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GesundheitssystemNRW will Zugang zu Fachärzten und Notaufnahmen reformieren

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Karl-Josef Laumann (CDU, M.) nordrhein-westfälischer Gesundheitsminister, spricht während einer Pressekonferenz.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU, M.) will den Weg zum Facharzt reformieren.

Die derzeitige ambulante Versorgung ist nicht effizient. Um sie zu verbessern, hat Gesundheitsminister Laumann einen Plan erarbeiten lassen. Er hat damit weit mehr als NRW im Blick.

Karl-Josef Laumann tritt auf wie der große Bruder, der sich sicher ist: Ohne ihn wäre die Familie aufgeschmissen. Er hat die Ausgehzeiten ausverhandelt, das Taschengeld erhöht – und den Weg für die Geschwister geebnet. An diesem Vormittag in Düsseldorf steht der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister mit sechs Vertretern des NRW-Gesundheitssystems vor der Presse und präsentiert 15 Eckpunkte zur „zukunftsfesten ambulanten medizinischen Versorgung“. Die Marschrichtung gibt er gleich zu Beginn vor: „Wir in NRW wollen nicht hochnäsig sein, aber wir können durchaus den Anspruch erheben, dass wir lesen und schreiben können, dass wir gute Ideen und Einfluss haben. Dafür müssen wir nicht im Bundesministerium sitzen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Laumann Einfluss über sein Bundesland hinaus nehmen will. Schon bei der Krankenhausreform galt sein NRW-Modell bundesweit als Blaupause. Nun greift der Minister nach dem nächsten großen Thema: der ambulanten Versorgung. Laumann schreibt ein Reformpapier und schiebt es gewissermaßen über den Tisch bis nach Berlin: „Das wird auch außerhalb NRWs gelesen“, sagt er.

Der Minister trommelt für den Schulterschluss

Bevor Laumann inhaltlich wird, trommelt er für den Schulterschluss. Keine Idee, betont er, halte den ersten Reibungspunkten stand, wenn sie nicht von Beginn an gemeinsam getragen werde. Also versammelt er Krankenkassen, Ärzteschaft und Patientenvertreter auf einem Podium – und alle nicken: Matthias Mohrmann von der AOK, Frank Bergmann von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Dirk Ruiss vom Verband der Ersatzkassen. „Der einseitige Blick auf die Lage trägt nur zur Verunsicherung bei“, sagt Laumann.

Die meisten der 15 Eckpunkte lassen sich ohne den Bund nicht gesetzlich verankern – das weiß man freilich in Düsseldorf. Was Laumann hier vorlegt, ist kein Gesetz. Aber: „Wir wollen unser Papier als bundesweiten Impuls verstanden wissen.“

Inhaltlich sind die Eckpunkte nicht revolutionär – aber konsequent gedacht. Kernstück ist eine verbindliche Ersteinschätzung bei akuten Erkrankungen: Bevor ein Patient in die Facharztpraxis oder Notaufnahme drängt, sollen ihn ein Hausarzt oder die Rufnummer 116/117 lotsen – digital, telefonisch, verbindlich. „Ob man zum Facharzt oder in die Klinik muss, oder der Hausarzt ausreicht – das kann keine individuelle Entscheidung sein“, sagt Laumann. Der Primärarzt wird zur Pforte. Und die Pforte öffnet sich eben nicht nach dem Willen des Patienten.

Kern der Idee: die verbindliche Ersteinschätzung bei akuten Erkrankungen

Auch nicht jenen, die sie mit Geld aufstoßen wollen. Wer als Kassenpatient bereit ist, einen Facharzttarif aus eigener Tasche zu zahlen, um die Warteschlange zu umgehen, dem erteilt Laumann eine klare Absage: „Die Patientensteuerung muss verbindlich sein. Von Freikaufen halte ich nichts.“ Laumann antwortet damit auch Andreas Gassen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der im vergangenen Jahr noch für genau ein solches Zweiklassensystem innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung geworben hatte. AOK-Vertreter Mohrmann pflichtet ihm bei, mit dem Hinweis, dass die meisten Patienten ohnehin keine Flipperkugel sein wollen, die planlos von Praxis zu Praxis prallt.

Darüber hinaus fordert das Papier den Abbau von Bürokratie in Arztpraxen, standardisierte Versorgungspfade und die rechtssichere Delegation ärztlicher Aufgaben an neue Berufsgruppen wie Physician Assistants oder Community Health Nurses. Und dann setze man noch auf die Prävention, wie Referatsleiter Felix Lüken schlüssig argumentiert: „Am meisten entlasten unser Gesundheitssystem schließlich Patienten, die gar nicht erst entstehen.“

In einem Punkt hält die gemeinsame Front allerdings nicht. Laumann greift das ärztliche Honorarsystem an. Es sei veraltet, seine Fehlanreize seien offenkundig: Wer Geld dafür bekomme, möglichst viele Patienten durch die Praxis zu schleusen, der bestelle eben auch diejenigen ein, die wenig Aufwand verursachten. „Das würde ich genauso machen“, sagt Laumann, klagt damit das System an und spricht die Ärzte frei.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe bleibt man da vorsichtiger. Vorstandsvorsitzender Dirk Spelmeyer sperrt sich nicht grundsätzlich gegen eine Honorarreform – aber er bremst. „Wir müssen strukturiert vorgehen und einen Schritt nach dem anderen gehen.“