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Theaterskandal in BochumPublikum greift Schauspieler an – zu Recht?

5 min

Carla Richardsen bedroht Ole Lagerpusch (v. li.) in „Catarina oder von der Schönheit Faschisten zu töten“ im Schauspielhaus Bochum

Bei der Premiere von „Catarina oder von der Schönheit Faschisten zu töten“ kam es zu Ausschreitungen. Warum das eine gute Nachricht ist.

Am vergangenen Samstag ist es im Bochumer Schauspielhaus zu einem Theaterskandal gekommen. Früher, als sich die kläglichen Reste bürgerlicher Empörungskultur noch nicht in die Oper zurückgezogen hatten, waren solche Schlagzeilen Alltag. Heute kann man sich höchstens noch darüber aufregen, dass sich niemand mehr aufregt, dass man eine Aufführung bestenfalls genießt, schlimmstenfalls erträgt, vor allem jedoch: abnickt.

Was also war da bloß in Bochum los? Premiere feierte „Catarina oder von der Schönheit Faschisten zu töten“. Das Stück des portugiesischen Dramatikers und Regisseurs Tiago Rodrigues – seit ein paar Jahren leitet er das Festival von Avignon – erzählt von einer Familie, die seit mehr als 70 Jahren eine ungewöhnliche Tradition pflegt: Immer zum Jahrestag der Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia am 19. Mai 1954 durch Schergen der Salazar-Diktatur wird im Rahmen einer fröhlichen Familienfeier im Landhaus der Urgroßmutter ein Faschist erschossen.

Doch diesmal kommt es im Verlauf des Festes zum Streit, die jüngere Generation stellt das linke Femegericht infrage: Kann Gewalt jemals ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie sein? Ist Töten nicht ein Verrat an der Macht der Worte?

Kann Gewalt jemals ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie sein?

An das Ende seines Textes hat Rodrigues eine Provokation gestellt, er lässt den Verurteilten zu Wort kommen, ausführlich. Es ist das Jahr 2028, in Portugal haben die Rechtsradikalen die Wahl gewonnen. Der entführte Faschist hat die Familienfeier überlebt, jetzt hält er seine Antrittsrede als Regierungschef.

In Bochum ist es der Schauspieler Ole Lagerpusch, der hier, nachdem er anderthalb Stunden gefesselt geschwiegen hatte, in einschmeichelnder Diktion zuerst die Freiheit beschwört, dann das „gesunde Volksempfinden“, dann die nationale Mehrheit, die sich nicht von Minderheiten tyrannisieren lassen dürfe, dann, nun völlig entfesselt, die Eliminierung dieser Minderheiten. Eine knappe Viertelstunde dauert dieser Monolog eines Faschisten. Das Publikum hält es nicht aus, pfeift, ruft „Buh“, brüllt „Aufhören!“ und „Halt die Fresse!“, versucht das Unerträgliche mit Sprechchören zu übertönen. Eine Frau wirft eine Orange auf Lagerpusch, zwei Männer erklimmen die Bühne, durchbrechen die unsichtbare vierte Wand, greifen den vermeintlichen Faschisten an, versuchen ihn von der Rampe in die Kulissen zu zerren.

Der Schauspieler Felix Knoop eilt dem Kollegen zu Hilfe, die beiden Theaterstürmer werden zu ihren Plätzen zurückgeleitet, die Dramaturgin Angela Obst weist die Aufgebrachten darauf hin, dass es sich hier um eine Theateraufführung handelt. Und Ole Lagerpusch? Der hält tapfer durch, bis zum Schlusssatz: „Die Zukunft gehört uns.“

Ole Lagerpusch als rechtsextremer Politiker

Der Tumult wirft zahlreiche Fragen auf: Darf man eine solche Hassrede unkommentiert im Raum stehen lassen? Oder zeugt ein solches Eingreifen von der Naivität eines Wild-West-Publikums, das auf den Darsteller des Bösewichts schießt? Vielleicht ist es ja auch Tiago Rodrigues, der es sich hier zu einfach macht, indem er triggert, statt zu hinterfragen?

„Catarina“ wurde bereits 2020 uraufgeführt, die Rede des Faschisten ruft regelmäßig starke Reaktionen hervor, egal wo gespielt wird. So ist sie geschrieben, so ist es miteinkalkuliert. Allerdings erlebte das Stück auf der von Mateja Koležnik inszenierten Bochumer Premiere wohl den ersten Bühnensturm seiner Aufführungsgeschichte.

Dass Handgreiflichkeiten gegen Spielende zu verurteilen sind, versteht sich von selbst. Aber ob man wirklich, wie der Rezensent der „Nachtkritik“, behaupten kann, das Bochumer Publikum sei schlicht „doof“? Oder die Zwischenrufer, wie sein Kollege in der „Rheinischen Post“, gegen die „Mehrheit der Vernünftigen“ ausspielen sollte?

Ist das Bochumer Publikum etwa schlicht doof?

Letztlich spielen beide eine Rolle, mit der sie nicht zufrieden sein können: Die Couragierten müssen sich den Vorwurf des Gratismuts gefallen lassen, die Abgeklärten den der Mehrheit, die so lange schweigt, bis es zu spät ist. Mit anderen Worten: Das Stück trägt sein Thema von der Bühne ins Parkett.

Am Wochenende fand auch Milo Raus dreitägiger „Prozess gegen Deutschland“ statt, im Hamburger Thalia-Theater, eine auf der Bühne nachgestellte Gerichtsverhandlung, in der unter anderem über Für und Wider eines AfD-Verbots diskutiert wurde. Der Theatermacher aus Köln hatte dazu Menschen aus Politik und Kultur, aus dem Journalismus und der Wissenschaft eingeladen, das gesamte politische Spektrum war vertreten. Gesprochen wurde zwar im Möglichkeitsraum der Inszenierung, aber ohne Textvorlage und ohne Rollen. Die Gäste trugen ihre eigenen Anliegen als sie selbst vor, gegenüber einem aus angloamerikanischen Gerichtsfilmen entlehnten Geschworenengericht. Die Verhandlung wurde live im Internet übertragen.

Die größte Reichweite erreichte der überlange, mit raunendem Pathos vorgetragene Redebeitrag des „Bild“-Kolumnisten Harald Martenstein. Der zog haarsträubende Vergleiche zwischen Maos Kulturrevolution und der deutschen Gegenwart, unterstellte Befürwortern des AfD‑Verbots, „rechts“ und „rechtsextrem“ deckungsgleich zu behandeln und am liebsten auch die CDU verbieten zu wollen. Deshalb, schlussfolgerte Martenstein messerscharf, seien die AfD-Gegner die wahren Feinde der Demokratie.

Im Theatersaal erntete er damit zwar verhaltene „Buhs“, mit Obst warf jedoch niemand. „Bild“ veröffentlichte die Rede auf Youtube, ohne theatralen Kontext. Hat Regisseur Milo Rau am Ende der AfD mit seinem „Prozess“ unabsichtlich einen Gefallen getan? Oder muss man das in einem freien Land mit freier Kunst aushalten?

Da wären wir schon wieder bei den Bochumer Fragestellungen. Der Tumult war höchst erhellend. Weil er Diskussionen nach sich zieht, die dringend geführt werden müssen. Der wahre Skandal ist, dass so etwas nicht viel häufiger im Theater geschieht.