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Kommentar

Gastbeitrag
Bischof Gerber: Wie die Kirche Beispiel geben kann

5 min
Der Bischof von Fulda, Michael Gerber, ist auch stellvertretender Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz. Hier spricht er vor der Presse zum Abschluss des Reformprozesses „Synodaler Weg“ Ende Januar 2026 in Stuttgart.

Der Bischof von Fulda, Michael Gerber, ist auch stellvertretender Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz. Hier spricht er vor der Presse zum Abschluss des Reformprozesses „Synodaler Weg“ Ende Januar 2026 in Stuttgart.

Der selbstkritische Umgang der Kirche mit ihrer Geschichte ist auch ein Gegenentwurf zu unheilvollen Tendenzen, die derzeit die Gesellschaft als ganze gefährden.

Unvollkommen und bruchstückhaft, schleppend und spannungsreich – das sind Attribute, die auf den „Synodalen Weg“, den 2019 begonnenen Reformprozess unserer katholischen Kirche in Deutschland, angewendet werden können. Gleichwohl hat die sechste und letzte Synodalversammlung in Stuttgart gezeigt, dass vieles geleistet und erreicht werden konnte. Zur bleibend positiven Bilanz zählt aus meiner Sicht, wie der Synodale Weg auf zentrale Herausforderungen unserer Gesellschaft insgesamt reagiert hat. Gerade das zählt auch zum Auftrag der Evangelisierung. Ich greife drei Beobachtungen heraus, die mir das als Bischof und Bürger unseres Landes besonders verdeutlichen.

Umgang mit der Geschichte

Der Umgang mit Geschichte ist in allen Epochen ein Machtmittel der Herrschenden, sowohl im weltlichen wie im religiösen Bereich. Aktuell müssen wir konstatieren, dass es schon länger in Russland und neuerdings auch in den USA wirkungsvolle Ansätze gibt, die eigene Geschichte umzuschreiben – im Interesse einer günstigen Begründung der eigenen Politik. Die katholische Kirche in Deutschland steht weiter vor der Aufgabe, sich der eigenen Geschichte zu stellen und diese aufzuarbeiten. Die Auseinandersetzung mit der vielfach zu konstatierenden sexualisierten Gewalt und deren fatalen Folgen für die Betroffenen war ein entscheidender Ansatzpunkt des Synodalen Weges. Ignorieren, Relativieren und Umdeuten bis hin zur sogenannten Täter-Opfer-Umkehr waren über sehr lange Zeit klassische Reaktionen leider auch im Raum der Kirche.

Schlüsseltexte des Alten wie des Neuen Testaments verweisen dagegen auf eine bemerkenswert andere Praxis. Sie zeichnen ein durchweg kritisches Bild der Amtsträger der eigenen Religionsgemeinschaft. Die Könige Saul, David und Salomon werden an den Zehn Geboten gemessen. Dieser Maßstab ist ihrem Machtzugriff prinzipiell entzogen. Das weicht fundamental ab von der Praxis der Herrscher im Alten Orient oder im antiken Rom, sich selbst als „Maß aller Dinge“ zu präsentieren. Auch die Evangelien schildern jene Personen differenziert-kritisch, die im Jüngerkreis Jesu und in den frühen Gemeinden besondere Verantwortung haben. Biblisch begründet, ist Erinnerung zugleich heilsam und gefährlich.

Die ‚gefährliche Erinnerung‘, der Blick auf die Schuld-Geschichte, ist heilsam.
Bischof Michael Gerber

Aus der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wissen wir, wie entscheidend der schonungslose und kritische Blick auf das Geschehen als Ganzes ist. Gerade jetzt, während die letzten Zeuginnen und Zeugen der NS-Gräuel für immer verstummen, werden relativierende Stimmen lauter und politische Kräfte stärker, die unsere Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur insgesamt infrage stellen.

Einmal mehr stehen wir gerade heute vor der Herausforderung, kritisch auf unseren Umgang mit der eigenen Geschichte zu schauen. Es war eine Leistung des Synodalen Wegs aufzuzeigen, dass gerade die „gefährliche Erinnerung“, der Blick auf die Schuld-Geschichte, heilsam ist – hoffentlich für die unmittelbar Betroffenen, aber auch für alle Entscheidungsträger in Verantwortung für künftige Entwicklungen.

Fokus auf systemische Ursachen

Der Synodale Weg hat sich zugleich verpflichtet, nach systemischen Ursachen für sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch zu forschen. Im Dialog mit Vertretern der römischen Dikasterien habe ich einmal gesagt: Der Blick auf mögliche begünstigende systemische Ursachen gehört in Deutschland seit langem zur „kulturellen DNA“. Sie hat sich wesentlich durch die jahrzehntelange Aufarbeitung der Gräuel des NS-Regimes entwickelt. Es war damals unabdingbar, die unmittelbaren Täter zur Verantwortung zu ziehen. Hinzu kam allerdings auch eine Auseinandersetzung mit den systemischen Faktoren, die den Nationalsozialismus ermöglicht oder zumindest begünstigt haben.

Dies hat dazu geführt, dass etwa im Grundgesetz und im System der sozialen Marktwirtschaft Maßnahmen getroffen wurden, die die Würde des Menschen, die demokratische Ordnung und das friedliche Zusammenleben der Völker in besonderer Weise schützen.

Wo ist heute ein geschärfter Blick auf mögliche systemische Faktoren gefordert? HIer müssen die Kirchen ihre Stimme erheben.
Bischof Michael Gerber

Um nicht missverstanden zu werden: Bei allem Erschrecken über das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Kirche kann kein Vergleich mit den Gräueln der NS-Zeit, insbesondere der Shoah, gezogen werden. Aber aus der Erfahrung, wie notwendig nach 1945 über Jahrzehnte die Aufarbeitung insbesondere der systemischen Ursachen war, erwächst heute ein Auftrag, wenn wir uns als Kirche der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt stellen. Diese Anstrengung hat der Synodale Weg unternommen.

Zugleich: Wo ist heute ein geschärfter Blick auf mögliche systemische Faktoren gefordert – angesichts bedenklicher gesellschaftlicher und insbesondere politischer Entwicklungen in unserem Land? Hier müssen die Kirchen ihre Stimme erheben.

Schule der Empathie

Zu diesen gehört – und das ist mein dritter Fokus – die Bedeutung der Empathie. Es ist jetzt ein knappes Jahr her, dass Elon Musk die Empathie als „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“ bezeichnet hat. Vieles, was wir in den vergangenen Monaten in der Weltpolitik haben erleben müssen, zeigt, dass sich neu Strategien etablieren, die explizit von Empathielosigkeit geprägt sind.

Damit Empathie als Haltung wachsen kann, braucht es Erfahrungsfelder. Der Synodale Weg war für mich ein solcher Raum. Prägend waren für mich vor allem die Gespräche am Rande. Oft waren es lange Sequenzen mit Betroffenen sexualisierter Gewalt oder queeren Menschen – über Jahre hinweg. Mir hat sich besonders eingeprägt, wo eine Erstbegegnung zunächst sehr konfrontativ war und dann im Laufe der Zeit ein tieferes Verständnis füreinander gewachsen ist.

Angesichts der gegenwärtigen Polarisierungen sind wir herausgefordert, Orte der Begegnung zu etablieren.
Bischof Michael Gerber

Der Synodale Weg hat gezeigt: Wo durchaus kontroverse Themenfelder mit konkreten Gesichtern und Biografien verbunden werden, kann dies der Anlass sein, eigene Haltungen und Einstellungen kritisch zu hinterfragen. Angesichts der gegenwärtigen Polarisierungen sind wir auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen herausgefordert, solche Orte der Begegnung zu etablieren.

Die Evangelisierung ist und bleibt Kernauftrag kirchlichen Lebens. Wie heute Menschen in eine positive Resonanz zur Freude des Evangeliums treten, das hat – so meine Wahrnehmung – die Beteiligten am Synodalen Weg in all ihrer Unterschiedlichkeit bewegt. Zeugnis setzt hier Haltung voraus. So ist die Kirche dort „Salz der Erde“, wo sie selbstkritisch und zugleich selbstbewusst durch konkrete Initiativen mitwirkt an einer Kultur, die von der Achtung der Würde des Menschen und damit von Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Respekt durchdrungen ist.

Der Synodale Weg, bisweilen holprig und voller Hindernisse, war in meinen Augen ein solcher Ansatz. Ich bin überzeugt: Es lohnt sich, diesen Weg weiterzugehen.


Zur Person

Michael Gerber ist seit 2019 Bischof von Fulda. 2023 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Nach einer durch Krebs bedingten Auszeit 2025 hat der 56-Jährige die Amtsgeschäfte wieder voll aufgenommen. (jf)