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Schauspiel KölnWas, wenn der ganze Rhein ein Tatort ist?

4 min

Paula Carbonell Spörk in „Dat Wasser vun Kölle es jot“ im Schauspiel Köln

In „Dat Wasser vun Kölle es jot“ verpackt Calle Fuhr eine Correctiv-Recherche zu Schadstoffen im Rhein in eine Krimi-Handlung. Unsere Kritik.

„Der Rhein ist unschuldig“, schließt der Pathologe. Die Tote, die der Schatzsucher Harri (Uwe Rohbeck spielt Pathologen wie Angler) in der Nähe der Hohenzollernbrücke aus dem Fluss gefischt hat, sei nicht ertrunken. Luise Ruhrer, streitbare Umweltaktivistin, starb an Nierenversagen in Folge eines unbekannten Gifts. Es war Mord, eindeutig.

Die junge, aufstrebende Kriminalerin Clara (Rebekka Biener) hat endlich den Fall gefunden, der sie entweder zur Hauptkommissarin machen oder – wie ihr erfahrener Kollege Hans (Andreas Beck) mahnt – ihre Karriere jäh beenden könnte. Denn wie sich bald herausstellt, sind hier mächtige Player im Spiel.

„Dat Wasser vun Kölle es jot“ ist bereits die sechste Arbeit der neu gegründeten „Theater und Journalismus“-Sparte am Schauspiel Köln. Nach Stand-up-Abenden, Prozess-Reenactments und einem Musiktheaterstück mit Impulsvorträgen im Kolumba wählt Investigativ-Experte Calle Fuhr – als Autor und Regisseur – diesmal die Form des Fernsehkrimis, um Erkenntnisse aus einer Correctiv-Recherche zu gesundheitsgefährdenden Schadstoffen im Rhein möglichst unterhaltsam ans Publikum zu bringen.

Man hat das Gefühl, schon vor dem sonntäglichen „Tatort“ zu sitzen

Weshalb einem während der samstäglichen Uraufführung im Depot 2 manchmal das Gefühl beschlich, schon am nächsten Abend vor dem Fernseher zu sitzen. Ein gesellschaftlicher Missstand, um den ein Fall konstruiert wird – das beschreibt doch auch die meisten „Tatort“-Folgen.

Vor gut zwei Jahren hatte die Regisseurin Nele Stuhler übrigens am selben Ort in „Soko Tatort“ die TV-Mordlust und Obrigkeitshörigkeit der Deutschen untersucht, freilich ohne Ergebnisse, die vor einem Gericht standgehalten hätten. Calle Fuhr macht sich nun gar nicht erst die Mühe, Krimi-Klischees zu dekonstruieren, vielmehr zitiert er sie mit ungebrochener Freude an der Form.

Der Kreis der ermittelnden und ermittelten Personen sitzt auf Treppen aus Pressspanplatten, die Bühnenbildnerin Marleen Johow den Stufen des Deutzer Rheinboulevards nachempfunden hat. Der große Strom zu ihren Füßen besteht allerdings nur aus einem flachen, schmalen Rechteck, eine Unterwasserkamera filmt das Ensemble aus der Fischperspektive.

Katharina Schmalenberg als mythisch dampfende Loreley

Das hangelt sich von einer Befragung zur nächsten: Leonhard Hugger gibt einen Incel-Hacker mit stalkerischen Absichten, Paula Carbonell Spörk eine neidische Mitaktivistin, Katharina Schmalenberg die eiskalte Vorstandsvorsitzende von BASF, Carol Tallé. Sie alle machen erstaunlich viel aus ihren Abziehbildrollen – vor allem Schmalenbergs Machtfrau ist herrlich böswillig und messerscharf in ihren Drohungen. Und wirken dennoch heillos unterfordert. Denn die Dialoge sollen ja zuerst einmal die Recherche-Ergebnisse transportieren: Im angeblich so saubereren Rhein schwimmen nach der Analyse der von Correctiv selbst entnommenen Wasserproben tausende unbekannter Chemikalien aus Haushalts- und Industrieabwässern. Niemand könne genau sagen, wie gesundheitsschädlich diese Stoffe sind. Und weil die EU das sogenannte Verursacherprinzip verabschiedet hat, müssen nicht länger die Umweltämter, sondern die Verursacher selbst nachweisen, dass sie nichts Gefährliches in den Rhein einleiten.

Eine Pflicht, der die großen Chemiekonzerne wohl nur sehr zögerlich nachkommen. Keinesfalls leite ihr Unternehmen systematisch Gift in den Rhein, sagt Carol Tallé im Stück, es handele sich um „eine Verkettung von Zufällen und individuellem menschlichen Versagen“.

Der Fall wird aufgeklärt, aber die Recherche bleibt offen

Selbstverständlich findet sich am Ende des Abends eine/r Schuldige/r, stellt das Kommissarsduo die Ordnung der Dinge wieder her, wie sich das fürs deutsche Krimiwesen gehört. Die Recherche aber weist ins Offene: Wie schlecht oder „jot“ das Wasser von Köln, von Ludwigshafen, Düsseldorf oder in den Niederlanden wirklich ist, lässt sich nicht abschließend feststellen. Nur, dass die umsatzstärksten Chemiekonzerne und größten Wassernutzer ihre Rechenschaft schuldig bleiben.

Folglich fischt der Abend im Trüben. Und nicht das Krimigerüst, sondern das exzellente und vor allem sangeskräftige Ensemble trägt ihn. Allen voran Paula Carbonell Spörk, deren Stimme man gerne die ganze Zeit über zuhören würde. Die Rhein-Lieder, die Tommy Finke für die Inszenierung ausgesucht, zum Teil selbst komponiert, zumindest aber gründlich umarrangiert hat, sind nicht die ranschmeißerischen Karnevalsschlager, die man erwartet, ja befürchtet hatte. Sie verleihen dem Abend zumindest für einige Minuten Tiefe und Gefühl.

Und die emotionale Komponente, die Katharina Schmalenberg als BASF-Chefin noch als linksgrünes Defizit diskreditiert hat, bringt sie am Ende selbst ins Spiel, wenn sie als rheinkundige Lore(-ley) mythisch dampfend Rebekka Bieners verzweifelnder Kommissarin den entscheidenden Hinweis liefert.

Dem Publikum bleiben ein QR-Code, der zum Correctiv-Artikel führt, und die Erkenntnis, dass Calle Fuhrs entertainende Aufklärung (im Gegensatz zu seinen furiosen Solo-Abenden) hier arg verwässert und wenig mitreißend geraten ist.