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Schauspielerin Sarah Sandeh„Die Wut an sich hat einen Nutzen“

6 min
02.03.2026 Köln. Schauspielerin Sarah Sandeh. Foto: Alexander Schwaiger

Schauspielerin Sarah Sandeh feiert am Samstag, den 7. März 2026, Premiere als Elektra im Kölner Schauspiel.

Sarah Sandeh, Ensemblemitglied am Schauspiel Köln, über das Hadern mit ihren iranischen Wurzeln und ihre Hoffnungen für junge Frauen.

Manchmal überlagern sich aktuelle Meldungen und 2500 Jahre alte Tragödien. Sarah Sandeh probte in Köln „Die Orestie“, als sie Nachricht von den Massakern erreichte, welche die iranische Regierung an Demonstranten verübt hatte. Sandeh ist als Tochter iranischer Eltern in Darmstadt aufgewachsen. Schnell organisierte die Schauspielerin einen Solidaritätsabend im Depot 1, mit Zeugenberichten von Morden und Verstümmelungen, mit prominenter Unterstützung aus Kunst, Wissenschaft und Politik.

Die „Orestie“ erzählt vom Sieg der Rechtsprechung über die Blutrache. Der ist mühsam erkämpft. Sandeh probte noch, als der Krieg ausbrach und mit ihm neue Ängste – aber auch ein Fünkchen Hoffnung aufflammte. Doch angesprochen auf ihre Einschätzung der Lage, wehrt sie ab. Sie sei keine Journalistin, sondern Schauspielerin und Künstlerin. „Und dazu habe ich eben noch iranische Wurzeln? Würde jetzt hier eine deutsche Kollegin vor Ihnen sitzen, was würden Sie sie fragen?“ Dasselbe, wenn sie einen Abend für den Iran organisiert hätte, sage ich. Aber Sandeh hat einen Punkt. Um eine Antwort zu geben, sagt sie, müsse sie etwas weiter ausholen.

Sarah Sandeh: Als ich angefangen habe mit dem Beruf, war es mir wichtig, dass ich Biografien von Frauen spiele, die komplex sind, keine Abziehbilder. Oft sind das klassische Figuren. Das war damals eine Zeit, in der wenige Menschen, die so aussahen wie ich, in den deutschen Theatern gespielt haben. Auf der Westfälischen Schauspielschule, so hieß die Folkwang-Hochschule zu der Zeit noch, war ich die erste Person mit Migrationshintergrund seit 20 Jahren. Aber ich wollte einfach ein Mensch sein. Ich wollte Iphigenie auf Tauris spielen und ich habe die Iphigenie gespielt. Als ich das bei einem Essen in Berlin erzählte, wurde mir gesagt: Das geht nicht, die Iphigenie ist blond und hat ein preußisches Profil. So waren die Zeiten. Genau deshalb wollte ich meine Herkunft zum Nebenschauplatz machen. Wollte einfach stark und gut sein, vielleicht sogar besser als die anderen. Ich war auf einer christlichen Privatschule, hab ein Einser-Abitur. Ich wollte alles richtig machen, um dazuzugehören. Und ich habe mir auch sehr viel gefallen lassen.

Und da dachte ich, dass ich doch einen wirklich geilen Beruf habe, weil ich diese Traurigkeit, diese Ohnmacht, diese Verzweiflung einbringen und sie mit anderen Menschen teilen kann.
Sarah Sandeh

Ihr erstes Festengagement war dann in Leipzig …

… bei Sebastian Hartmann. Ich bin in der Sommerpause nach Teheran gereist. Damals gab es im Iran Aufstände. Ich bin da hineingeraten, neben mir sind Menschen zusammengeschlagen worden. Danach hatte sich für mich alles verändert. Zurück in Leipzig konnte ich diesen Einbruch der Wirklichkeit nicht mit dem deutschen Theater zusammenbringen. Ich beendete mein Engagement und zog nach Berlin, in eine Wohnung mit Kohleofen. Ich habe sehr viel Sport gemacht. Und auch manchmal Drogen genommen.

Aber dann haben Sie doch einen Weg gefunden, Leben und Schauspielerei zusammenzubringen?

Ja, ich habe an verschiedenen tollen Projekten mitgewirkt, sowohl im Film als auch im Theater, wo diese Erfahrungen subtil eine Rolle spielten. Aber sie waren nie ausformuliert. Ich habe nach Stoffen gesucht, in denen ich das zwischen den Zeilen reinbringen kann. Vor allem klassische Texte. Wenn ich die Medea spiele, weiß ich, warum ich diese Sachen sage. Das sind Urthemen, die finden sich immer wieder. So habe ich auch bei Heiner Müller viel über den Iran erfahren. Die Dinge wiederholen sich, ob es nun die Antike ist oder die DDR. Und da dachte ich, dass ich doch einen wirklich geilen Beruf habe, weil ich diese Traurigkeit, diese Ohnmacht, diese Verzweiflung einbringen und sie mit anderen Menschen teilen kann. Das verlief wellenartig, also auch mal nicht so gut. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich bin jetzt einigermaßen etabliert. Das hat mir mehr Freiräume gegeben. Trotzdem hatte ich mich bis 2022 nie öffentlich zu meinem Herkunftsland geäußert.

Was hat sich 2022 geändert?

Da gab es diese „Zan, Zendegi, Āzādi“-Bewegung im Iran …

… die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste nach der Ermordung einer jungen Frau durch die Sittenpolizei …

… danach lag ich im Bett, fühlte mich ohnmächtig, habe gemerkt, der Sinn ist nicht mehr da. Es fällt mir schwer, zu proben, Drehbücher zu lesen, in Berlin zu sitzen. Das Gleiche wie damals in Leipzig: Ich habe es nicht mehr zusammengebracht. Da sind junge Menschen auf den Straßen und kämpfen für Grundrechte. Was bedeuten unsere Grundrechte, wenn sie nur hier gelten? Was bedeuten die Deals, die auch unsere Regierung mit der iranischen Regierung macht? Ich habe dann eine E-Mail geschrieben an verschiedene Theater. Und Sibylle Baschung vom Berliner Ensemble hat innerhalb von nicht mal einer Stunde geantwortet: Wir machen das. Ihr kriegt das große Haus, ihr kriegt unsere Ressourcen. Und dann habe ich etwas gemacht, was ich eigentlich gar nicht kann, habe zusammen mit Jasmin Tabatabai und Melika Foroutan die erste Solidaritätsveranstaltung über die Protestierenden im Iran gemacht. Wir haben sogar eine ARD-Übertragung bekommen. Ich dachte mir: Immerhin kann man diesen Widerspruch, in dem wir alle leben, ausstellen.

Die Kunst, das ist mir ganz wichtig, muss bei all dem trotzdem die Kunst bleiben. Das ist mein Weg. So gehe ich durch mein Leben, durch meine innere Unruhe. Ich will volle Pulle Kunst machen.
Sarah Sandeh

Trotzdem sehen Sie sich nicht zuerst als Aktivistin.

Die Kunst, das ist mir ganz wichtig, muss bei all dem trotzdem die Kunst bleiben. Das ist mein Weg. So gehe ich durch mein Leben, durch meine innere Unruhe. Ich will volle Pulle Kunst machen. Ich bin keine Iran-Expertin. Diese politischen Abende kommen gesondert hinzu.

Am Samstag feiern Sie mit der „Orestie“ von Aischylos Premiere. Sie spielen die Elektra. Bei Sophokles oder Euripides ist die mal rachsüchtig, mal berechnend. Welche Elektra sind Sie?

Ich bin verbannt worden von den eigenen Eltern. Ich finde, wir haben ein gutes Bild für diesen Zustand gefunden, für Verbannung und Zeugenschaft. Diesen Zustand, dass man dazugehören möchte, dass man alles mitkriegt, aber nicht eingreifen, nicht am Geschehen teilhaben kann. Das ist für mich eine sehr interessante Rolle.

Die australische Regisseurin Adena Jacobs liest das Drama feministisch, fragt: Was ist mit der Wut, die nach dem Mord an Iphigenie und Klytämnestra bleibt?

Adena stellt die Frauen des Dramas in den Vordergrund, und zwar verschiedene Generationen von Frauen. Zu den Schauspielern auf der Bühne kommen noch zehn Tänzerinnen. Die sind so 18, 19 Jahre alt, vielleicht ein bisschen älter. Das ist eine völlig andere Generation. Für mich war es unheimlich bereichernd, ihnen zuzuhören und zuzuschauen. Ich habe anders gesprochen, mich anders bewegt, wenn sie mit im Raum waren. Als ich 18 war, habe ich mir ein Tattoo stechen lassen, bin in Darmstadt runter in das Keller-Studio, wo laute Heavy-Metal-Musik lief, zu Mönch, das war so ein unheimlich breitschultriger Typ. Ich hatte mir in der Bibliothek das chinesische Schriftzeichen für „Wut“ ausgesucht. Und da lag ich nun im Keller und Mönch malte mir „Wut“ auf den Bauch. Ich habe das nicht bereut. Und in unserem Abend geht es jetzt darum, wie man diese Wut benutzen kann.

Wie denn?

In dem man seine Wut als Frau nicht unterdrückt. Es war für mich schon richtig, damals in Berlin diese Bahnen zu laufen. Vielleicht war es nicht so gut, Drogen zu nehmen. Oder vielleicht war auch das notwendig, als Wut gegen sich selbst. Aber vor allem hat die Wut an sich einen Nutzen, man muss sie nicht unbedingt verwandeln. Man kann gerade als junge Frau auch einfach mal realisieren, dass es etwas wie Wut gibt. Dass man aus guten Gründen wütend ist. Dann wird es vielleicht laut und auch unangenehm, ungewohnt, fremd. Aber es ist ein Anfang. Deswegen ist für mich diese junge Generation wichtig, bei der ich viel Potenzial spüre. Ich möchte sie nicht verschrecken, aber auch nicht verschonen. Damit sie eine Kraft bekommt. Sich immer nur trösten zu lassen, führt zur Depression. Die jungen Frauen wissen, wo der Hammer hängt. Sie sind selbstbewusst. Sie ziehen sich so an, wie ich früher angezogen war, aber sie haben eine Stimme, sie sagen: Nein! Sie sind wütend, weil sie die Zusammenhänge mitbekommen haben, von denen ich erzähle, und sie passen aufeinander auf. Das rührt mich sehr.

„Die Orestie“, in einer Fassung von Adena Jacobs, Alexander Kerlin und Aaron Orzech, feiert am 7. März Premiere im Schauspiel Köln. Weitere Termine: 10., 14., 15., 20. 3.; 16., 25. 4., 6. 5., Depot 1