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Millionencoup in GelsenkirchenBankräuber hatten laut Reul Helfer mit Insider-Wissen

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Security-Mitarbeiter stehen vor der nach dem spektakulären Einbruch geschlossenen Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen.

Security-Mitarbeiter stehen vor der nach dem spektakulären Einbruch geschlossenen Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen.

Der spektakuläre Bankraub in Gelsenkirchen wirft viele Fragen auf. Am Dienstag beschäftigt sich der Innenausschuss des Landtags mit dem Verbrechen. 

Der spektakuläre Einbruch in eine Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen ist am Dienstag Thema im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags. NRW-Innenminister Herbert Reul sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor der Sondersitzung, es gebe noch viele offene Fragen und erst wenige konkrete Antworten: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Täter Hilfe hatten und genau wussten, wo sie welche Tür wie öffnen müssen oder wie sie die Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden waren und was es braucht, um unbeobachtet zu bleiben“, sagte der CDU-Politiker.

„Wir gehen von einer hochprofessionellen Bande aus, die den Diebstahl penibel vorbereitet hat. Mit schweren Gerätschaften, mit denen man ein 60 Zentimeter tiefes Loch durch die Wand einer Bank bohrt, kann nicht jeder Heimwerker umgehen“, sagte der Politiker aus Leichlingen.

Bei dem Einbruch waren rund 3200 Schließfächer aufgebrochen worden, dabei wurden Wertgegenstände im Wert von bis zu 100 Millionen Euro erbeutet. Der Coup hat manchen Geschädigten offenbar größere Verluste eingebracht, als bisher bekannt geworden ist. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll allein ein Schließfachbesitzer Werte in Höhe von vier Millionen Euro verloren haben.

Brandmelder löste zwei Mal aus, die Alarmanlage nicht

Nach wie vor fahnden die Ermittler der Soko „Bohrer“ nach der Bande, die sich kurz nach den Weihnachtstagen über eine benachbarte Tiefgarage Zugang zum Raum hinter der Stahlbetonwand und zu den Schließfächern verschafft hatte. Anschließend hatten sich die Täter den Weg zu dem Tresorbereich mit einem Spezialbohrer geebnet.

Die Ermittler gehen derzeit mehreren Fragen nach: Warum hat einzig ein Brandmelder zwei Mal ausgelöst, aber nicht die Alarmanlage? Wieso hatte der Einsatztrupp aus Feuerwehr und einem Polizisten bei seinem Kontrollgang nach dem ersten Auslösen des Brandmelders am 27. Dezember keine Hinweise auf den Einbruch gefunden? Zudem hatte die Sparkasse einen privaten Wachdienst angeheuert. Wann und wie sollte die Firma Kontrollen im Geldinstitut durchführen?

Ein großes Loch ist in der Wand des Tresorraums einer Sparkasse zu sehen. Einbrecher haben sich mit Hilfe eines großen Bohrers Zugang zum Tresorraum verschafft. Dort durchsuchten sie die Wertschließfächer.

Ein großes Loch ist in der Wand des Tresorraums einer Sparkasse zu sehen. Einbrecher haben sich mit Hilfe eines großen Bohrers Zugang zum Tresorraum verschafft. Dort durchsuchten sie die Wertschließfächer.

Christina Kampmann, innenpolitische Sprecherin der SPD, erklärte auf Anfrage, der Einbruch sei nicht nur ein Angriff auf die Sicherheit, sondern für viele Betroffene auch eine persönliche Katastrophe: „Einige Kundinnen und Kunden haben ihre gesamten Ersparnisse verloren – das ist existenzbedrohend. Wir erwarten, dass die Ermittlungen mit höchster Priorität geführt werden und gleichzeitig umfassende Unterstützung für die Opfer erfolgt: schnelle Information, rechtliche Beratung und psychologische Hilfe“, so Kampmann. Auch die Landesregierung müsse alles daransetzen, dass Vertrauen nicht verloren gehe, sondern zurückgewonnen werde.

Sparkassenchef weist Kritik an Sicherheitsvorkehrungen zurück

Marcel Hafke, innenpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion NRW, betonte, der Sparkassen-Einbruch werfe etliche Fragen auf und verunsichere die Menschen in ganz NRW: „Dieses Verbrechen erschüttert das Vertrauen in die Sicherheit von Banken und die Handlungsfähigkeit des Staates gegenüber Kriminellen“, sagte der Liberale unserer Zeitung. Reuls „Selbstinszenierung als harter Gangster-Jäger“ ersetze kein konsequentes Vorgehen gegen die Organisierte Kriminalität, ihre Hintermänner und Netzwerke. „NRW braucht eine wirksame, landesweit koordinierte Strategie gegen Organisierte Kriminalität, statt nur auf Einzelfälle zu reagieren“, sagte der FDP-Politiker.

Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Gelsenkirchen hat Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen zurückgewiesen. Die Filiale mit dem Schließfachraum sei „nach dem anerkannten Stand der Technik gesichert“ gewesen, sagte Sparkassenchef Michael Klotz in einem Interview mit der „WAZ“. Gesprüft wird jetzt auch, ob die Sparkasse Sorgfalts- und Aufklärungspflichten verletzt hat. Anwälte der Kunden wie der Jurist Burkhard Benecken bemängeln, dass seine Mandanten nicht über die niedrige Versicherungssumme von 10.300 Euro pro Schließfach bei Vertragsabschluss unterrichtet worden seien.