Julia Melchior schreibt zur ZDF-Doku „Die Queen und ich“ zum 100. Geburtstag von Elizabeth II. am 21.04. Ein Muss für Royal-Fans.
100. Geburtstag von Elizabeth II.Kölner Royal-Expertin blickt auf die Ära der Queen zurück

Die britische Königin Elizabeth II. im Jahr 2021. (Archivbild)
Copyright: Steve Parsons/PA Wire/dpa
Ihren 100. Geburtstag würde die Queen erleben. Davon war ich immer ausgegangen. Königin Elizabeth II. schien unsterblich. Was sie alles mitgemacht und überstanden hatte! Die prägenden Kriegsjahre, das Ende des Empire, den Nordirland-Konflikt. Mindestens ein Attentat, zahlreiche Familienkrisen und Staatsaffären. Premierminister kamen und gingen. Republikanische Wellen brandeten auf und verloren sich. Sie aber blieb immer da: die Queen, unfassbare 70 Jahre auf dem britischen Thron.
Auf ihren Tod war ich trotzdem vorbereitet. Sobald die Todesnachricht „über den Ticker gehen“ würde, müsste ich dem ZDF von jetzt auf gleich zehn Tage lang zur Verfügung stehen, um das Ereignis einzuordnen und die Trauerfeierlichkeiten live aus London zu begleiten.
Ich hatte mir schon Jahre zuvor ein Dossier zusammengestellt mit Ablaufplänen und Registern zu Personen, Uniformen, Kutschen und anderem Detailwissen, das ich immer bei mir führte. Dennoch blieb mir am frühen Nachmittag des 8. September 2022 fast das Herz stehen. Das ZDF rief an: Ich solle mich bereitmachen, die Queen liege im Sterben.

Die Journalistin und Königshaus-Expertin Julia Melchior. (Archivbild)
Copyright: picture alliance/dpa
Sie würde mir fehlen, spürte ich. Als geliebte Protagonistin meiner Filme, als Kultfigur und Respektsperson, als Begleiterin meines Lebens. Ein anderes Staatsoberhaupt im Vereinigten Königreich kannte ich nicht. Selbst die Generation meiner Eltern konnte sich nur an Elizabeth II. erinnern. Ich habe die Queen nie persönlich kennengelernt. Sie gab konsequent keine Interviews. Und obwohl sie akribisch die Tagespresse studierte und gerne fernsah, waren Medienvertreter für sie eher ein notwendiges Übel. Ich saß nur bei der Verwandtschaft, den Kents und den Mountbattens, im Wohnzimmer, sprach mit Wegbegleitern und Vertrauten.
Die Welt hatte sich ein Stück auf der Achse verschoben.
Bei vielen hat ihr Tod eine Lücke gerissen. „Sie war immer da gewesen. Und plötzlich nicht mehr.“ Mit diesen Worten sprach mir der frühere Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, kürzlich in einem Interview für meinen neuen Queen-Film aus dem Herzen. „Die Welt hatte sich ein Stück auf der Achse verschoben“, so Welby, der die Queen in seiner damaligen Funktion beerdigt hat.
Der Abschied war ein Jahrhundertereignis. „London Bridge is down“, so lautete der Geheimcode, mit dem der Buckingham-Palast die Nachricht vom Tod der Queen an Premierministerin Liz Truss in der Downing Street Nr. 10 meldete. Danach griff ein Masterplan, der seinesgleichen sucht.
Über Jahrzehnte hatte der Palast zusammen mit den britischen Streitkräften und Regierungsvertretern daran gearbeitet, die zehn Tage ab dem „D-Day“, dem Day of Death, wie der Todestag intern hieß, bis zu ihrer Beisetzung minutiös zu planen. Dieser Ablauf lag auch uns seit Jahren vor. Streng vertraulich natürlich. Die Präzision der Planung war beeindruckend. Und schier unglaublich erschien es mir, dass die Vorgaben dann auf die Minute genau eingehalten wurden.
So ein Aufgebot wird es wohl nie mehr geben.
Die Atmosphäre jener Tage im September 2022 im trauerfestlich geschmückten London werde ich nie vergessen. Es war nicht bedrückend. Die Menschen waren nicht verzweifelt wie nach dem tragischen Unfalltod von Prinzessin Diana. Die Queen war immerhin 96 Jahre alt geworden und friedlich eingeschlafen. Ein Vakuum hinterließ sie auch nicht. Vielmehr herrschte eine versöhnliche Stimmung aus Dankbarkeit und Einklang.
Ob Herrenschneider, Buchhandlung oder Kiosk – in jedem Schaufenster stand ein Bild der Queen mit Trauerflor. Ein Meer aus Blumen säumte den Buckingham-Palast. Zehntausende kamen, um persönlich Abschied zu nehmen, sich bis zu 24 Stunden einzureihen in die kilometerlange Schlange zum Palace of Westminster, wo ihr Sarg aufgebahrt war. Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt flogen ein, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. So ein Aufgebot wird es wohl nie wieder geben.
Das liegt gewiss an der beachtlichen Dauer ihrer Herrschaft, aber vor allem an ihrer Person. Die Queen genoss schon zu Lebzeiten Kultstatus. Auch sie war nicht frei von Fehlern. Sie wäre sogar „die Letzte, die von sich selbst behaupten würde, keine Fehler zu haben“, sagte mir Erzbischof Welby. Aber sie war ein Beispiel von Disziplin, Pflichtbewusstsein und Würde. Unerschütterlich. Eine Festung der Kontinuität in einer Welt, die sich fortwährend veränderte. Ein Fixstern für viele. Man muss kein Anhänger der Monarchie sein. Man darf, gerade auch im Zuge der Enthüllungen um ihren Sohn Andrew, kritische Fragen stellen. Aber ob Royalist oder Republikaner, ob Fan oder Kritiker: Man muss der verstorbenen Königin Elizabeth II. einfach Respekt zollen.
Am 21. April wäre sie 100 Jahre alt geworden. Ein guter Moment in diesen Zeiten, sich an diese Frau zu erinnern und an das, wofür sie stand.
Doku „Die Queen und ich“
Zum 100. Geburtstag von Königin Elizabeth II. zeigt das ZDF Julia Melchiors 45-minütige Doku „ZDFroyal: Die Queen und ich“, Dienstag, 21. April, 20.15 Uhr.


