück zu seiner Herde bringen würde, würde dieser sofort wieder umkehren. „But why?“ („Aber warum?“), fragt Herzog in seinem vom bayerischen Akzent eingefärbten Englisch.
Anti-KI-Kunst
„‚Gibt es so etwas wie Wahnsinn unter Pinguinen?‘ Das ist der heftigste Gesprächseinstieg, den ich in meinem ganzen verdammten Leben gehört habe“, lautet dann auch einer der meistgelikten Kommentare unter dem Pinguin-Video auf Youtube. Herzogs künstlerische Herangehensweise an Themen war schon immer unkonventionell und hat oft polarisiert. Man denke an die aufwendigen Dreharbeiten von „Fitzcarraldo“ im peruanischen Urwald, bei denen er einen Flussdampfer über einen Berg ziehen ließ und sich viele Menschen verletzten. Oder an den Dokumentarfilm „Lektionen in Finsternis“, in dem Herzog die brennenden Ölfelder in Kuwait zu Wagners Götterdämmerung in Szene setzt. Dem Regisseur wurde eine angebliche Ästhetisierung des Golfkriegs vorgeworfen, weswegen ihm auf der Berlinale 1992 Beschimpfungen entgegenschlugen, er sogar angespuckt wurde.
Die Generation Z scheint da nachsichtiger zu sein. Bei ihr hat der Pinguin einen Nerv getroffen. Für viele verkörpert er einen Zeitgeist der Hoffnungslosigkeit – angesichts multipler Krisen in der Welt. Herzogs Kunst ist gehaltvoll und nimmt das eigene Publikum ernst, weil sie ihm etwas zumutet. Auf den ersten Blick scheint darin ein Widerspruch zu Herzogs Erfolg in einer oberflächlichen Social-Media-Welt zu liegen. Auf den zweiten Blick könnte genau das die Erklärung dafür sein. Das Angebot von Musik- und Video-Streaming-Plattformen wird immer unübersichtlicher. Gleichzeitig ist kein Qualitätszuwachs auszumachen. Vielmehr häufen sich generische Produktionen, die in der Regel bereits vorhandene Hör- und Sehgewohnheiten bestätigen.
Hinzu kommt, dass das Internet aktuell von KI-Müll überschwemmt wird: Massenhaft digital generierte Wort-, Video-, Bild- und Musikbeiträge reproduzieren eine immer gleiche seelenlose Ästhetik, die ermüdet, weil sie für den aufgeklärten Nutzer vorhersehbar ist. Werner Herzogs Kunst ist das nicht. Sie ist überraschend, verlässt ausgetretene Pfade und ist trotzdem unverwechselbar. Wenn künstliche Intelligenz eine Dokumentation über die Antarktis drehen würde, dann käme Wahnsinn unter Pinguinen nur deswegen darin vor, weil sich Herzog darüber Gedanken gemacht hat.

