Die australische Regisseurin Adena Jacobs gibt mit „Die Orestie“ ihr Deutschland-Debüt im Schauspiel Köln – ein bildgewaltiger, nicht immer ganz stimmiger Abend.
Schauspiel KölnUnd am Ende tanzen die Furien

Orest (Steffen Siegmund) wird von den Erinnyen verfolgt.
Copyright: Birgit Hupfeld
Geht es um Gewalterfahrungen, wird jede Frau zum Chor. In Adena Jacobs' Inszenierung der „Orestie“ am Schauspiel Köln ist es Julia Schubert, die ganz allein für viele spricht. Die fragt, wer den Fluch beenden kann, mit dem die Götter das Haus der Atriden belegt haben, als Stellvertreter jeder dysfunktionalen Gesellschaft. „Bruder gegen Bruder, Vater gegen Tochter, Ehefrau gegen Ehemann, Sohn gegen Mutter“, zählt Schubert die Wahnsinnsabfolge innerfamiliärer Morde auf. Agamemnon hat seine Tochter Iphigenie geopfert, um der Göttin Artemis günstige Winde für seine Fahrt gegen Troja abzugewinnen. Als er nach zehn Jahren im Triumph nach Argos zurückkehrt, erschlägt ihn seine Frau Klytaimnestra mit der Axt. Sie hat, um das Programmheft zu zitieren, die „unerträgliche Leerstelle“ nicht vergessen, „die die Ermordung einer Teenagerin in einer Welt aus Krieg und patriarchaler Gewalt hinterlassen hat“.
Am Anfang des Abends hatte man Luisa Beck als moderne Iphigenie durch die Gänge eines Clubs irren sehen, bis sie ihren Killer im Toilettenspiegel erblickte. Eine Einspielung wie aus einem Slasher-Film. Die Abwesende steht für alle Frauen, die auf dem Altar der Männerherrschaft gerichtet wurden und werden. Klytaimnestras Sohn Orest wiederum rächt, getrieben vom Gott Apollon, den Vater. Er durchstößt die eigene Mutter mit dem Schwert – und wird für die Bluttat prompt von Furien verfolgt. Die Gewaltspirale hätte sich Generation um Generation weiterdrehen können, hätte nicht Aischylos ans Ende seiner dreiteiligen „Orestie“ „Die Eumeniden“ gesetzt, zu Deutsch „Die Wohlgesinnten“. In die nämlich verwandeln sich die rasenden Erinnyen, nachdem die Göttin Athene den Muttermörder im Prozess freigesprochen und die Rachegöttinnen als verehrten Teil der Gemeinschaft eingehegt hat. So wird aus Blutdurst Rechtsprechung und am Ende triumphiert die Gerechtigkeit.
Wir werden Zeugen eines wiedererweckten archaischen Ritus
Aber so glatt, glaubt Adena Jacobs, geht die Rechnung nicht auf, es bleibt ein Rest von Wut, von Hass. Die australische Regisseurin gibt im Depot 1 ihr Deutschland-Debüt. Vor ein paar Jahren hatte sie am Wiener Burgtheater Euripides' „Die Troerinnen“ inszeniert und dort sämtliche Männerrollen rausredigiert.
In Köln hatte Lucia Bihler 2023 aus der Tragödie eine begehbare Installation gemacht. Auch hier mussten die Männer schweigen, das Publikum teilte den Schmerz der Kriegswitwen und die Wut der Furien. Und in der vergangenen Spielzeit hatte Jorinde Dröse eine feministische Überschreibung des Stoffes auf die Bühne gebracht, in der Orest selbst den Atridenfluch mit den Worten durchbricht: „Meine Pflegeeltern haben mir beigebracht, dass alle Menschen gleich viel wert sind und Hass nichts bringt.“
Das war dann doch etwas zu viel des gut Gemeinten. Jacobs wählt eine andere, bessere Ausdrucksform: Sie streicht den Prozess, streicht Athenes warme Worte am Ende der „Eumeniden“ und auch deren beflissenes Einverständnis. Stattdessen lässt sie die Bühne leer räumen, die breite Leinwand fährt nach oben, der nach hinten abschließende Laufsteg und die Gerichtsbänke, die das Geschehen flankierten, werden in die Kulissen geschoben. Nur ein menschliches Skelett bleibt auf dem Boden liegen, es könnte die lang vermisste Iphigenie sein. Der Raum gehört jetzt ganz den zehn jungen Tänzerinnen von der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Halbnackt und silbern besprüht treten sie auf, aber Melanie Lanes Choreografie hat so gar nichts von Showballett, nein, wir werden Zeugen eines archaischen oder auch wiedererweckten Ritus.

Die Tänzerinnen der Hochschule für Musik und Tanz Köln als die Eumeniden
Copyright: Birgit Hupfeld
Es ist ein machtvoller Tanz, mit Muskelspielen und herausfordernden Posen, diese Eumeniden halten an ihrer Wut fest, verinnerlichen sie in Gestalt der knöchernen Überreste Iphigeniens, die sie einzeln mit dem Mund aufsammeln.
Ein sinniger, empowernder Abschluss der Tragödie. Wie soll auch ein Urteil, egal wie ausgewogen, das erlebte Unrecht vergessen machen? In den knapp zwei Stunden zuvor waren die Tänzerinnen immer ganz nah am Geschehen dran, hatten es mal als schwarz verhüllte Klageweiber, mal als Furien in Bodysuits und blonden Wuschelperücken – wie Daryl Hannah in „Blade Runner“ – begleitet. Den eigentlichen Plot hat Jacobs zum größten Teil auf eine Abfolge von Klagemonologen reduziert, jede und jeder hier trauert, leidet, tötet auf seine Weise.
Anja Laïs als Klytaimnestra und Sarah Sandeh als Elektra laufen zu eindringlicher Tragödinnenform auf. Laïs taucht später als live generierte Motion-Capture-Rächerin mit blutigem Mund auf der Leinwand auf, Sandeh weidet ein (Stofftier-)Reh aus und kaut auf seinen Gummigedärmen: Beides ist visuell sehr eindrücklich, wie überhaupt der Abend rein optisch ein Genuss ist; beides hätte man nicht zwingend gebraucht, Körper und Stimme sind genug. Thomas Dannemann gibt als Agamemnon den betont lässigen Pascha, der nur manchmal seine Gebrochenheit durchscheinen lässt, während sich Claude De Demo als seine Kriegsbeute Kassandra in markerschütternden Schmerzensschreien beugt. Steffen Siegmunds Orest stemmt sich mit seiner ganzen Körpersprache gegen die ihm auferlegte Rache. Die beste Rolle hat jedoch Julia Schubert als Chor erwischt: Mal kommentiert sie das blutige Geschehen als gebeugte Alte, mal hinterfragt sie es als Anwältin, wie direkt aus Suzie Millers „Prima Facie“.
So ganz kommt das Ensemble leider nie zusammen, immer wieder schiebt sich die Bildregie vor die Schauspielerführung, und so verschenkt diese „Orestie“ doch einiges an Wucht. Unbedingt empfehlenswert ist dieser Abend dennoch, weil die Einzelauftritte so stark sind, weil er seine feministische Agenda als die Zumutung zeigt, die sie sein sollte. Vor allem aber, weil hier zehn Tänzerinnen vorführen, wie viel Kraft die gerechte Wut verleihen kann.

