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„Wuthering Heights“Unsinn und Sinnlichkeit

5 min
Margot Robbie und Jacob Elordi in einer Szene aus dem neuen Film von Warner Bros – Wuthering Heights 2026. Handlung: Eine leidenschaftliche und turbulente Liebesgeschichte vor der Kulisse der Moore von Yorkshire, die die intensive und zerstörerische Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine Earnshaw beleuchtet.

Margot Robbie und Jacob Elordi in einer Szene aus „Wuthering Heights“. 

Regisseurin Emerald Fennel treibt die Lüsternheit in ihrer „Wuthering Heights“-Verfilmung mit Margot Robbie und Jacob Elordi auf absurde Höhen – gut so.

„Ich wünschte, ich wäre wieder ein Mädchen“, lässt Emily Brontë ihre Romanheldin Catherine Earnshaw in „Wuthering Heights“ aufseufzen: „Halb wild und kühn, und frei.“ Halb wild war die eigensinnigste der Brontë-Schwestern selbst, einer missgünstigen Mitschülerin zufolge „groß gewachsen, ungeschickt und schlecht gekleidet“. Ihre ältere Schwester Charlotte nannte sie einen „Baby-Gott“. Denn Emily war so schüchtern wie herrschsüchtig, letzteres jedoch wohl ausschließlich in der familiären Sicherheit des väterlichen Hauses im Dorfe Haworth in West Yorkshire.

Dort erträumten sich die Brontë-Schwestern die weite Welt aus Buchstaben, und keine träumte kühner und von Konventionen befreiter als die jungfräuliche Emily, die schon mit 30 Jahren starb, kaum alt genug, um sich zu ihrer halbwilden Mädchenzeit zurückzusehnen.

„Wuthering Heights“, zu Deutsch „Sturmhöhe“, der Roman, den sie 1847, 13 Monate vor ihrem Tod, unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell veröffentlichte, sollte zwar ihr einziger bleiben, aber er genügte, um ihren Nachruhm auf Jahrhunderte hin zu sichern, was auch die zahlreichen Adaptionen des Stoffes belegen.

Als Teenager hält man Heathcliff noch für einen romantischen Helden

Vor Emerald Fennells Neuverfilmung mit Margot Robbie und Jacob Elordi, die am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, waren das etwa William Wylers immer noch ansehenswerte Version mit Laurence Olivier und Merle Oberon von 1939 oder Andrea Arnolds raue, naturalistische Adaption von 2011 – der erste Film übrigens, in dem die Rolle des Heathcliff mit einem schwarzen Schauspieler besetzt wurde. Im Roman bleibt die genaue Ethnizität des Antihelden unklar, andere Charaktere im Buch bezeichnen ihn unter anderem als Roma, Inder, Spanier oder Chinesen. Sicher ist nur seine grundsätzliche Andersartigkeit.

Bis heute markiert die zerstörerische Liebesgeschichte zwischen dem Findelkind Heathcliff und seiner Kindheitsfreundin Catherine Earnshaw vor allem für Leserinnen einen Übergangsritus zwischen Jugend- und Erwachsenenzeit. Und bleibt dabei auch in späteren Jahren viel ergiebiger als viele andere klassische Teenagerlektüren von Hermann Hesse bis „Der Fänger im Roggen“. Liest man „Wuthering Heights“ im Alter von 18 Jahren, sagt die amerikanische Autorin Alice Hoffman, „hält man Heathcliff für einen romantischen Helden“, man denke an Kate Bushs ersten Hit. „Mit 30“, fährt Hoffman fort, „ist er ein Monster; mit 50 sieht man, dass er einfach nur menschlich ist.“

Emerald Fennell hat nun einen Film für Menschen gedreht, die ausgerechnet das Monster Heathcliff romantisch finden, ohne Kate Bush, dafür mit Songs der ungleich forscheren Charli XCX. Heathcliffs große Liebe Cathy ist ja auch kaum weniger toxisch. Und toxische Liebe – das bestätigen die großen Auflagenerfolge von der „50 Shades“-Serie bis zu den Romantasy-Schmökern, die auf BookTok gehypt werden – ist extrasexy.

Aber ist das überhaupt noch Liebe? Peter Bradshaw, der Filmkritiker des „Guardian“, vermag in Fennells „Wuthering Heights“-Version nur „eine luxuriöse Pose der unernsten Hingabe“ zu entdecken: „Es ist quasi-erotisch, pseudo-romantisch und dann ersatz-traurig, eine Clubnacht voller vorgetäuschter Emotionen.“

Genauso ist es. Aber genau so ist der Film wohl auch gemeint, als sicherer Erkundungsraum für als gefährlich erlebte Gefühle, Begierde und Erregungszustände, halb wild, kühn und frei. Als Simulation einer alles verzehrenden Leidenschaft, die sich nicht nur aus der sicheren Distanz des Kinositzes erleben lässt, sondern das Wissen um die eigene Absurdität und Konsequenzlosigkeit auch mit ihrem in sexuellen Dingen noch wenig erfahrenen Publikum teilt. Warum sonst sollte der Film seinen Titel in Anführungsstriche setzen?

Es sind FSK-12-Bilder, die FSK-18-Inhalte für 16-Jährige suggerieren

Emerald Fennel hat sich mit ihren bisherigen Produktionen den Ruf eines weiblichen „Edgelord“ erarbeitet, einer Provokateurin um der Provokation willen. In ihrem Kinodebüt „Promising Young Woman“ spielt Carey Mulligan eine junge Frau, die sich nur scheinbar betrunken vor Clubs von Männern abschleppen lässt, um diese dann mit ihrem übergriffigen Verhalten zu konfrontieren. So weit, so feministisch. Aber es ist Mulligans schockierendes Selbstopfer am Ende des Films, das noch lange nachhallt.

Lange könnte man auch darüber diskutieren, ob Barry Keoghans junger Intrigant in Fennels zweitem Film „Saltburn“ einen proletarischen Racheengel verkörpert, oder die Ängste des Alten Geldes vor dem Neid der Mittelschicht – eindrücklich bleiben vor allem die drastischen Bilder, in denen die Regisseurin die Erotik das Klassenkampf eingefangen hat, das aufgeschlürfte Badewasser, in das der ebenfalls von Elordi gespielte Adelsspross zuvor ejakuliert hat, Keoghans nackter Tanz durchs hochherrschaftliche Anwesen.

„Wuthering Heights“ beginnt ähnlich krass, mit einer öffentlichen Hinrichtung, bei der sich die deutlich unter der Hose abzeichnende Erektion des Gehängten die Zuschauermasse begeistert, darunter auch eine verzückte Nonne. Doch die fröhliche Perversität von „Saltburn“ erreicht der darauffolgende Film nie, dazu schielt er zu sehr auf ein möglichst breites Publikum. Er ist das zeitgenössische Äquivalent von King Vidors „Duell in der Sonne“ (1946): halbwilder Sadismus, fotografiert mit obszönem Glamour, hier vom schwedischen Kameramann Linus Sandgren („La La Land“, „Keine Zeit zu sterben“).

Es sind FSK-12-Bilder, die kunstfertig geschnitten FSK-18-Inhalte für 16-Jährige suggerieren. Kaum, dass Cathys Sexualität erwacht ist, kriecht eine Nacktschnecke mit der fiebrigen Sinnlichkeit eines schwitzenden Softporno-Körpers am Fenster entlang. Dieses Zuviel an Sex – das Pferdegeschirr, in das der Knecht im Sadomaso-Spiel die Magd einspannt – macht den wahren Reiz der Neuverfilmung aus. Die Lüsternheit überhöht hier alles: das „Alice im Wunderland“-ähnliche Anwesen der bessergestellten Lintons; die Flaschen, die sich im Zimmer des trunksüchtigen Vaters von Cathy stapeln (im Roman trinkt sich der Bruder zu Tode, wie im richtigen Leben der Brontës).

So stülpt Fennel den Subtext des Romans zum Text um. Bleibt an der Oberfläche, weil man da am meisten spürt. Und während sie mit der Handlung der Romanvorlage recht frei umspringt, bleiben die meisten Dialoge O-Ton Emily Brontë. Der wilden Schwester, möchten wir wetten, hätte dieser Film gefallen.

„Wuthering Heights“ läuft ab Donnerstag in den deutschen Kinos