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Das waren die größten Berlinale-Skandale

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Die Filmwelt blickt einmal mehr nach Berlin, wenn am 13. Februar die 75. Ausgabe der Berlinale startet. Man darf mit großer Filmkunst rechnen - und vielleicht auch wieder mit dem einen oder anderen Aufreger?  (Bild: Clemens Bilan/Getty Images)

Die Filmwelt blickt einmal mehr nach Berlin, wenn am 13. Februar die 75. Ausgabe der Berlinale startet. Man darf mit großer Filmkunst rechnen - und vielleicht auch wieder mit dem einen oder anderen Aufreger? (Bild: Clemens Bilan/Getty Images)

Am 12. Februar startete die 76. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin - eine Veranstaltung, bei der in den letzten Jahrzehnten viele Stars und Filme für Aufsehen sorgten. Ob Provokationen, Pöbeleien oder Pannen: ein Blick auf die größten Berlinale-Skandale.

Am 12. Februar startet die 76. Ausgabe der Berlinale, die Filmwelt blickt einmal mehr nach Berlin. In der Vergangenheit war das Filmfestival oftmals auch ein Ort für handfeste Skandale. Ein Blick zurück zeigt: Was damals ein Aufreger war, wäre heute nicht einmal mehr die Erwähnung wert - oder doch?

Skandale? Eher Skandälchen

1970 lief „o.k.“ von Michael Verhoeven (im Bild mit Ehefrau Senta Berger) im Wettbewerb. Der Film sorgte für heftige Reaktionen, das Festival wurde letztlich abgebrochen. (Bild: Keystone Features/Hulton Archive/Getty Images)

1970 lief „o.k.“ von Michael Verhoeven (im Bild mit Ehefrau Senta Berger) im Wettbewerb. Der Film sorgte für heftige Reaktionen, das Festival wurde letztlich abgebrochen. (Bild: Keystone Features/Hulton Archive/Getty Images)

Bereits im zweiten Jahr hatten die Internationalen Filmfestspiele von Berlin ihren ersten Aufreger: Filmemacher Orson Welles stand aufgrund teurer Herzensprojekte kurz vor der Pleite. In Europa war der „Citizen Kane“-Regisseur (1941) dennoch ein gern gesehener Gast. 1952 hatte er „Othello“, seinen damals neuesten Streich, fertiggestellt - und die Berlinale wollte sich mit dem Filmgenie schmücken. Doch die Ausschussmitglieder waren sich uneins. Denn: Welles äußerte sich zuvor schlecht über Nachkriegsdeutschland, es folgte die Ausladung. Als man den damals 36-Jährigen dann kurz vor Festspielbeginn doch haben wollte, zeigte er Berlin die kalte Schulter.

Mehr als nur die (kalte) Schulter zeigte hingegen Jayne Mansfied: Sie beeindruckte bei der Berlinale 1961 mit ihrem Dekolleté. Ein kalkulierter Skandal, galt sie seinerzeit doch ohnehin als freizügige Ikone. Als ihr bei einer Berlinale-Party auch noch das Kleid vor einer Schar anwesender Fotografen platzte, rief die Presse - teils pikiert, teils belustigt - die „Busen-Berlinale“ aus.

Historischer Moment: Dieser Film führte zum Abbruch der Berlinale

In Reinhard Hauffs Film RAF-Film „Stammheim“ sahen viele Beobachter linke Propaganda, es kam sogar zu Morddrohungen gegen Jurymitglieder.  (Bild: ZDF / Kinowelt / Frank Brühne)

In Reinhard Hauffs Film RAF-Film „Stammheim“ sahen viele Beobachter linke Propaganda, es kam sogar zu Morddrohungen gegen Jurymitglieder. (Bild: ZDF / Kinowelt / Frank Brühne)

1964 sorgte eine schwedische Produktion auf der Berlinale für Aufsehen: „491“ sollte im Wettbewerb antreten, ein Drama um schwererziehbare Jugendliche. Sex-Szenen wurden darin sehr drastisch dargestellt, und dass aus Opfern oft Täter werden, nicht verschwiegen. Festivaldirektor Alfred Bauer zog den Film aus Angst vor Kritik zurück.

Ein anderer Film, in dem sexualisierte Gewalt zu sehen war, durfte hingegen gezeigt werden: 1970 lief „o.k.“ von Michael Verhoeven im Wettbewerb. Darin stellen vier Schauspieler Bairisch sprechend, doch als amerikanische Soldaten verkleidet, die Vergewaltigung eines vietnamesischen Mädchens während des dortigen Krieges dar. Das Mädchen wurde damals gespielt von Eva Mattes, die heute vor allem als „Tatort“-Kommissarin bekannt ist. Nach der ersten Aufführung protestierten Jurymitglieder, das Premieren-Kino Zoo-Palast wurde besetzt gehalten. Einige Filmemacher zogen ihre Beiträge zurück, sodass das Berlinale-Komitee sich gezwungen sah, die Filmfestspiele abzubrechen - das erste und einzige Mal in seiner langen Geschichte.

„Eine Beleidigung des vietnamesischen Volkes“?

Der damalige Teenie-Schwarm Leonardo DiCaprio sorgte 2000 für einen Teenie-Aufstand bei der Berlinale. (Bild: Brenda Chase / Getty Images)

Der damalige Teenie-Schwarm Leonardo DiCaprio sorgte 2000 für einen Teenie-Aufstand bei der Berlinale. (Bild: Brenda Chase / Getty Images)

Die Darstellung von Sex blieb ein Reizthema bei der Berlinale: 1976 konfiszierte die Staatsanwaltschaft den japanischen Beitrag „Im Reich der Sinne“. Der Vorwurf: Pornografie. Das Festival besaß aber eine zweite Kopie des expliziten Films von Regisseur Nagisa Oshima - unter anderem ist eine menschliche Kastration zu sehen. Gezeigt wurde der Streifen dann halb öffentlich. Erst zwei Jahre später gab der Bundesgerichtshof „Im Reich der Sinne“ frei.

1979 sorgte ein Film über den Vietnamkrieg beinahe zum Abbruch des Festivals. Denn die immer größere Ostblock-Delegation zog sowohl Filme als auch Jurymitglieder ab, da im selben Jahr „Die durch die Hölle gehen“ außer Konkurrenz gezeigt wurde. Der Film mit Christopher Walken und Robert De Niro in den Hauptrollen beleidige das Volk Vietnams, hieß es von sowjetischer Seite. Auch die auf sieben Köpfe geschrumpfte Jury um Julie Christie diskutierte heiß über den Film. Dort war man mit der einseitigen Darstellung im später fünffach oscarprämierten Kriegsfilm ebenfalls nicht einverstanden. Erklärungen um Erklärungen wurden veröffentlicht - die Filmfestspiele gingen aber weiter.

Alles nur (Springer-)Propaganda

2004 machte Sibel Kekilli Schlagzeilen: Die Hauptdarstellerin von Fatih Akins Hauptwettbewerbs-Gewinner „Gegen die Wand“ spielte zwischen 2001 und 2002 in mehreren Schmuddelfilmen mit, was die Boulevardpresse auf den Plan rief. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

2004 machte Sibel Kekilli Schlagzeilen: Die Hauptdarstellerin von Fatih Akins Hauptwettbewerbs-Gewinner „Gegen die Wand“ spielte zwischen 2001 und 2002 in mehreren Schmuddelfilmen mit, was die Boulevardpresse auf den Plan rief. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Mit „Jakob der Lügner“ von Frank Beyer wurde 1975 erstmals eine DDR-Produktion gezeigt. Prompt gewann der heutige Filmklassiker einen Silbernen Bären. Ein Jahr zuvor war bereits mit „Mit dir und ohne dich“ eine sowjetische Komödie in Berlin außer Konkurrenz zu sehen gewesen. Aus heutiger Sicht (k)ein Skandal: Die Springer-Presse hetzte etwa gegen die vermeintliche Ostpropaganda.

Eine ähnliche Reaktion rief „Stammheim“ (1986) hervor: Die dritte RAF-Generation trieb gerade ihr Unwesen, als auf der Berlinale Reinhard Hauffs Film im Wettbewerb antrat. Darin unter anderem zu sehen: Therese Affolter als Ulrike Meinhof und Ulrich Tukur als Andreas Baader. Das Berlinale-Gremium befand sich sprichwörtlich unter Beschuss: Springer-Presse und Co. sahen in dem Film linke Propaganda, es kam gar zu Morddrohungen gegen Jurymitglieder. Auf den Zoo-Palast wurde ein Buttersäure-Anschlag verübt. Und als der Film auch noch den Goldenen Bären gewann, machte Jurypräsidentin Gina Lollobrigida bei der Preisübergabe klar, dass sie mit der Wahl nicht einverstanden sei.

Skandalöse Auftritte der Hollywood-Stars

Der US-Filmemacher Ben Russell (rechts neben Kollege Guillaume Cailleau) ging bei der Preisverleihung 2024 mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und sprach mit Blick auf das israelische Vorgehen im Nahost-Konflikt von „Genozid“.  (Bild: 2024 Getty Images/Sebastian Reuter)

Der US-Filmemacher Ben Russell (rechts neben Kollege Guillaume Cailleau) ging bei der Preisverleihung 2024 mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und sprach mit Blick auf das israelische Vorgehen im Nahost-Konflikt von „Genozid“. (Bild: 2024 Getty Images/Sebastian Reuter)

Robert Downey Jr. kam 1995 nach Berlin, um den Historienstreifen „Restoration - Zeit der Sinnlichkeit“ vorzustellen. Eigentlich. Doch der damals unter Alkohol- und Drogeneinfluss gerne rüpelhaft auftretende New Yorker nutzte lieber die ihm gegebene Zeit, um Schauspiel- und Filmkollegen Hugh Grant in die Pfanne zu hauen: „Er ist am Boden. Ich bin spitze“, brüstete er sich.

Leonardo DiCaprio wiederum sorgte 2000 für einen Teenie-Aufstand: Mit „The Beach“ wollte sich der damalige Teenie-Schwarm freischwimmen vom damaligen „Titanic“-Hype. Doch das gelang ihm damals ganz und gar nicht: Wohl noch nie bildeten sich so viele Backfischtrauben rund um die roten Teppiche der Festspieltage. Und da eine Berliner Zeitung den jungen Mädchen auch noch 1.000 Mark versprach, sollten sie Leo abknutschen können, war DiCaprio eigentlich nur dabei zu sehen, wie er versuchte, die Verehrerinnen abzuschütteln und sich wegzuducken.

Dieser Auftritt beendete seine Karriere (vorerst): 2014 produzierte Shia LaBeouf einen Skandal auf dem Roten Teppich. Mit einer Tüte auf dem Kopf inklusive der Aufschrift „I am not famous anymore“ lief er bei der Premiere des Lars-von-Trier-Films „Nymphomaniac“ über den Roten Teppich. Als wäre der Film mit seinen expliziten Sexdarstellungen nicht schon Schocker genug, benahm sich LaBeouf auch am Tag zuvor daneben: Mit der einstigen Rücktrittsverkündung des französischen Ex-Fußballers Eric Cantona - „wenn die Möwen dem Fischkutter folgen, tun sie das, weil sie denken, dass Sardinen ins Meer geworfen würden“ - auf den Lippen, sprengte der „Transformers“-Star die Pressekonferenz und verschwand zugleich wieder.

Nackte Haut blieb ein Aufreger-Thema

Auch ihr Ruf stand auf der Berlinale auf dem Spiel: 2004 wurde die Vergangenheit von Sibel Kekilli ausführlich diskutiert. Die Hauptdarstellerin von Fatih Akins Hauptwettbewerbs-Gewinner „Gegen die Wand“ spielte zwischen 2001 und 2002 in mehreren Schmuddelfilmen mit, was die Boulevardpresse auf den Plan rief. Während der Berlinale 2004 gab es kaum ein anderes Thema, immer weitere Enthüllungen sollten die Darstellerin diskreditieren. Am Ende setzte sich die Kunst durch, Kekilli gilt als Ex-“Tatort“-Kommissarin und mit internationalen Auftritten wie in „Game of Thrones“ inzwischen als etablierte Schauspielerin.

Ein Jahr später rief die „Bild“ erneut einen Skandal aus. Der Grund: Dieter Kosslick hatte die chinesische Schauspielerin Bai Ling in die Jury berufen. Bekannt für ihre aufreizenden Auftritte, sorgte die damals 38-Jährige immer wieder für Aufsehen. Unter der Überschrift „Berlin-nackte“ beobachtete die Presse genau, was auf dem Roten Teppich vor sich ging.

2006 schielten alle Augen auf den deutschen Beitrag „Der freie Wille“, ein Vergewaltigungsdrama von Matthias Glasner mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Die Schlagzeilen waren abermals reißerisch, die „B.Z.“ wollte mit „Gewalt-Sex schockt die Berlinale“ am Kiosk punkten. Vogel erhielt für seine Darstellung eines Triebtäters schließlich den Silbernen Bären.

Russlandkritik und Nahost-Konflikt erreichen die Berlinale

Doch auch die große Weltpolitik führte auf der Berlinale immer wieder zu Schlagzeilen. So zeigte sich schon vor 15 Jahren, dass bei Russlandkritik nicht zu spaßen ist: Ein Notebook, auf dem die Endfassung des Films „Der Fall Chodorkowski“ um den namensgebenden, einst inhaftierten Kreml-Kritiker enthalten war, wurde kurz vor dessen Premiere in Berlin aus dem Büro von Regisseur Cyril Tuschi gestohlen. Nicht das erste Mal, dass das Putin-kritische Werk dem Filmemacher abhandenkam: Zuvor wurden Kopien während eines Hotelaufenthalts auf Bali entwendet. Tuschi konnte seinen mit Spannung erwarteten Film schließlich trotzdem zeigen. Wer hinter den Diebstählen steckte, liegt nach wie vor im Dunkeln.

2021 gab es unter Pandemie-Bedingungen nur eine virtuelle Light-Version der Berlinale, einen kleinen politischen Aufreger gab es trotzdem. Im Fokus: „The First 54 Years“ von Regisseur Avi Mograbi. Unter anderem die „Welt“ prangerte den Dokumentarfilm als vermeintlich Israel-feindliche Propaganda an. Einen großen öffentlichen Aufschrei gab es jedoch nicht in dieser Zeit, als die ganze Welt nur über Corona sprach.

Anders bei der Berlinale 2024: Der US-Filmemacher Ben Russell ging bei der Preisverleihung mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und sprach mit Blick auf das israelische Vorgehen im Nahost-Konflikt von „Genozid“. Vom Publikum gab es dafür Applaus. Berlins Bürgermeister Kai Wegner verurteilte den Vorfall am nächsten Tag als „untragbare Relativierung“. (tsch)