Am Schauspiel Köln inszeniert Tim Etchells seinen antiautoritären Klassiker „That Night Follows Day“ mit 17 Kindern.
Schauspiel-PremiereSo klingen die Klagen und Lügen der Eltern, wenn Kinder sie im Chor sprechen

Kinderspiele statt elterliche Ermahnungen: „That Night Follows Day“ am Schauspiel Köln
Copyright: Anna Sorgalla
Erwachsen ist, wissen Freunde der „Sesamstraße“, wer Berts Standpunkt versteht. Ein schmerzhafter Lernprozess. Ein störrischer Rest von uns will schließlich für immer Ernie bleiben, der verspielte, verspulte, impulsive Teil der fernsehberühmten Klappmaulpuppen-WG. Wünscht sich zurück ins Paradies der Kindheit, wie es einst Jean-Jacques Rousseau ausgerufen hatte. Aber dann wird man selbst Eltern und entfesselt prompt den inneren Bert, diese pedantische Banane mit buschiger Monobraue.
Was sich die Ernies dabei so alles anhören müssen! Tim Etchells lässt in seinem Stück „That Night Follows Day“ – eigentlich eine Sprechoper – Kinder und Jugendliche zwischen acht und 14 Jahren antreten, die Erziehungsbemühungen, Ermahnungen, Ratschläge, Liebesbeweise und Ausraster der Erwachsenen spiegeln. Oder vielmehr kraftvoll zurückzuschmettern. Man denke an die Schüler, die in „Another Brick in the Wall“ „We don't need no education“ skandieren.
Etchells ist der künstlerische Leiter der Sheffielder Performancegruppe Forced Entertainment, deren sprachspielerische Stücke man schon in den 90er Jahren in der Kölner Studiobühne bewundern konnte. Am Schauspiel Köln konnte man von ihm in dieser Saison bereits „Die Rechnung“ sehen.
17 Trotzköpfe entpuppen sich als große Bühnenpersönlichkeiten
Die 17 Trotzköpfe, die sich am frühen Samstagabend im Depot 2 zur Chorus Line vor Turnhallen-Kulisse (Bühne: Richard Lowdon) aufgestellt haben, brauchen nicht einmal die grammatikalisch aufmüpfige doppelte Verneinung des Pink-Floyd-Songs, um das Machtgefälle zwischen Erziehenden und Erzogenen infrage zu stellen. Etchells lässt sie – zuerst im Chor, später auch in wechselnden Einzelstimmen – kommentarlos Aussagen wiederholen, in denen sich viele Erwachsene wiedererkennen werden: „Ihr sagt, wir sollen erwachsen werden“, klagt der Kinderchor, „ihr sagt, wir sollen nicht so bescheuert, schusselig, gedankenlos, leichtfertig, egoistisch, vergesslich, negativ und nervig sein.“
Ihr, das sind wir. Die Klischee-Berts im Publikum. Es ist nicht leicht, sich selbst zu hören. Doch es geht den jungen Darstellenden gar nicht um Beschimpfung: „Ihr füttert uns. Ihr zieht uns an. Ihr wascht uns. Ihr wählt aus, was wir anziehen sollen. Ihr lest uns vor“, hatten sie zu Anfang angehoben. Die Alternative zur fürsorglichen Belagerung der Erziehungsberechtigten ist bestimmt noch viel schlimmer. Rousseau gab seine fünf Kinder bekanntlich ins Waisenhaus.
Trotzdem: Es ist schon einiges, was man sich als behüteter Heranwachsender so anhören muss. Sag „bitte“, mach den Bildschirm aus, putz die Zähne, „aber diesmal richtig“. Hände aus den Taschen, Daumen aus dem Mund, Finger aus der Nase. Puh. Als müsste man sich zum Großwerden auf die Streckbank legen und einer Sprachfolter unterziehen.
Dazu all das aufgedrückte Weltwissen, die als ewige Werte verkauften Vorurteile der Altvorderen. Das alles bekommen wir in „That Night Follows Day“ als Echo zu hören. Mal arglos wiederholt, mal empört oder sarkastisch. Aber immer mit großer Lust an der Konfrontation. Hier liegt sicherlich der größte Reiz von Etchells Spielvorlage: Sie fordert von den Ausführenden höchste Disziplin – chorisches Sprechen in dieser Perfektion ist alles andere als einfach – und verspricht gerade darin die Befreiung von der elterlichen Vormundschaft.
Es versteht sich von selbst, dass man minderjährige Laiendarsteller nicht nach denselben Kriterien wie professionelle Schauspieler bewertet. Aber hier können wir die Samthandschuhe ausziehen: Vor uns stehen 17 selbstbewusste, einnehmende, völlig überzeugende Bühnenpersönlichkeiten. Man muss ihnen nichts mehr sagen oder erklären oder verbieten. Man möchte ihnen einfach nur zuhören.
Seine Uraufführung hatte Etchells Stück bereits 2007 in Gent erlebt. Einige der Kinder, die sich damals wortmächtig beschwerten, könnten heute bereits Eltern sein. Von Ernie zu Bert. „That Night Follows Day“ hebt – zumindest für superunterhaltsame 70 Minuten – die Hierarchien auf, verspricht eine Welt, in der wir alle Bernies sind.

